Historisches Treffen

07. November 2015 04:01; Akt: 08.11.2015 12:24 Print

«Wir sind eine Familie»

Erstmals seit 1949 trafen die Staatschefs Taiwans und Chinas zusammen. Im Vorfeld gab es Proteste und Verhaftungen.

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Erstmals seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 haben sich die Präsidenten Chinas und Taiwans getroffen. Chinas Staatschef Xi Jinping kam am Samstag in Singapur mit seinem taiwanischen Kollegen Ma Ying Jeou zusammen.

Das Treffen begann mit einem Handschlag. «Wir sind eine Familie», sagte Chinas Präsident Xi zu Taiwans Staatschef Ma. Xi sagte dabei, keine Macht könne China und Taiwan voneinander trennen. Das chinesische Volk auf beiden Seiten der Taiwan-Strasse verfüge über die Fähigkeit und die Weisheit, seine Probleme selbst zu lösen. Ma sagte, die beiderseitigen Beziehungen sollten sich auf Ernsthaftigkeit, Weisheit und Geduld gründen. Differenzen müssten auf friedlichem Wege gelöst werden.

Nach einem Gruss an die vielen Medienleute in dem Luxushotel zogen sich die Staatschefs zu ihrem Gespräch zurück. Eine gemeinsame Erklärung oder politische Abkommen wurden von dem Treffen nicht erwartet. Abends werden sie beide an einem Festbankett teilnehmen.

Symbolische Bedeutung

China sieht den Inselstaat Taiwan, der demokratisch regiert wird, als abtrünnige Provinz. Dorthin hatten sich die im Bürgerkrieg unterlegenen Nationalchinesen 1949 vor den siegreichen Kommunisten geflüchtet. Dem Treffen in Singapur wird vor allem symbolische Bedeutung zugemessen.

1992 fanden Peking und Taipeh einen Konsens. Demzufolge akzeptieren beide Seiten, dass es nur «ein China» gibt, mit freier Interpretation für beide Seiten. Eine formelle Anerkennung der gegenseitigen Legitimität gibt es bis heute nicht.

Allerdings verbesserten sich die angespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern seit der Wahl von Ma im Jahr 2008 deutlich. Mehr als 20 Handelsabkommen wurden geschlossen, schliesslich wurde das Gipfeltreffen vereinbart. Das Treffen am Samstag wurde in Taiwan von Protesten gegen eine Annäherung an China begleitet.

Erbitterte Rivalen

Ein ausgeblichenes Schwarz-Weiss-Foto illustriert die historische Dimension des Treffens. Es zeigt die beiden politischen Vorfahren der Staatschefs, den Kommunisten Mao Tsetung und den Parteichef der chinesischen Nationalisten, Tschiang Kai-shek, beim bislang letzten Treffen dieser Art vor 70 Jahren im chinesischen Chongqing.

Das bislang letzte Treffen im Jahre 1945: Tschiang Kai-shek (in der Mitte) mit Mao Tsetung (rechts) sowie dem US-Botschafter Patrick J. Hurley (links). (Bild: AP/Central News Agency)

Mao und Tschiang waren seit den 1920er Jahren erbitterte Rivalen, die mit Waffengewalt um die Macht in China kämpften. Nach dem Einmarsch Japans stellten sie ihren Bürgerkrieg zurück und bekämpften den gemeinsamen Feind. Als Japan 1945 kapitulierte, fürchteten die USA ein Wiederaufflammen der Kämpfe in China und brachten Mao und Tschiang in Chongqing, im Zentrum des Landes an einen Tisch. Zwei Monate verhandelten die Kontrahenten über die Einrichtung demokratischer Institutionen und unterzeichneten schliesslich eine Vereinbarung, in der sie die Notwendigkeit einer Nationalversammlung, bürgerlicher Freiheiten und von Wahlen für Regionalregierungen betonten.

Doch schon bald rangelten die Rivalen wieder um die militärische Kontrolle verschiedener Regionen Chinas. Dies wuchs sich erneut zu einem Bürgerkrieg aus, den Mao 1949 für sich entschied. Tschiang floh nach Taiwan, wo er bis zu seinem Tod 1975 regierte und beanspruchte, der rechtmässige Präsident ganz Chinas zu sein. Mao starb ein Jahr später. Auch er betrachtete sich als einzig legitimen Repräsentanten Chinas und Taiwan als abtrünnige Provinz. Diese Haltung haben ihre Nachfolger bis heute im Wesentlichen aufrechterhalten.

(chk/sda/ap/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dietrich Michael Weidmann am 07.11.2015 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wieder einmal eine positive Nachricht!

    Tauwetter - zwischen all den Kriegsnachrichten der letzten Zeit: Endlich wieder einmal eine positive Nachricht! Übrigens war die Schweiz das erste nichtkommunistische Land, welches die Volksrepublik China offiziell anerkannt hatte, das wissen die Chinesen bis heute zu schätzen ... - mit Petitpierre hatte die Schweiz damals allerdings auch einen richtigen und vorausschauenden Staatsmann im Bundesrat ...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dietrich Michael Weidmann am 07.11.2015 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wieder einmal eine positive Nachricht!

    Tauwetter - zwischen all den Kriegsnachrichten der letzten Zeit: Endlich wieder einmal eine positive Nachricht! Übrigens war die Schweiz das erste nichtkommunistische Land, welches die Volksrepublik China offiziell anerkannt hatte, das wissen die Chinesen bis heute zu schätzen ... - mit Petitpierre hatte die Schweiz damals allerdings auch einen richtigen und vorausschauenden Staatsmann im Bundesrat ...