Kriegsreporter

22. Februar 2011 11:08; Akt: 21.03.2011 16:49 Print

«Willkommen im freien Libyen!»

CNN hat einen westlichen Fernsehjournalisten nach Libyen eingeschleust. Er berichtet von bizarren Szenen an der Grenze und einem Land zwischen Normalität und Auflösung.

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Einwohner Benghazis haben am Montag die Kontrolle über die zweitgrösset Stadt Libyens übernommen. (Bild: Keystone/AP/Alaguri)

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«Ihre Pässe bitte», sagte der junge Mann in ziviler Kleidung und mit einer Kalaschnikow bewaffnet an der ägyptisch-libyschen Grenze. «Wozu?», entgegnete der Fahrer, «es gibt keine Regierung, was soll das?» Dann lachte er abschätzig und fuhr weiter. Beamte, Passkontrolle, Zoll waren nirgends zu sehen. Dafür Männer – einige davon Teenager – mit Knüppeln, Pistolen und Maschinengewehren, die ein Mindestmass an Ordnung aufrechterhalten wollten.

Die Szenerie erinnerte den Fernsehjournalisten Ben Wedeman von «CNN» an seine Zeit in Afghanistan nach dem Fall der Taliban und im Irak nach Saddam Hussein. «Der Anblick ist gleichzeitig berauschend und bedrohlich, wenn sich die Staatsmacht plötzlich in Luft auflöst», schrieb Wedman auf seinem Blog, nachdem er am Montag als erster westlicher Fernsehjournalist nach Libyen gereist war, um über die aktuelle Krise zu berichten.

«Willkommen im freien Libyen», grüsste ihn einer der jungen Männer. Wedeman kam das freie Libyen überraschend normal vor, sobald man die Grenzregion zu Ägypten verlässt. Sie hielten an um zu tanken. Es gab keine Warteschlangen und auch einige Läden hatten geöffnet. Das Stromnetz war intakt, ebenso das Mobilfunknetz, das allerdings für Anrufe ins Ausland gesperrt war. Einzig das Internet funktionierte seit Tagen nicht mehr.

Der vernachlässigte Osten Libyens

Auf der Weiterfahrt sah Wedman immer wieder junge, bewaffnete Männer in Zivil, die Autos anhalten, Ausweise kontrollieren und Fragen stellen. Alle waren überrascht aber glücklich darüber, dass das erste Fernsehteam es ins Land geschafft hat, seit die Proteste am 15. Februar begannen. Sie waren zuvorkommend und manchmal ein bisschen albern. Angesichts der Tatsache, dass sie gerade das 42-jährige (länger als die meisten Libyer am Leben sind) Joch Muammar Gaddafis abgestreift haben, ist das verständlich.

Dann begann der Fahrer über die Versprechen Gaddafis und seiner Schergen zu sprechen: «Sehen Sie all die Schlaglöcher in dieser lausigen Strasse? Das sollte eine vierspurige Autobahn sein, doch Gaddafi hat in diesem Teil des Landes kaum einen Dinar investiert. Sehen Sie dieses Guesthouse? Gaddafis Sohn liess es bauen und hat es dann überteuert der Regierung verkauft. Sehen Sie dieses Haus? Es wurde konfisziert und einem Sohn Gaddafis gegeben. Sehen Sie diese Lichtblitze? Das ist ein Munitionsdepot, das ein Gadaffi-treuer Armeeoffizier in Brand gesetzt hat, bevor er nach Tripolis floh.»

Er hatte auch einige nützliche Ratschläge auf Lager: «Wenn Sie von Gaddafi-treuen Einheiten angehalten werden, sagen Sie, dass Sie ein deutscher Arzt sind. Sagen Sie nicht, dass Sie Journalist sind. Und sagen Sie, dass Ihre Kollegen ebenfalls Ärzte sind.»

«Wir werden Ihnen alles zeigen»

Als Wedman sein Ziel erreicht, eine Villa an einem geheimen Ort, warteten dort schon ein Dutzend Männer ungeduldig auf ihn. Nach endlosem Händeschütteln, Umarmungen und Begrüssungen trat ein etwa 50-jähriger Mann vor, der sich als einer der Anführer «des Widerstands» beschrieb. «Sie müssen der Welt zeigen, was hier passiert ist. Wir werden Ihnen alles, alles zeigen.» Der Mann hatte für kurze Zeit in den USA studiert, doch seine akademische Karriere fand ein jähes Ende, als er in den 70er-Jahren verhaftet wurde, weil er Studentenproteste gegen Gaddafi organisiert hatte.

Er mahnte Wedeman zur Vorsicht: Die Armee im Osten des Landes habe sich zwar der Protestbewegung angeschlossen, aber es gäbe auch hier immer noch Gaddafi-Anhänger. Er und andere im Osten Libyens sind sich bewusst, dass der Kampf gegen Gaddafi hart und blutig werden wird. Ihre bisherigen Erfolge haben sie zuversichtlich gemacht, doch sie wissen, dass das Regime alle Register ziehen wird, um an der Macht zu bleiben: Flugzeuge, Söldner, einfach alles.

(kri)