Debatte um Özil

23. Juli 2018 16:00; Akt: 23.07.2018 21:13 Print

«Das ist Rassismus, eindeutig»

von Stefan Strittmatter - Mesut Özil sei in der Nationalmannschaft für seine Wurzeln kritisiert worden, so ein Experte. Er sieht ein problematisches Muster bei der Integration von türkischstämmigen Deutschen.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

Zum Thema
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Mit seinem überraschenden Austritt aus der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag heizt Mesut Özil die Debatte um türkischstämmige Deutsche erneut an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dem Fussballer Respekt für seine Leistung gezollt. Deutschland sei ein «weltoffenes Land», hiess es am Montag in Berlin. Doch der Sozialforscher und Türkeikenner Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund erkennt im Fall Özil ein grundlegendes Muster, wonach Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland generell einen schweren Stand haben.

Umfrage
Hat Özil recht, wenn er sich als Opfer von Rassismus sieht?

Herr Toprak, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie vom Austritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hörten?
Natürlich war es von Mesut Özil und seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan ein Fehler, sich im Vorfeld der WM mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren zu lassen. Ich denke, das haben die beiden auch eingesehen. Was aber danach geschah, hat mit dem Foto nichts zu tun. Hier entzündeten sich rassistische Gedanken, die im Keim schon lange zu spüren sind in Deutschland.

Sie sprechen von Ressentiments gegenüber türkischstämmigen Mitbürgern?
Genau. Man muss ja auch sehen, dass Özil nicht nur für seine sportlichen Leistungen kritisiert wurde, sondern für seine Wurzeln. Er ist wie sein Vater in Deutschland aufgewachsen, besitzt ausschliesslich den deutschen Pass, wird aber dennoch von vielen als Türke wahrgenommen. Und als solcher gilt für ihn nicht der gleiche Massstab wie für andere Fussballer. Langzeitstudien belegen, dass circa 30 bis 35 Prozent der deutschen Bevölkerung Muslimen gegenüber Vorbehalte hat oder Muslime ablehnt. Das hat sich jetzt entzündet.

Haben deutsche Nationalspieler wie Özil einen schwereren Stand als etwa Jérôme Boateng?
Ja. Boateng oder Sami Khediara haben zum Beispiel jeweils eine deutsche Mutter. Diese Spieler haben es aufgrund ihrer bikulturellen Herkunft einfacher, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Für sie ist es auch einfacher, sich zu Deutschland zu bekennen.

Ist das ein Gefühl, das türkischstämmige Bürger in Deutschland kennen?
Ja. Mit türkischer Abstammung muss man in Deutschland stets 105 Prozent leisten, um für voll genommen zu werden. Stärken werden von der Öffentlichkeit wenig beachtet, während Fehler in der Wahrnehmung stark gewichtet werden.

Wie wirkt sich Özils Entscheidung auf das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland aus?
Ich beobachte zwei Ebenen: In der türkischen Presse wird Özils Schritt als konsequente Haltung gefeiert. In Deutschland jedoch sehen sich die türkischstämmigen Mitbürger in ihrem Gefühl bestärkt, dass sie hier nicht wirklich erwünscht sind. Oder nur so lange, wie sie eine überdurchschnittliche Leistung erbringen.

Kann man von Rassismus sprechen?
Das ist latenter und offensichtlicher Rassismus, eindeutig.

Wie wird Özils Austritt von der türkischen Diaspora aufgefasst?
Hier bestätigen sich Dinge, die die Türkischstämmigen bereits gefühlt haben. Die Opferhaltung wird sich leider bei einigen weiter verstärken.

Kommt jetzt Bewegung in die Debatte um die nationale Identität?
Die Debatte wird bestimmt angeheizt. Das Problem ist, dass sich beide Lager in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Die Kritiker sehen Özils Abgang als Etappensieg, auf den sie aufbauen können. Die türkischen und muslimischen Bürger haben nun einen greifbaren Beweis dafür, dass man sie hier nur duldet, nicht aber wünscht.

Denken Sie, Özil wollte mit seinem Austritt ein Zeichen setzen?
Die Fussballnationalmannschaft hat im Bezug auf Identität in einem Land natürlich eine grosse Strahlkraft. Ich fürchte aber, dass Özil nicht jenes Umdenken herbeiführen wird, das er sich womöglich erhofft hat.

Hätte Mesut Özil Ihrer Meinung nach anders reagieren sollen?
Er hätte gut daran getan, sich weiterhin über sportliche Leistungen zu empfehlen – im Verein und in der Nationalmannschaft. Andererseits weiss ich nicht, was sich da während der WM hinter den Kulissen alles abgespielt hat. Özil hat ja nur angetönt, dass es Meinungsverschiedenheiten gab zwischen ihm und dem Direktor der Deutschen Fussballverbands, Oliver Bierhoff. Persönlich halte ich Özils Entscheid, die Mannschaft zu verlassen, zum jetzigen Zeitpunkt für denkbar falsch.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kein Sultanat am 22.07.2018 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    Mittäter

    Özil hat nicht begriffen, dass diese Affäre weit über die Frage, wie sein Herz schlägt, hinausgeht. Nehmen wir mal an, er wäre südAfrikanischer oder indischer Herkunft und Mandela resp. Gandhi würde noch leben: Keine Hahn hätte danach gekräht. Aber Özil hat sich eben NICHT mit einem grossen humanitären Staatsmann getroffen, sondern mit einem grössrnwahnsinnigen Despoten und Verbrecher!

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  • Mister Proper am 22.07.2018 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Andern....

    Wenn sich ein super Fussballer in Vorbildfunktion mit einem Diktator ablichten lässt, hat diese Kritik nichts mit Rassismus zu tun. Es ist eine Ohrfeige für alle, die unter dem Regime Erdogan leiden, ob in der Türkei,Deutschland oder sonst auf der Welt. Diesen einen Fehler eingestehen kann Özil leider nicht......

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  • Schlauer Fuchs am 22.07.2018 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Motiv für Foto

    Herr Özil, was glauben sie aus welchem Motiv der türkische Präsident ein Foto mit ihnen gemacht hat?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dominic am 23.07.2018 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und nun, gut ist

    Ich glaube, es reicht jetzt

  • René am 23.07.2018 23:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es war kein Rassismus

    Das Problem der Herren Özil und Gündogan war, dass sie für einen Despoten politische Werbung gemacht haben. Ein Emre Can, der die Avancen von Erdogan zurüch gewiesen hatte wäre nie ausgepfiffen worden.

  • Marc F am 23.07.2018 23:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    saloonfähig

    Leider wird Rassismus immer mehr Saloonfähig. Sogar bis in die obersten Etagen der Gesellschaft. Viele merken nicht mal, dass sie andere Rassen diskriminieren.

  • Jack am 23.07.2018 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mözil

    Özil ist ein Flachpfeife der bei wichtigen Spielen und gegen stärkere Gegner unsichtbar ist. Dazu sucht er die Fehler überall, nur nicht bei sich selbst. Uli Hoeness hat es genau auf den Punkt gebracht.

  • spreewaldgurke am 23.07.2018 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist schon so

    Nicht Özil ist verantwortlich für das schlechte Abschneiden der Mannschaft zur Weltmeisterschaft, sondern daran sind alle zuständig, die gesamte Mannschaft und das dazugehörigen Umfeld. Somit gesehen hat er schon recht. Das hat aber nichts mit Rassismus zu tun wenn sie so grottenschlecht spielten, sondern mit ihrem eigenen Unvermögen.