Nigerias Neujahr

04. Januar 2012 16:01; Akt: 04.01.2012 22:41 Print

Öl an den Stränden, Feuer in der Hauptstadt

Erst die blutigen Weihnachtsanschläge auf christliche Kirchen, dann eine kaum beachtete Ölpest – und jetzt auch noch soziale Unruhen: Nigeria brennt an allen Ecken und Enden.

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Nigeria kommt nicht zur Ruhe: Nachdem knapp 50 Menschen bei islamistischen Anschlägen an den Weihnachtsfeiertagen ums Leben gekommen sind, blutet das afrikanische Land über den Jahreswechsel weiter aus. Von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hatte es bereits am 20. Dezember einen Unfall auf der Ölbohrinsel Bonga gegeben, die 120 Kilometer vor Nigerias Küste liegt. Nun ist das schwarze Gold an den Stränden angelangt und gefährdet die Existenz vieler Menschen. Ein Team der Nachrichtenagentur «Reuters» hat sich am 31. Dezember vor Ort ein Bild von der Situation gemacht.

Ölteppich rollt sich an Stränden aus

Die Journalisten besuchten zwei von 13 Dörfern im Niger-Delta, die von Bonga-Betreiber Shell Hilfe fordern. «Als der Ölteppich aufgetaucht ist, haben wir Shell gerufen, um sauberzumachen. Aber seither hat sich niemand gezeigt und nun räumen stattdessen die Dorfgemeinschaften auf», sagte Jacob Ajuju aus dem Dorf Oorobiri laut dem US-Sender MSNBC zu den Reportern. Joseph Gbuebo, Gemeindesekretär von Agga, ergänzte: «Bevor der Ölteppich kam, wurden wir bereits von Shell in [der Stadt] Warri bei einem Meeting darüber informiert, was auf uns zukommt. Es ist eine Katastrophe. Am 25. haben wir Helikopter gesehen, die einige Chemikalien über der Küste versprüht haben, aber die haben bloss unserer Gesundheit geschadet.»

Shell selbst wäscht die Hände in Unschuld. «Wir glauben nicht, dass das Öl am Strand von Bonga ist», schrieb Sprecher Precious Okolobo auf «Reuters»-Anfrage. Was angeschwemmt werde, könne nicht bei der Shell-Plattform ausgelaufen sein. Er glaube an die «Verschmutzung durch eine dritte Partei, die scheinbar mitten in einem gerade von uns gesäuberten Gebiet von einem Tanker verursacht wurde». Der Konzern wolle nun Proben nehmen, um zu beweisen, dass das Öl nicht von Shell ist. Laut MSNBC sei es tatsächlich nicht ungewöhnlich, dass verschiedene Öl-Multis ihr Produkt vor Nigeria einfach ins Meer laufen lassen.

Blutiger Streit um Land

Im August 2011 hatte die UN errechnet, dass die Beseitigung aller Öl-Verschmutzungen im Niger-Delta 30 Jahre bräuchte und eine Milliarde Dollar verschlingen würde. Als wären das alles nicht genug Hiobsbotschaften für das Land mit der grössten Öl-Produktion des Kontinents, ist nun auch noch der soziale Frieden in Gefahr. Am 31. Dezember kam es im östlichen Bundesstaat Ebonyi zu Kämpfen: Bewaffnete Bewohner der Gemeinde Ezza seien am frühen Morgen in den Ort Ezillo gefahren und hätten das Feuer eröffnet, sagte Regierungssprecher Onyekachi Eni. Nach einem Bericht der nigerianische Zeitung «The Guardian» sind unter den mindestens 52 Toten auch Kinder.

Bei der Attacke habe es zudem Verletzte gegeben. Auch Häuser und Geschäfte seien in Brand gesteckt worden. Die Regierung entsandte nach eigenen Angaben Polizeieinheiten in die Region, um für Ruhe zu Sorgen. Der Streit um Land sei bereits im Jahr 2008 ausgebrochen, sei aber bis Samstag als beigelegt betrachtet worden, sagte Regierungssprecher Eni. In dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas kommt es häufiger zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um Land.

Benzin-Aufstand im Öl-Land

Der Grund: Die nigerianische Regierung hat mit dem Beginn des neuen Jahres ihre Subventionen für Treibstoff gestrichen. Die zuständige Regulierungsbehörde hatte angekündigt, sie werde entsprechende Zahlungen an Importeure einstellen. Die Benzinpreise von umgerechnet etwa 42 Rappen pro Liter stieg auf rund 87 Rappen. Die Regierung rechnet mit Einsparungen von etwa 7,3 Milliarden Franken, die in die Infrastruktur investiert werden sollen.

Aus Protest gegen die gestiegenen Benzinpreise haben aufgebrachte Menschen in Nigeria den Verkauf von Treibstoff an Tankstellen gestoppt. Ausserdem entzündeten sie am 3. Januar ein Feuer auf einer Hauptverkehrsstrasse der Millionenstadt Lagos. Die meisten Nigerianer leben von etwa 1,82 Franken am Tag. Obwohl Nigeria einer der grossen Erdölproduzenten ist, wird das Rohöl kaum im Land weiterverarbeitet und die meisten Raffinerieprodukte werden importiert. Mit dem eingeführten Treibstoff werden nicht nur Autos betrieben, sondern auch zahllose Generatoren, die während der häufigen Stromausfälle Strom für Häuser und Geschäfte bereitstellen.

(phi/ap)