Athen

09. Dezember 2008 14:36; Akt: 10.12.2008 00:00 Print

«Wir wollen den Sturz der Regierung»

Während der Beisetzung des von Polizisten erschossenen 15-Jährigen ist es in Athen erneut zu schweren Krawallen gekommen. Die mit dem Tod des Jugendlichen am Wochenende ausgelöste Welle der Gewalt in ganz Griechenland bedroht inzwischen den Bestand der konservativen Regierung, die im Parlament nur über die hauchdünne Mehrheit von einer Stimme verfügt.

Bildstrecke im Grossformat »
Polizisten gehen in Stellung, nachdem der Christbaum auf dem zentralen Syntagma Platz mit Müll beworfen und behangen wurde. 20. Dezember 2008. Ein Demonstrant hängt Müll an den Christbaum. Mit Farbe beworfene Polizisten stehen Wache vor dem griechischen Parlament in Athen, Freitag 12. Dezember 2008. Eine Schülerin wendet sich ab, nachdem sie versucht hatte, den Polizisten Blumen zu geben. Die Ausschreitungen gehen weiter. Demonstranten skandieren Slogans vor den Wachen des Parlaments in Athen Am Donnerstag, 11. Dezember, wurden erstmals Polizeiwachen angegriffen. Die Krawalle haben auch auf andere europäische Länder übergegriffen: Das griechische Konsulat in Istanbul, … … die Botschaft in Kopenhagen, … … das Konsulat in Bordeaux und … ein Geschäft in Madrid wurden in Mitleidenschaft gezogen. Selbst in Argentinien ist Griechenland ein Thema. Auch in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki brennt es: Puppen in einem Schaufenster, 8. Dezember 2008. Die Polizei setzt Tränengas gegen Steinewerfende Jugendliche ein. Ein Chaot mit Molotowcocktail im Zentrum Athens. Die Polizei wird mit Molotowcocktails beworfen. Die Polizei ist weitgehend machtlos. Auch die Feuerwehr bringt die Brände kaum noch unter Kontrolle, hier in Thessaloniki. Brennendes Auto in Athen. Autonome nehme eine Bankfiliale in Athen auseinander. Abgebrannte Motorräder in Piräus. Szene ausserhalb des Haupt-Polizeipostens in Piräus. Zerstörte Schaufenster in Athen. Der grosse Christbaum auf dem Athener Syntagma Platz vor dem Parlament brennt. Einige Autonome sollen die griechische Version von «O Tannenbaum» gesungen haben.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der sozialistische Oppositionsführer Georgios Papandreou forderte am Dienstag Neuwahlen. «Die Regierung kann die Krise nicht bewältigen, und sie hat das Vertrauen des griechischen Volkes verloren», erklärte er. Zugleich machte Papandreou politische Fehlentscheidungen und Versäumnisse für die Unruhen verantwortlich.

Nach drei Nächten ausufernder Gewalt kündigte die Regierung am Dienstag ein hartes Vorgehen gegen die Beteiligten an. Niemand hat das Recht, diesen tragischen Vorfall als Alibi für Aktionen der rohen Gewalt zu missbrauchen, für Aktionen gegen unschuldige Menschen, gegen ihr Eigentum, gegen die ganze Gesellschaft und gegen die Demokratie», erklärte Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis. Unruhestifter könnten nicht mit Nachsicht rechnen.

Dennoch kam auch bei der Trauerfeier für den 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos am Dienstagnachmittag zu Ausschreitungen. Bereitschaftspolizisten gingen mit Tränengas gegen jugendliche Trauergäste vor, die mit Steinen und Eisenstangen warfen und Mülltonnen anzündeten. Die Ausschreitungen begannen vor dem Friedhof und dehnten sich auf einen angrenzenden Stadtbezirk aus.

Dutzende Bewohner des Bezirks versammelten sich auf den Strassen und forderten die Polizei auf, den Tränengaseinsatz in den Wohnvierteln zu beenden. Zuvor hatten bereits hunderte Jugendliche auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude gewaltsam protestiert. Auch in anderen Orten in Griechenland von Saloniki im Norden bis zur Insel Kreta im Süden kam es zu neuen Krawallen. An der Trauerfeier in Athen nahmen rund 6000 Menschen teil. Sie applaudierten, als der mit Blumen bedeckte Sarg aus der Kirche getragen wurde.

«Wir wollen die Regierung stürzen»

Die Unruhen sind aber auch Ausdruck der wachsenden Unzufriedenheit mit der konservativen Regierung, die bereits von Finanzskandalen erschüttert wird. «Ganz einfach, wir wollen den Sturz der Regierung», sagte Petros Constantinou von der Sozialistischen Arbeiterpartei, die die Protestkundgebungen unterstützt. Alle Schulen und Universitäten in Griechenland blieben am Dienstag geschlossen.

Die griechischen Gewerkschaften halten trotz der gespannten Lage im Land wegen der Jugendkrawalle an ihrem für Mittwoch geplanten Generalstreik gegen die Wirtschaftspolitik der konservativen Regierung fest. Die Streikvorbereitungen liefen unverändert, erklärten die beiden grössten Gewerkschaftsdachverbände GSEE und ADEDY am Dienstagabend.

Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis hatte an die Gewerkschaften appelliert, auf den Streik zu verzichten, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu giessen. Die beiden Dachverbände vertreten etwa 2,5 Millionen Arbeitnehmer. Das ist etwa die Hälfte der Arbeitnehmerschaft in Griechenland. Die Gewerkschaften fordern von der Regierung eine Erhöhung der Sozialausgaben sowie Gehalts- und Rentenerhöhungen. Der öffentliche Verkehr dürfte wegen des Ausstands am Mittwoch weitgehend lahmgelegt sein.

Weihnachtsfeiern sollen weitergehen

Gruppen von maskierten Jugendlichen zogen am Montagabend durchs Zentrum von Athen und lieferten sich Strassenschlachten mit der Polizei. In Sprechchören riefen sie: «Bullen! Schweine! Mörder!» Auch der Weihnachtsbaum auf dem Syntagma-Platz ging in Flammen auf. Kaklamanis erklärte, die Weihnachtsfeiern der Stadt würden dennoch wie geplant stattfinden, um den Unruhestiftern kein Erfolgserlebnis zu vermitteln.

Die Polizei meldete am Montag 89 Verhaftungen. Mehr als 100 weitere Personen wurden zur Vernehmung festgenommen. Mindestens zwölf Polizisten wurden verletzt, die Zahl der verletzten Jugendlichen war vorerst nicht bekannt.

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

(ap)