Klima der Angst

19. Dezember 2010 19:57; Akt: 19.12.2010 20:47 Print

«Väterchen» Lukaschenko und die Macht

Unnachgiebig klammert er sich an die Macht: Weissrusslands umstrittener Präsident Alexander Lukaschenko wurde wieder gewählt. Das stand schon vor den Wahlen fest.

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Während Lukaschenko von westlichen Politikern oft als der «letzte Diktator Europas» bezeichnet wird, geniesst er vor allem unter den älteren Weissrussen und den Leuten vom Land Ansehen. (Bild: Keystone/AP)

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Weissrusslands Präsident Alexander Lukaschenko bat seine Landsleute zwar am Sonntag an die Urnen, aber schon vorher stand fest, dass der 56-Jährige bei der Präsidentschaftswahl die klare Mehrheit der Stimmen erhält.

Mit seinem autoritären Führungsstil hat der seit 16 Jahren amtierende Lukaschenko ein Klima der Angst geschürt. Der ohnehin zersplitterten und schwachen Opposition gönnt er keinen Platz in den Medien des Landes. Unregelmässigkeiten sind bei Wahlen in Weissrussland allgegenwärtig - auch diesmal werden sie wohl nicht ausbleiben.

Aufgewachsen ist der Mann mit dem markanten Schnauzer in dem Dorf Rischkatidschi etwa 200 Kilometer östlich von Minsk. Hier lebte er zunächst in ärmlichen Verhältnissen, stieg dann aber in die kommunistische Landwirtschafts-Elite auf. 1987 wurde er Direktor einer Kolchose, 1990 wurde er ins weissrussische Parlament gewählt.

«Er war wirklich positiv eingestellt und gegen den Kommunismus», erinnert sich sein ehemaliger Freund Alexander Scherbak. Erst später sei Lukaschenko «machtsüchtig» geworden.

Fast uneingeschränkte Macht

Seine politische Karriere gewann 1993 an Fahrt, als er Vorsitzender des parlamentarischen Anti-Korruptionsausschusses wurde. Diesen Posten nutzte er 1994, um sich bei der ersten Präsidentschaftswahl in Weissrussland ins höchste Staatsamt wählen zu lassen.

Seither zog er unaufhörlich Macht an sich und gab sie nicht mehr aus den Händen. 1996 peitschte er ein umstrittenes Verfassungsreferendum durch, das ihm fast diktatorische Befugnisse zubilligte und das Parlament beträchtlich schwächte.

Die Präsidentschaftswahlen 2001 und 2006 gewann er. Sie verfehlten die demokratischen Standards nach Angaben von Beobachtern aber eindeutig.

Während Lukaschenko von westlichen Politikern oft als der «letzte Diktator Europas» bezeichnet wird, geniesst er vor allem unter den älteren Weissrussen und den Leuten vom Land Ansehen. Fast zärtlich nennen sie ihn «Batka» (»Väterchen»).

Widerstand der Jugend

Doch bei der Jugend ist er umstritten. Vor allem junge Menschen waren es, die nach der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren massenweise auf die Strasse gingen. Sie prangerten Manipulationen bei dem Urnengang an - und mussten fürchten, Opfer einer Verhaftungswelle zu werden.

Mehrere politische Gegner Lukaschenkos wurden damals zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Zwei von ihnen wurden laut Amnesty International im März mit Nackenschüssen hingerichtet.

Kaum mehr Unterstützung aus Moskau

Den Wahlsieg vor vier Jahren erkannten die Opposition und das westliche Ausland nicht an, weil die Abstimmung weder frei noch fair verlief. Dafür gab der grosse Nachbar Russland Lukaschenko damals noch Rückendeckung. Doch das Vertrauen Moskaus scheint er inzwischen verloren zu haben.

Die Beziehungen zwischen den einstigen Verbündeten sind seit mehreren Monaten merklich abgekühlt. In den russischen Medien wurde Lukaschenko als «Psychopath» dargestellt. Zudem gab es Streit um Gaslieferungen; auch die von Lukaschenko offenbar angestrebte Annäherung an die Europäische Union ist Moskau ein Dorn im Auge.

Überholen verboten

Im Privatleben nimmt der sportbegeisterte Lukaschenko, der sich mal im Bauern-Gewand, mal bei einer Hockey-Partie im Fernsehen präsentiert, regelmässig an Wintersportwettkämpfen teil. Ihn zu besiegen ist jedoch verboten. «Man darf ihn beim Hockeyspielen nicht berühren und beim Skifahren nicht überholen», berichtet Kajak- Olympiasieger Wladimir Parfenowitsch.

Neben seinem Hang zur Macht pflegt Lukaschenko sein Bild als liebender Vater. Seinen sechsjährigen Sohn Kolja nimmt er oft zu Sitzungen mit.

Einst begleitete der Kleine ihn sogar zu einem Treffen mit dem Papst. «Er ist mein Talisman», sagte er einst über seinen Sohn. Einen Glücksbringer braucht er für die Präsidentschaftswahl allerdings nicht.

(sda)