Google-Manager Wael Ghonim

09. Februar 2011 16:48; Akt: 09.02.2011 17:16 Print

Ägyptens Stimme der Freiheit

von Peter Blunschi - Ein Computerfreak verleiht der ägyptischen Opposition neuen Schwung: Zwölf Tage Haft haben Wael Ghonim zur ersten Leaderfigur der Revolution gemacht.

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Wael Ghonim mit der Mutter des getöteten Bloggers Chalid Said. (Bild: Keystone)

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Er lebt in Dubai, in einer Villa mit Swimmingpool. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat einen tollen Job als Marketingleiter für den Nahen Osten und Nordafrika beim Internetkonzern Google. Wael Ghonim könnte ohne weiteres die Beine hochlagern und das Leben geniessen. Doch das genügte dem 30-jährigen Ägypter nicht. Er sorgte sich um die Zustände in seiner Heimat, um die vielen jungen Menschen in der arabischen Welt, die nicht so viel Glück hatten wie er.

Als der Geschäftsmann und Blogger Chalid Said im letzten Juni in Alexandria auf offener Strasse von Polizisten zur Tode geprügelt wurde, kam es in Ägypten zu ersten Protesten gegen Repression und Willkür von Hosni Mubaraks autoritärem Regime. Auch Wael Ghonim handelte, er schuf die Facebook-Seite «Wir sind alle Chalid Said». Nächtelang habe er daran gearbeitet, sagte einer der wenigen Freunde, die über seine Aktivitäten Bescheid wussten, dem US-Magazin «Time»: «Die Sache hat ihn ziemlich aufgewühlt.»

Aufruf zu Kundgebung

Im Januar reiste der Manager mit Erlaubnis von Google in seine Heimat. Für den 25. rief er auf der Facebook-Seite zu einer Kundgebung in Kairo auf. «Wir waren überzeugt, dass wir innerhalb von fünf Minuten verhaftet werden», sagte Ziad al Oleimi, einer von Ghonims Mitstreitern, der Nachrichtenagentur AP. Zu ihrer Überraschung erschienen Tausende, viele inspiriert durch die Revolution in Tunesien und die Vertreibung von Präsident Ben Ali. Die Kundgebung zog zum Tahrir-Platz, wo es zu Strassenschlachten mit der Polizei kam.

Von da an entwickelte sich die Eigendynamik, die zur Revolution in Ägypten führen sollte. Wael Ghonim aber fiel am 27. Januar doch in die Hände der Polizei. Freunde und Familie starteten eine Kampagne auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken, auch Google soll im Hintergrund tätig geworden sein, obwohl der Konzern betonte, die Aktivitäten seines Marketingchefs seien «Privatsache». Nach einer Intervention von Hossam Badrawi, dem neuen Generalsekretär der Regierungspartei NDP, wurde Ghonim am Montag freigelassen.

Emotionales Interview

Noch am gleichen Tag gab er dem Satellitensender Dream TV ein emotionales Interview. Er sei nicht gefoltert worden, habe die zwölf Tage Haft aber in vollständiger Dunkelheit verbracht. Als ihm Bilder von getöteten Demonstranten gezeigt wurden, brach er in Tränen aus. Zugleich verwahrte er sich wiederholt dagegen, der Held der Demonstranten zu sein: «Ich habe zwölf Tage lang geschlafen. Die Helden sind die auf der Strasse, die ihr Leben geopfert haben, geschlagen und verhaftet wurden und sich der Gefahr aussetzten.»

Das Interview sorgte für beträchtliches Aufsehen und verschaffte einer Bewegung, die an Schwung zu verlieren drohte, neue Energie. Bei der Grosskundgebung am Dienstag kamen viele Ägypter erstmals auf den Tahrir-Platz, die meisten wegen Wael Ghonim. «Er ist derzeit der glaubwürdigste Mensch in Ägypten, er fühlt, was wir alle fühlen», sagte die 25-jährige Reem al Komi dem «Guardian». Ihre Begleiterin Menna stimmte zu: «Ich bin zum ersten Mal bei den Protesten. Als ich Ghonim am Fernsehen sah, wusste ich, dass ich auf den Tahrir kommen und dem ägyptischen Volk beistehen musste.»

Treffen mit Mutter von Chalid Said

Der Held wider Willen wurde bei seinem Auftritt mit stürmischem Applaus begrüsst. «Wir werden unsere Forderung nach dem Rücktritt der Regierung nicht aufgeben», rief er der Menge zu. Erstmals traf er auch die Mutter von Chalid Said. Wael Ghonim ist zur Stimme einer bislang führungslosen Bewegung geworden, eine Rolle, der er kaum entkommen kann. Die Facebook-Seite «Ich beauftrage Wael Ghonim, im Namen der ägyptischen Revolutionäre zu sprechen» zählt bereits mehr als 220 000 Fans.

Zusammen mit drei Mitstreitern wurde Ghonim in ein zehnköpfiges Komitee gewählt, das die Aktivitäten der verschiedenen Oppositionsgruppen koordinieren und ihren Forderungen zum Durchbruch verhelfen soll. Die Strategie der Regierung, die Opposition mit kleinen Zugeständnissen zu zermürben, hat er schon einmal durchkreuzt. «Liebe Ägypter, Scheitern ist keine Option», hielt er auf seinem Twitter-Account fest.