Gekentertes Flüchtlingsboot

19. April 2015 22:15; Akt: 20.04.2015 14:41 Print

«Wir waren 950 Menschen an Bord»

Bei dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer könnten noch mehr Menschen ums Leben gekommen sein als bisher angenommen. Die Rettungskräfte suchen fieberhaft nach Überlebenden.

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Der verhaftete Kapitän der «Gregoretti»: Der 27-jährige Tunesier Mohammed Ali Malek. Sein mutmasslicher Gehilfe: Der 26-jährige Syrer Mahmud Bikhit. Einer der wenigen Überlebenden des Flüchtlingsdramas vom 19. April wird in Catania (Sizilien) an Land gebracht. Überlebende erreichen am frühen Morgen den Hafen von Catania. Ein Flüchtlingsboot läuft vor Rhodos auf Felsen auf.. Die Migranten können sich an abgebrochenen Teilen des Schiffs festhalten. Mindestens drei Menschen starben, darunter ein vierjähriges Kind, wie die Küstenwache am Montag mitteilte. Weitere 93 Personen wurden demnach aus dem Wasser gerettet, 30 von ihnen kamen ins Spital. Am Montag funkten zudem zwei Boote mit etwa 400 Menschen an Bord nahe der Küste Libyens SOS, wie der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sagte. Italienische Rettungskräfte bringen Leichen in Valletta, der Hauptstadt Maltas, an Land. Ein Schiff mit bis zu 950 Menschen an Bord kenterte 130 Kilometer vor der libyschen Küste. Die Rettungsteams suchten in dern Nacht und Tagsüber mit Schiffen, Flugzeugen und Helikoptern nach Überlebenden. Das Schiff sei vermutlich gekentert, weil sich die meisten Passagiere auf eine Seite begeben hätten. Beamte der italienischen Küstenwache kontrollieren am 19. April Monitore, die das Gebiet zeigen, in dem das gekenterte Schiff vermutet wird. Eine Seekarte zeigt den mutmasslichen Unglücksort. 24 Leichen wurden demnach geborgen, 28 Menschen gerettet. In den vergangenen Tagen ist es zu mehreren Flüchtlingsdramen gekommen: Ein geretteter Migrant wird in Palermo von Sanitätern in Empfang genommen. 15. April Rettungsaktion im Rahmen der Operation «Triton» vor Siziliens Küste. Eine Rotkreuz-Mitarbeiterin trägt ein in eine warme Decke eingepacktes Baby an Land, nachdem Flüchtlinge in einem sizilianischen Hafen angekommen sind. Eine schwangere Frau wird im Hafen Embedocle (Sizilien) an Land geführt. Flüchtlinge in Sicherheit auf dem Deck des Frachters «OOC Cougar».

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Europa wird von einer neuen Flüchtlingskatastrophe erschüttert. Vor der Küste Libyens sind nach Angaben der UNO rund 700 Menschen ertrunken, laut einem Überlebenden möglicherweise gar über 900 – so viele wie nie zuvor beim Untergang eines Schiffes mit Flüchtlingen. In der Nacht zum Sonntag sank laut der italienischen Küstenwache das rund 20 Meter lange Schiff. Zunächst konnten nur 28 Menschen gerettet werden, 24 Leichen wurden geborgen.

Das Unglück ereignete sich knapp ausserhalb libyscher Gewässer rund 110 Kilometer von der Küste Afrikas entfernt und etwa 200 Kilometer südlich der italienischen Insel Lampedusa. Die italienische Küstenwache und Marine leiteten eine grossangelegte Suche ein, an der sich 17 ihrer Schiffe sowie mehrere Flugzeuge, Handelsschiffe und ein maltesisches Patrouillenboot beteiligten.

Im Laderaum eingeschlossen

Nach Angaben einer Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR berichteten Überlebende, dass möglicherweise weit mehr als 700 Menschen an Bord des Schiffes gewesen seien. «Das Boot kenterte, weil alle Leute schlagartig auf eine Seite rannten, als sich ein Frachter näherte. Sie hofften, das Schiff würde sie retten», sagte Carlota Sami.

Ein aus Bangladesch stammender Überlebender sagte der Staatsanwaltschaft Catania auf Sizilien allerdings: «Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen.» Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. Die Schmuggler hätten die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen.

Mit dem neuen Unglück stieg die Zahl der umgekommenen Flüchtlinge auf über 1500 seit Jahresbeginn. Die Flucht über das Mittelmeer wird für immer mehr Menschen zur Todesfalle.

Zahl der Ertrunkenen verneunfacht

Rund 20'000 Flüchtlinge haben nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mit Sitz in Genf in diesem Jahr Italien erreicht. Das sind zwar weniger als in den ersten vier Monaten des vergangenen Jahres, die Zahl der Ertrunkenen hat sich aber verneunfacht.

Europaweit löste das Unglück Entsetzen aus und befeuerte die Debatte über den Umgang mit der lebensgefährlichen Massenflucht über das Mittelmeer aus von Krieg und Krisen zerrütteten Staaten in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Am Montag wollen die EU-Aussenminister über Konsequenzen aus der Katastrophe beraten.

Renzi fordert gesamteuropäischen Einsatz

Der italienische Regierungschef Matteo Renzi forderte einen Krisengipfel der EU-Staats- und Regierungschefs zur Flüchtlingsfrage. Nach am Sonntag beriet er sich mit mehreren italienischen Ministern in Rom. Dort traf er auch die EU-Aussenbeauftragte und vormalige italienische Aussenministerin Federica Mogherini.

Das Problem sei nicht so sehr die Rettung der Flüchtlinge, die effizient sei, sondern es seien die Schlepperbanden in Libyen, sagte Renzi. Nur indem man Schlepperbanden in Libyen ausmerze und die Flüchtlingsboote davon abhalte, in See zu stechen, könne man weitere Flüchtlingstragödien vorbeugen.

Ein gesamteuropäischer Einsatz sei notwendig, um den Menschenhandel aktiv zu bekämpfen, sagte Renzi am Sonntagabend in Rom. Einen solchen Grosseinsatz forderte auch der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Der maltesische Ministerpräsident Joseph Muscat warnte: «Im Mittelmeer entfaltet sich eine Tragödie, und wenn die EU und die Welt weiterhin ihre Augen davor verschliesst, dann werden sie in der schärfsten Form verurteilt werden.»

EU will über die Bücher gehen

Die EU-Aussenbeauftragte Mogherini ihrerseits forderte mehr Schutz von Flüchtlingen im Mittelmeer. «Wir haben zu oft schon gesagt, nie wieder», sagte sie. Die Europäische Union als Ganzes müsse das Problem nun zügig angehen. Die Mittelmeer-Staaten seien zu lange alleine auf sich gestellt gewesen.

Italien hatte im vergangenen Herbst die Rettungsmission Mare Nostrum eingestellt, weil sich die EU-Partner nicht an der Finanzierung des Marineeinsatzes beteiligen wollten. Seitdem läuft unter Führung der EU-Grenzschutzagentur Frontex die deutlich kleinere Mission Triton, die aber vorwiegend der Sicherung der EU-Aussengrenzen und nicht der Rettung der Flüchtlinge dient.

Einige EU-Staaten hatten Italien vorgeworfen, mit Mare Nostrum die Flüchtlinge zu der gefährlichen Überfahrt ermutigt zu haben. Kritiker werfen der EU nun aber vor, mit Triton den Tod von Flüchtlingen in Kauf zu nehmen.

Papst appelliert an internationale Gemeinschaft

«Es sind Männer und Frauen wie wir, unsere Brüder, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren», sagte Papst Franziskus zu Zehntausenden Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom. Sie seien vor Hunger, Verfolgung, Gewalt und Krieg geflüchtet.

«Ich appelliere von ganzem Herzen an die internationale Gemeinschaft, entschlossen und rasch zu handeln, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen», sagte der Papst und rief zum Gebet für die Opfer auf.

(ale/sda)