Médecins Sans Frontières

10. März 2011 10:23; Akt: 21.03.2011 15:42 Print

«Verletzte dürfen das Land nicht verlassen»

von Kian Ramezani - Im Osten Libyens und an der tunesischen Grenze ist die humanitäre Versorgung gesichert. Grosse Sorgen bereitet den Helfern aber die Lage im Westen.

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Libysche Ärzte behandeln einen verletzten Rebellen im heftig umkämpften Ras Lanuf. Die Sicherheitslage hier ist so prekär, dass internationale Hilfsorganisationen nicht durchkommen. (Bild: Keystone/AP/Hussein Malla)

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Als eine von wenigen internationalen Hilfsorganisationen hat Médecins Sans Frontières (MSF), die Ärzte ohne Grenzen, Mitte Februar eine Präsenz in Bengasi im Osten Libyens aufgebaut und bisher 22 Tonnen medizinische Ausrüstung und Hilfsgüter geliefert. Weitere 11 Tonnen sind unterwegs. Vor Ort unterstützt ein Schweizer Team libysche Ärzte und versucht, andere Gebiete zu erreichen, in denen es Verletzte zu behandeln gibt.

Bei einem Besuch in Ajdabiya (160 Kilometer südlich von Bengasi) vergangene Woche wurde MSF Zeuge, wie im einzigen Spital der Stadt innerhalb eines Tages 30 Verletzte eingeliefert wurden, von denen elf verstarben. Der generelle Eindruck war dessen ungeachtet gut, was auch die «New York Times» bestätigte.

Im Westen Libyens hingegen stossen die ausländischen Ärzte auf grosse Probleme. Am Montag versuchte ein Team von Osten her das umkämpfte Ras Lanuf zu erreichen, musste aber aufgrund der extrem schlechten Sicherheitslage wieder umkehren. Auch die Versuche, die hilfsbedürftigen Menschen im Westen von der anderen Seite, der tunesischen Grenze, zu erreichen, sind bisher gescheitert. Ein Team von MSF wartet seit dem 23. Februar auf die Erlaubnis einzureisen. Momentan werden hier weder medizinisches Personal noch Material ins Land gelassen. Einzig ein stetiger Flüchtlingsstrom aus Libyen passiert diese Grenze.

Traumatisierte Flüchtlinge

Laut Angaben von MSF geht es den Flüchtlingen körperlich gut, abgesehen von kleineren Leiden wie Erkältungen, Kopf- und Bauchschmerzen. Allerdings stellen die Ärzte einen steigenden Bedarf an psychologischer Betreuung fest: Viele der Menschen auf der Flucht waren in Libyen Zeugen von Gewalt oder haben diese am eigenen Leib erfahren. Die Versorgung dieser Menschen in den Flüchtlingslagern funktioniert offenbar recht gut, was nicht zuletzt an der beherzten Reaktion der tunesischen Behörden und Bevölkerung liegt.

«Tunesien hat mit bemerkenswerter Grosszügigkeit auf den massiven Zustrom an Personen reagiert. Wir haben Hunderte von Tunesiern gesehen, die private Spenden wie Nahrung, Wasser, Decken oder Brennholz brachten», berichtet Ivan Gayton, Notfall-Koordinator in Ras Ajdir an der tunesisch-libyschen Grenze. Er betont, eine humanitäre Krise gebe es hier nicht.

Situation im Westen besorgniserregend

MSF geht von 94 000 Flüchtlingen aus, die Libyen in den vergangenen Tagen Richtung Tunesien verlassen haben. Waren es zu Beginn noch zwischen 8000 und 14 000 pro Tag, ist ihre Zahl inzwischen auf rund 2500 gesunken - eine Entwicklung, die nicht nur positiv beurteilt wird.

Die Helfer machen sich grosse Sorgen um die Lage jenseits der Grenze. Flüchtlinge berichten, dass Verletzte das Land nicht verlassen dürfen. MSF bestätigt in einer Mitteilung, dass auffallend wenig verletzte Flüchtlinge die Grenze nach Tunesien passieren. «Wir befinden uns in einer zutiefst besorgniserregenden Lage, wo Verletzte auf der einen und medizinisches Personal und Versorgungsgüter auf der anderen Seite blockiert sind.»

Die Organisation sucht nach eigenen Angaben weiter nach Möglichkeiten, in den Westen Libyens durchzudringen. Aus Kontakten zu libyschen Ärzten sei bekannt, dass es dort an Material und Medikamenten mangelt, um die Verletzten zu versorgen.