Schweizer auf Lesbos

06. November 2015 16:46; Akt: 07.11.2015 02:16 Print

«Zum Abschied küsste der Bub das Handy-Display»

von Ann Guenter - Die meisten verfolgen die Flüchtlingskrise vom gemütlichen Sofa aus. Der Berner Michael Räber hingegen packt auf Lesbos mit an, bis zur eigenen Erschöpfung.

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Ankunft: Lesbos, 6. November. Temperatur rund 16 Grad. Michael Räber: «Wir haben uns bei den Flüchtlingen umgehört. Sie erzählten uns, dass Schmuggler in der Türkei eine grosse Anzahl alter Fischerboote bereitgestellt haben.» Inzwischen sollen es mindestens 80 Boote sein, die jetzt halbwegs aufbereitet werden und im Winter eingesetzt werden sollen. Räber rechnet nicht damit, dass der Weg über das Wasser im Winter markant weniger genutzt wird. «Der Treiber ist nicht das gute oder schlechte Wetter, der Treiber ist das Geld: Die Schmuggler wollen darauf ebenso wenig verzichten wie die bestechlichen Beamten.» Michael Räber erzählt von einem schönen Erlebnis einer Familie nach der Ankunft am Strand auf Lesbos: «Kaum hatte der Bub die Füsse auf dem trockenen, rief er seinen Grossvater in Syrien an. Zum Abschied küsste er das Handydisplay.» Spanische Rettungsschwimmer kümmern sich um die erschöpften Heimatlosen. «Die Leute haben Gepäck dabei und viele Kleiderschichten an. Kentert in der Nacht ein Boot, kriegt das nicht immer jemand mit», erzählt der freiwillige Helfer Michael Räber auf Lesbos. Beten nach der Ankunft auf Lesbos. Am Hafen von Mytilene auf Lesbos. Wo ist das UNHCR? Wo ist das IKRK? Körperwärme, das ist es, was die unterkühlten Kinder nach der Überfahrt unbedingt brauchen. In der Nacht zum Donnerstag, 5. November, ertranken erneut zwei Flüchtlingskinder vor der griechischen Insel Kos, nachdem ihr Boot 250 Meter vor der Küste gekentert war. Im Bild: Eine Leiche, die am 6. November auf der Insel Lesbos angespült wurde.

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«In der Dunkelheit hörten wir die Menschen, die es an den Strand schafften, weinen und schreien. Kinder brüllten. Von überallher drangen Geräusche von Salzwasser brechenden Menschen.»

Michael Räber erzählt vom Drama auf Lesbos, als Ende Oktober ein Holzboot mit fast 300 Menschen in den Wellen einfach auseinandergebrochen war – es war nicht das erste Mal, dass der Schweizer aus Münsingen BE solche Szenen am Eftalou-Strand in Molyvos miterlebte.

«Wenn ich aufs Meer blicke», sagt Räber, «gehe ich davon aus, dass ich auf ein Massengrab schaue.» Er fährt fort: «Die Leute haben schweres Gepäck dabei, sie tragen viele Kleiderschichten. Kentert in der Nacht ein Boot, kriegt das nicht immer jemand mit. Sie verschwinden für immer, ohne dass das jemand zur Kenntnis nimmt.»

«Mitten in Europa! Das liess uns nicht mehr los»

Seit dem September ist Räber auf Lesbos. Am zehn Kilometer langen Strand engagiert er sich als freiwilliger Helfer für Flüchtlinge. Das geht nur, weil er freischaffender IT-Spezialist ist und seine Frau daheim voll arbeitet. Mit ihr habe das Engagement denn auch angefangen: Ende August machte das Paar Ferien in Griechenland. Auf der Heimreise kamen sie in Athen am Viktoriaplatz vorbei – und sahen Hunderte Menschen ohne Essen, Trinken oder sanitäre Anlagen im Freien hausen. «Mitten in Europa! Das liess uns nicht mehr los.»

Eine Woche brauchte Räber, Offizier bei der Armee, um in der Schweiz Spenden und Hilfsgüter zu organisieren. Am 3. September kehrte er zurück, nach Athen und zum Viktoriaplatz und verteilte Essen und Kleider auf dem Platz. «Die Menschen dort sagten mir immer wieder, dass ich in Lesbos viel mehr tun könne. Also reiste ich auf die Insel», so Räber.

Die Geräusche

Seither verbringt er die Tage damit, erschöpften und traumatisierten Menschen an Land zu helfen. Rund 100'000 waren es allein in den vergangenen drei Wochen. Fotos (siehe Bildstrecke oben) und Videofilme, die er auf seinen Youtube-Channel und auf seine Website stellt, geben einen Eindruck davon, womit Räber tagtäglich konfrontiert wird. «Am schlimmsten sind die Geräusche, die weinenden Kinder, die schreienden Erwachsenen. Zahlen und Bilder mögen uns abstumpfen, aber Geräusche, die vergisst man nicht, die lösen einen Ur-Instinkt aus», sagt Räber.

(Quelle: YouTube/Michael Räber)

Wo sind die Behörden, das UNHCR, das Rote Kreuz?

Am Strand auf Lesbos fühlen sich die Freiwilligen im Stich gelassen – sowohl von den Behörden als auch von den grossen Hilfsorganisationen. Denn an dem Strandabschnitt, an dem jeden Tag, jede Nacht, Kinder, Frauen, Männer durchfroren und durchnässt ankommen, gibt es nur Freiwillige. Auf diesen zehn Kilometern fehlt von den grossen NGO jede Spur, weder das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) noch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sind mit Material oder Personal vor Ort. «Wie wir in der Schweiz die Leistungen des UNHCR oder des IKRK wahrnehmen, ist falsch», sagt Räber.

Stattdessen kümmern sich private Organisationen aus Norwegern oder Holland, aber auch spanische Rettungsschwimmer um die erschöpften Heimatlosen. «Soweit ich weiss, ist bei keiner dieser Organisationen ein Franken Regierungsgeld drin, weder aus Griechenland noch aus anderen EU-Staaten», so Räber.

«Erschreckend, dass es nötig ist»

Die Zusammenarbeit der Privaten untereinander sei hervorragend und sehr dynamisch: «Erstaunlich, wie gut das geht – und erschreckend, dass es nötig ist.»

Die Privaten könnten doch nur subsidiär vor Ort tätig sein, sagt Räber. «Die Organisationen wie UNHCR oder das IKRK, die doch eigentlich Regierungsgelder beziehen, müssten uns hier ablösen. Doch dafür sehe ich keine Anzeichen.»

«Kinderleichen vor ihren Haustüren»

Natürlich weiss Räber, dass die riesigen Organisationen weniger flexibel sind und viele bürokratische Auflagen zu erfüllen haben. Er will die Arbeit der NGO nicht nur schlechtreden. So transportiere das UNHCR pro Tag 700o bis 8000 Flüchtlinge über die Insel, «eine grosse logistische Leistung». Mittlerweile träten auf Lesbos auch nationale Filialen des IKRK mehr in Erscheinung, etwa das hellenische oder das dänische Rote Kreuz.

Und doch: «Hier am Strand, wo die Flüchtlinge geschwächt und durchnässt ankommen, ist niemand. Wir werden massiv Mittel brauchen, wenn das UNHCR im Winter hier keine Heizungen und Zelte hinstellt und die Leute versorgt.»

Räber rechnet damit, auf Lesbos zu überwintern. Wer soll sonst helfen? Bis Ende Dezember seien die nötigen Materialien noch finanziert. Für Januar und Februar sammelt er (siehe Infobox).

Auch die Bevölkerung von Lesbos fühlt sich von den Institutionen im Stich gelassen, erzählt Räber. «Die sehen hier Menschen sterben, Kinderleichen, die vor ihren Haustüren angespült werden.»

«Zum Abschied küsste er das Handydisplay»

Wegen der zunehmend rauen See kommt es zu immer mehr tödlichen Unglücken. In der Nacht auf Donnerstag wurden erneut zwei tote Flüchtlingskinder angespült.

Es gebe aber auch schöne Momente, so Räber. Etwa als ein kleiner Junge an Land ankam. «Kaum hatte er die Füsse auf dem Trockenen, rief er seinen Grossvater in Syrien an, um ihm zu sagen, dass er überlebt habe. Zum Abschied küsste er das Handydisplay – das war berührend» (siehe Diaschau).

Grossartig sei auch zu erleben, wie Freiwillige aus aller Welt Seite an Seite mit den Einwohnern von Lesbos zusammenstehen. «Ein Portugiese, ein Grieche, zwei Norweger, wieder ein Grieche und so weiter stehen in einer Reihe am Strand. Das ist eine echte Helfergemeinschaft, eine Inselgemeinschaft», sagt Räber.

Dieses Gemeinschaftsgefühl ist es auch, das es den Menschen ermöglicht, sich jeden Tag mit einem weiteren Drama zu konfrontieren. «Wir reden jeden Abend über das Erlebte, viele weinen. Wir lachen aber auch zusammen, das hilft.» Zu ihrem täglichen Feierabend-Ritual gehöre auch ein Musikstück – «Spanish Flea».

(Alle Videos: Michael Räber, Schwiizerchrütz.ch)