Snowden legt nach

18. Juni 2013 12:12; Akt: 27.06.2013 14:52 Print

«Wir sollen unsere Rechte der Angst opfern»

Edward Snowden hat Humor. Das zeigte sich, als er überraschend an einem Live-Chat mit dem «Guardian» teilnahm - ein virtueller Mittelfinger in Richtung US-Regierung und ihre Geheimdienste.

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Nur virtuell fassbar: Edward Snowden meldete sich gestern über einen Live-Chat. (Bild: Keystone/Glenn Greenwald/laura Poitras)

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Whistleblower Edward Snowden dürfte immer noch in Hongkong sein. Gestern nahm er an einem Live-Chat mit dem britischen «Guardian» teil und stellte sich während zwei Stunden den Fragen von Journalisten und Lesern.

Dabei versuchte der 29-Jährige, Missverständnisse und seiner Meinung nach falsche Behauptungen aus dem Weg zu räumen. Er nahm etwa Stellung zu dem Vorwurf, wegen der Wahl seines Exils ein chinesischer Spion zu sein: «Wäre ich ein Spion für die Chinesen, wäre ich dann nicht direkt nach Peking geflogen und würde heute einen Phönix streicheln und in einem Palast leben?»

Snowden präzisierte: «Ich habe keine Einsätze der USA gegen legitime militärische Ziele preisgegeben. Ich habe auf die Zugriffe des Geheimdienstes NSA auf zivile Einrichtungen hingewiesen, etwa Universitäten, Spitäler oder Kleinunternehmen.»

Im Fokus der Fragen und Antworten standen Snowdens Ausführungen zum Grad der Bespitzelung durch die NSA. Der IT-Spezialist, der seit Jahren für US-Geheimdienste arbeitete, erklärte, was diese Dienste von den Bürgern alles zu sehen kriegen: «Wenn ein Analyst von NSA, FBI, CIA und so weiter Zugang hat, um eine SIGINT-Datenbank (SIGINT = nachrichtendienstliche Informationsgewinnung, Anm. Red.) abzufragen, kann er alle Informationen von überall her bekommen: Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Benutzerdaten und so weiter.» Die Restriktionen dagegen seien politischer, nicht technischer Natur und jederzeit kündbar, so Snowden.

Sie können Mail-Inhalt und Attachments lesen

Er wurde noch konkreter: Wenn ein Geheimdienstanalyst aufgrund der Verfügung FAA702 einen bestimmten Email-Verkehr ins Visier nehme, kriege er einfach alles heraus: «Beim E-Mail sieht er die IP-Adresse, die Rohinformationen, den Inhalt des Mails, den Betreff, die Attachments - einfach alles. Und es wird für lange Zeit archiviert.»

Snowden betonte mehrmals, dass die Prism-Überwachungsprozesse trotz gegenteiliger Versicherung der Regierung nicht an einen Richter gebunden seien: «Es ist wichtig zu verstehen, dass die Geheimdienste nicht immer mit richterlichen Bestätigungen arbeiten.»

Auf die Frage von Userin Gabrielaweb, wieso Snowden mit der Veröffentlichung seiner brisanten Bespitzelungspraktiken bis jetzt gewartet habe, sagte der Whistleblower: «Obamas Wahlkampfversprechen und Wahl stimmten mich zuversichtlich, dass er die Probleme anpacken würde, die er während des Wahlkampfs ansprach. Vielen Amerikanern ging es ähnlich. Leider schloss Obama nach seinem Wahlsieg die Türe für Strafverfolgungen von Gesetzesübertritten seitens des Systems. Er vertiefte und weitete mehrere Spitzelprogramme aus und weigerte sich, das politische Kapital aufzubringen, um Menschenrechtsverletzungen, wie wir sie in Guantánamo sehen, zu beenden.»

Auszeichnung, von Cheney Verräter genannt zu werden

Snowden wird in den USA Landesverrat vorgeworfen. Darauf angesprochen, sah er seine Gelegenheit gekommen, mit dem Establishment abzurechnen. Den Vorwurf des Landesverrats würde nur vorgebracht, «um eine öffentliche Debatte zu verhindern», welche die Zugriffe der Geheimdienste auf Daten von Bürgern begrenzen könnte.

Man sollte sich fragen, wie viele geplante Anschläge allein durch Informationen aus der verdachtlosen Überwachung verhindert wurden. «Und dennoch sollen wir unsere heiligen Rechte aus Angst opfern.» Das sieht NSA-Chef Keith Alexander naturgemäss anders: Dank der Spähprogramme hätten «Dutzende Anschläge» verhindert werden können, sagte er letzte Woche im Senat.

Snwoden gab gestern im Chat zu bedenken, dass es vor allem Leute wie der ehemalige Vizepräsident von George W. Bush, Dick Cheney, seien, die ihn einen Verräter schimpften. «Das ist ein Mann, der uns bewusst täuschte und einen Konflikt fabrizierte, der über 4400 Amerikaner tötete und fast 32'000 verletzte. Wegen ihm starben auch über 100'000 Iraker. Wenn Dick Cheney mich einen Verräter nennt, ist das die höchste Auszeichnung, die man einem Amerikaner verleihen kann. Je mehr Leute wie er jetzt in Panik ausbrechen, desto besser.»

Freundin scheint mehr zu interessieren

Snowden erklärte auch, wieso er nach Hongkong flog und nicht nach Island, wie er es zuerst geplant hatte: «Es war ein enormes Risiko, die USA zu verlassen. Denn NSA-Angestellte müssen Auslandsreisen 30 Tage im Voraus anmelden und werden überwacht. Es bestand die Möglichkeit, dass sie mich während der Flucht abgefangen hätten. Die US-Regierung hätte Island unter Druck setzen können, bevor sich die Öffentlichkeit hätte informieren können.»

User Tikkamasala fragte Snowden abschliessend, ob die öffentliche Debatte das hervorgebracht hat, was er sich erhoffte. Daraufhin der Whistleblower: «Anfangs war ich sehr ermutigt. Doch jetzt scheinen sich die Medien mehr für meinen Freundin zu interessieren oder dafür, was ich mit 17 Jahren so alles von mir gab. Sie interessieren sich mehr dafür als für das grösste verdachtlose Überwachungsprogramm in der Geschichte der Menschheit.»

(gux)