Sprich nicht über Politik

25. Juni 2009 11:07; Akt: 25.06.2009 12:04 Print

«Wir sind sauer, aber wir haben keine Macht»

In Burma kochen viele vor Wut. Aber nur leise. Die Angst vor dem Regime und dessen Sicherheitskräften ist gross. Nachdem vor zwei Jahren Massenproteste blutig niedergeschlagen wurden, trauen sich nur wenige, der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu offen ihre Unterstützung auszusprechen.

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«Befreit Aung San Suu Kyi» leuchtet ein Schriftzug an einer Wand im nächtlichen Rangun. Am Morgen ist von der mutigen Forderung nichts mehr zu sehen: Sicherheitskräfte entfernen solche politischen Bekenntnisse aus Spraydosen so schnell es geht. In den letzten Wochen bis zur geplanten Fortsetzung des Prozesses gegen Oppositionsführerin Suu Kyi am Freitag haben die Birmaner unter anderem mit Graffitis ihrer Wut über das Vorgehen gegen die 63-Jährige Luft gemacht - wenn auch leise, aus Sorge um die eigene Sicherheit.

Mehr können die Anhänger Suu Kyis nicht tun, denn unter den wachsamen Augen des Militärregimes fühlen sich viele Oppositionelle mehr als hilflos. Kaum jemand geht daher davon aus, dass sich der Ärger, der durchaus zu spüren ist, in Massenprotesten entlädt - in Protesten, wie sie in den Jahrzehnten der Herrschaft der Junta alle gewaltsam unterdrückt wurden.

«Ich bin so wütend über das, was in meiner Heimat geschehen ist», sagt die 28 Jahre alte Zin. Ihren vollen Namen will sie aus Angst vor den Behörden nicht genannt sehen. «Die Leute sind sauer und die Leute sind traurig, aber wir können nichts für sie (Suu Kyi) tun. Wir haben keine Macht.» Suu Kyi wird beschuldigt, die Auflagen ihres Hausarrests verletzt zu haben. Bei einem Schuldspruch drohen ihr bis zu fünf Jahre Haft. Die Friedensnobelpreisträgerin verbrachte bereits 13 der letzten 19 Jahre unter Hausarrest.

Ganze Familien werden verfolgt

Weil die Erinnerungen an das blutige Vorgehen der Regierung gegen die von buddhistischen Mönchen angeführten Massenproteste 2007 noch immer allgegenwärtig sind, wollen sich nur wenige Menschen in Burma mit dem Regime anlegen - einem Regime, das auch vor Gewalt gegen seine eigenen Bürger nicht zurückschreckt. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden damals mindestens 31 Menschen getötet, darunter auch ein Journalist aus Japan. Tausende wurden festgenommen und hunderte Aktivisten zu Haftstrafen verurteilt.

Die Birmaner hätten damals eine bittere Lektion gelernt, sagt der Geschäftsmann Aung. «Wer an Protesten beteiligt ist, dessen gesamte Familie wird verfolgt. Wenn du tapfer sein willst, in Ordnung, aber glaubst du, dass deine gesamte Familie ebenfalls tapfer sein muss?», fragt der 55-Jährige schulterzuckend. «Niemand will das jetzt riskieren.»

Der Birma-Experte Donald Seekins von der japanischen Meio-Universität ist sich sicher, dass eine Verurteilung Suu Kyis zwar Wut in der Öffentlichkeit auslösen würde. Regierung und Sicherheitskräfte seien aber sowohl gut ausgerüstet als auch erfahren im Umgang mit Protesten, sagt Seekins. Schon jetzt seien in Rangun, der grössten Stadt des Landes, Soldaten postiert. Demonstrationen könnten ohne grosse Schwierigkeiten unterdrückt werden.

Tägliche Mahnwachen vor dem Gefängnis

Ausserdem leidet Burma noch immer unter den Folgen des verheerenden Zyklons «Nargis», der im vergangenen Jahr 138.000 Menschen das Leben gekostet hat. Für viele Menschen sei daher ihr eigener Lebensunterhalt das wichtigste Thema - nicht die Politik, sagt der Geschäftsmann Aung. Der Prozess gegen Suu Kyi habe zwar bei vielen Ärger ausgelöst. «Aber 'Nargis' war ein harter Schlag. Jeder leidet, und wenn die Leute leiden, haben sie keine Zeit, über irgendetwas nachzudenken.»

«Jeder ist wütend, aber die Leute machen sich Sorgen darüber, wie sie ihr tägliches Brot verdienen», sagt auch der 80 Jahre alte Aktivist Win Tin. «Sie haben Angst, und es gibt keine Führung.» Er und weitere treue Anhänger gehen trotzdem für die Oppositionsführerin auf die Strasse. Kürzlich schickten Mitglieder ihrer Partei Nationale Liga für Demokratie zusammen mit ausländischen Diplomaten 64 Tauben und Luftballons in den Himmel - Suu Kyi wurde am 19. Juni 64 Jahre alt. Andere versammeln sich zu täglichen Mahnwachen vor dem Gefängnis Insein, darunter auch Win Tin.

Das Regime offen zu kritisieren sei einfach zu gefährlich, sagt Thein, ein 48 Jahre alter Englischlehrer. Stattdessen werde in Teeläden und Privatwohnungen im Flüsterton über «die Lady» gesprochen - die Ehrenbezeichnung für Suu Kyi. «Wir trauen niemandem. Wir trauen sogar einander nicht. Immer denken wir: Ist das ein Spion? Die Regel lautet: Sprich nicht über Politik.»

(ap)