Offener Papst

29. Juli 2013 14:13; Akt: 29.07.2013 14:38 Print

«Wer bin ich, um Schwule zu verurteilen?»

Papst Franziskus hat nach seiner Brasilien-Reise auf dem Rückflug nach Rom mit Journalisten gesprochen - und sich erstmals sehr offen zum Thema Homosexualität gezeigt.

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Trotz Hudelwetters sind Hunderttausende Gläubige an die Copacabana geströmt, um mit Papst Franziskus am 25. Juli 2013 die Eröffnung des 28. katholischen Weltjugendtags zu feiern. Jugendliche Katholiken posieren mit Franziskus-Puppen am Strand, der eigentlich für Schönheiten im String-Bikini berühmt ist. Papst Franziskus wird bei seiner Ansprache vorübergehend zur Nonne Franziska - rein äusserlich und nur wegen des Windes, natürlich. In den Hochhäusern, die den weltberühmten Strand säumen, betrachten Menschen von Ferne das Geschehen. An der Eröffnungsfeier werden auch Performances der Jugendlichen geboten. Nachdem der Papst den Strand verlassen hat, verziehen sich auch die Soldaten, die das Ereignis bewachten, Richtung warme Stube. Zuvor hatte eine lebende Kopie von Franziskus am Weltjugendtag 2013 die Menge in Rio de Janeiro unterhalten . Es handelt sich um Roque Steves, der die Gestik des Heiligen Vaters offensichtlich perfekt beherrscht. Doch nicht nur er ist ein beliebtes Motiv für die Fotografen aus aller Welt. Auch das Orignial wird gern geknipst. Vor allem wenn ihm - wie hier bei seiner Ankunft am 22. Juli - der Wind den Kragen übers Gesicht bläst. Gern fotografiert wird auch die Gestik des Heiligen Vaters. Wie er etwa mit seinen in die Luft gestreckten Zeigefingern zu den Journalisten an Bord seines Fliegers spricht. Aber auch mit dieser Geste hat er schon eine Nachahmerin inspiriert. Die braslianische Staatschefin Dilma Rousseff zeigt, dass sie es ebenso gut kann wie er. Noch typischer ist diese Geste: Der Papst winkt den Gläubigen zu. Sowohl zum Abschied beim Abflug in Rom wie auch ... ... zur Begrüssung bei der Ankunft in Rio. Rio steht kopf, wenn der Pontifex kommt. Die Pilger decken sich mit den schrägsten Souvenirs ein. Etwa mit einer comicartigen Franziskus-Stoffpuppe. Oder Schlüsselanhänger in Form von Flipflops mit dem Konterfei des Papstes. Wie der Erfinder auf diese schräge Idee kam, bleibt sein Geheimnis. Das Geschäft mit Erinnerungsstücken floriert, ganze Geschäftsstrassen sind voll mit den Gegenständen. Wie schon vergangenes Jahr in Madrid stehen heuer auch in Rio wieder die Beichtboxen bereit. Mit hunderten dieser mobilen Beichtstühle versuchen Priester, der Sehnsucht nach Vergebung nachzukommen. Sie sind ausserdem ein beliebtes Motiv für die Fotografen, die sich zwischen den Auftritten des Papstes so die Zeit vertreiben. Aber auch Hobbyfotografinnen und -fotografen greifen gern zur Kamera. So eine Reise macht man schliesslich nicht alle Tage. Mit durchsichtigen Kapuzen trotzen die Bischöfe dem Hudelwetter, ohne dass sie ihre violetten Kopfbedeckungen verbergen müssen. Sehr elegant.

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Papst Franziskus flog am Sonntagabend von Rios internationalem Flughafen Richtung Rom ab. Seine erste Auslandreise ging damit zu Ende. Doch auf dem Flug sass er kurz mit Journalisten zusammen und machte dabei überraschende Aussagen. «Wenn jemand schwul ist und dabei guten Willen beweist, wer bin ich dann, um ihn zu verurteilen?»

Laut Angaben der italienischen Nachrichtenagentur AGI meinte der Pontifix, dass er «über schwule Priester wegen ihrer sexuellen Orientierung kein Urteil fällen» werde. «Man darf diese Personen nicht diskriminieren oder ausgrenzen. Die Kirche schaut nicht auf die Tendenz einer Person. Alle sind Brüder. Wenn sich jemand verliert, muss ihm geholfen werden. Man muss unterscheiden, ob er eine anständige Person ist oder nicht», wurde der Papst zitiert.

Starke Unterschiede zu Vorgänger Benedikt XVI.

Das Problem seien nach Ansicht des Papstes die Lobbys. «Lobbys sind nicht gut, das bezieht sich auf politische Lobbys, Freimaurer-Lobbys und auch auf Schwulenlobbys», so der Heilige Vater. Sein Vorgänger, Benedikt XVI., hatte in einem Kirchendokument festgelegt, dass Männer mit homosexuellen Neigungen nicht Priester werden sollten.

Franziskus gab sich da bislang etwas versöhnlicher und erklärte, dass schwule Geistliche Vergebung empfangen und ihnen ihre Sünden vergeben werden sollten. Seine Aussagen dürften den Spekulationen über die Hintergründe der «Vatileaks»-Affäre, die nach Ansicht von Beobachtern mit zum Rücktritt von Papst Benedikt XVI. beigetragen hatte, neuen Schwung verleihen. Italienische Medien hatten in diesem Zusammenhang von einer «Schwulen-Lobby» berichtet, die den Ende Februar aus Gesundheitsgründen zurückgetretenen Papst erpresst haben soll.

(kle/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Papstine am 29.07.2013 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Homosexuelle

    Es ist nun mal leider so, dass auch der liberalste Papst der Weltgeschichte nichts an der Tatsache ändern kann, was zum Thema Homosexualität in der Bibel steht. Wenigstens hat Franziskus begriffen, dass keine "Sünde" gesondert behandelt werden sollte. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass auch die Erzkatholiken mit der Verfolgung und der üblen Nachrede aufhören. Liebe Homosexuelle, es tut mir aufrichtig Leid, was ihr euch von unserer Kirche schon so alles anhören musstet. Verzeiht uns, wir wissen auch nicht immer was wir tun.

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  • Olivia am 29.07.2013 17:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zölibat, etc.

    Wenn es ihm jetzt noch gelingt, das zölibat abzuschaffen und frauen nicht nur zum freiwillig helfen in der kirche einsetzt, dann ist er für mich ein echter hero!!!

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  • FR am 29.07.2013 18:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich Liberalismus in der Kirche

    Endlich ein Pontifex der nicht im Mittelalter stecken geblieben ist. Wenn er das Kondom nicht als Teufelswerk bezeichnet, um so besser.

Die neusten Leser-Kommentare

  • R.W am 29.07.2013 23:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm..

    Naja, man muss aber auch die Vorteile der Homosexualität sehen.. Bei einer Spezies in der Überbevölkerung herrscht (wie beim Menschen) ist es natürlich von nutzen wenn ein Teil dieser Spezies keine Nachkommen zeugt.. Ich denke die Homosexualität ist schlicht ein "Abwehrmechanismus" der Natur.

    • Zeppe am 30.07.2013 08:52 Report Diesen Beitrag melden

      Frage

      Im Artikel steht: "Wenn jemand schwul ist und dabei guten Willen beweist, wer bin ich dann, um ihn zu verurteilen?» Soll das heissen, dass er nur schwule Priester nicht verurteilt, weil sie guten Willen beweisen? Alle anderen sollen in der Hölle schmoren?

    • Nadja Graf am 30.07.2013 12:01 Report Diesen Beitrag melden

      An R.W

      Interessanter gedanke :)

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  • Karol Woitila am 29.07.2013 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    Was vergeben?

    lustige sache das mit der vergebung... wusste nicht dass schwulen vergeben werden muss. Mit anderen Worten wusste ich nicht, dass schwule (kollektiv) was ausgefressen haben, dass eine Vergebung nötig wäre.

  • Neles Berger am 29.07.2013 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    keine versöhnungsworte vom pappst!

    Der pappst sagt überhaupt nichts versöhnliches, er ist der meinung schwule seinen vom teufel bessesen, wer guten willens ist also seine sexualität unterdrückt und bei der kirche hilfe sucht um seine sexualität zu bekämpfen denn müssen wir helfen... er will das schwulsein heilen... Wenn sich jemand verliert, muss ihm geholfen werden. Man muss unterscheiden, ob er eine anständige Person ist oder nicht. ob er es auslebt oder nicht, den weg verloren, wir werden helfen... blablabla er ist gegen die lobbys... warum wohl? weil sie sich verbünden, mehr leute haben mehr macht...

  • Atheistin am 29.07.2013 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Endlich ein Schritt in die richtige Richtung!

  • Pusteblume am 29.07.2013 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Bisschen mehrToleranz

    Ob die Wortwahl von Paparoma wirklich 1:1 wiedergegeben wurde beim obigen Artikel? Naja oft müssen Menschen die Goldwaage benutzen um nicht ständig ins Fettnäpfchen zu treten. Wortverdrehung sei Dank und gut wird nicht alles so heiss gegessen wie gekocht.