Proteste im ganzen Land

10. Dezember 2011 12:08; Akt: 10.12.2011 19:47 Print

100 000 Russen demonstrieren gegen Putin

Bei der grössten Demonstration von Regierungsgegnern in Russland seit mehr als einem Jahrzehnt haben rund 100 000 Menschen gegen die von Fälschungsvorwürfen überschattete Parlamentswahl protestiert.

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Bis zu 100 000 Menschen haben bei den grössten Strassenprotesten von Regierungsgegnern in Russland seit mehr als einem Jahrzehnt Neuwahlen gefordert. Die Demonstranten werfen der Regierung eklatante Fälschungen bei der Parlamentswahl vor.

Der nur für 30 000 Menschen zugelassene Platz im Zentrum von Moskau war trotz Kälte und leichten Schneetreibens am Samstag überfüllt. Noch weit nach Beginn der genehmigten Kundgebung in Moskau strömten Tausende zum Versammlungsort auf der Bolotny-Insel im Fluss Moskwa. Die Polizei sprach von etwa 25 000 Teilnehmern. Die Organisatoren gingen allerdings von bis zu 100 000 Menschen aus, die allein in Moskau gegen den Sieg der von Regierungschef Wladimir Putin geführten Partei Geeintes Russland protestierten.

Zehntausende Polizisten im Einsatz

Auch in zahlreichen anderen Städten kam es zu Protesten gegen das Resultat der Abstimmung vom 4. Dezember. Dabei wurden landesweit dutzende Menschen festgenommen, die sich an nicht genehmigten Aktionen beteiligt hatten.

Neue Massenfestnahmen wie in den Tagen zuvor blieben aber aus. In St.Petersburg demonstrierten etwa 10 000 Menschen friedlich gegen Wahlfälschungen. Bei einer nicht genehmigten Aktion nahm die Polizei allerdings gut ein Dutzend Regierungskritiker fest. Ihnen drohen in Eilverfahren Geldstrafen und bis zu 15 Tage Arrest.

Die Behörden hatten ein hartes Vorgehen gegen unerlaubte Strassenproteste angekündigt. Allein in Moskau waren 52 000 Sicherheitskräfte im Einsatz, die weite Teile der Hauptstadt absperrten.

Keine Neuwahlen

Die nach der Wahl zum Sieger erklärte Partei Geeintes Russland wies die Vorwürfe der Demonstranten zurück. Es sei eine Provokation, dass die Opposition das Wahlergebnis nicht anerkenne und die Menschen auf die Strassen rufe.

Auch die Zentrale Wahlkommission wies Forderungen nach Neuwahlen zurück. Es gebe keinen Grund, das Ergebnis zu überprüfen, sagte der stellvertretende Wahlleiter Stanislaw Wawilow. «Die Wahl ist gültig.»

Resolution verabschiedet

Zur Moskauer Grosskundgebung kamen Menschen jeden Alters und aller Gesellschaftsschichten. Viele Teilnehmer hatten weisse Schleifen an ihre Kleidung geheftet und trugen weisse Blumen - als Zeichen ihrer friedlichen Absichten.

Sie forderten auch die Freilassung politischer Gefangener. Hauptforderung einer am Ende mit tosendem Beifall verabschiedeten Resolution war die nach offenen und fairen Neuwahlen unter Zulassung der Opposition.

«Russland ohne Putin» und «Schande», riefen einige Redner wie der Kremlkritiker und frühere Vize-Regierungschef Boris Nemzow der Menge zu. Auch Moskaus Bürgermeister solle künftig direkt gewählt und nicht mehr vom Präsidenten ernannt werden, forderte der bekannte Krimiautor Boris Akunin.

Führende Köpfe fehlen

Führende Oppositionelle wie der Blogger Alexej Nawalny und der Politiker Ilja Jaschin fehlten aber bei der Kundgebung. Sie waren wegen angeblichen Widerstands gegen die Polizei bei einer nicht genehmigten Strassenaktion in Eilverfahren zu 15 Tagen Arrest verurteilt worden.

Die linkskonservative Partei Gerechtes Russland nominierte unterdessen ihren Fraktionschef Sergej Mironow als Kandidaten für die Präsidentenwahl am 4. März 2012. Chancen werden ihm aber nicht eingeräumt.

Die einst als kremlnah bekannte Partei präsentiert sich seit einigen Monaten als Oppositionskraft. Bei der Abstimmung im Frühjahr will sich Putin, der bereits von 2000 bis 2008 Präsident gewesen war, wieder in den Kreml wählen lassen.

(sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • russicher salat am 10.12.2011 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    30 . 000 sind wenig

    30 000 sind ja nicht gerade viel für moskau resp russland.

  • Deekay am 11.12.2011 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Demonstrationen

    Der russische Frühling lässt grüssen

  • Claudio Ferrari am 10.12.2011 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Die Propagandamaschine läuft

    Ich muss den Kameramännern und westlichen "Reportern" ein Kopliment machen. Bei den Schlägereien zwischen FC Basel und FC Zürich sind mehr Leute beteiligt und es sieht nach viel weniger aus. Ich war letzte Woche in St. Petersburg und habe mit eigenen Augen gesehen wie viel Leute es waren. Über die Wahlfälschungen kann ich nichts sagen. Ich denke aber die Wahlergebnisse sind etwa richtig. Die meisten sagten: Putin ist nicht gut für Russland, aber die andern noch schlechter.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hugo Dummer am 12.12.2011 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    Kenne Ergebnis

    Und am Schluss heisst es aus dem Kreml: "Alles in Ordnung, keine Ungereimtheiten, Putin Sieger"

  • Stefan Haller am 12.12.2011 08:09 Report Diesen Beitrag melden

    Russland wohin?

    Die Demonstrationen sind nicht verwunderlich, dies Problem Russlands ist seit jahren bekannt, auch der eigenen Bevölkerung. Die Frage die sich nun stellt, wie weit sind die Regierungs Köpfe tatsächlich bereit zu gehen. Damit es zu einer Änderung in russland kommt, brauchts mehr als nur Demonstationen.

    • ivan der schreckliche am 12.12.2011 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      0.03

      30'000 Demonstranten in einer Stadt wo über 10 Millionen leben ist doch nichts. Es wird einfach alles von den westlichen Medien hochgetrieben.

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  • Andy M am 12.12.2011 02:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ende der Herrschaften ist eingeleutet!

    Die Zeit ist gekommen für die russische Bevoelkerung endlich einmal in Freiheit zu leben, darum kämpft weiter so hartnäckig. Jetzt habt ihr es in euren Händen eine Kehrtwende herbei zu rufen um diese Diktatoren, Oligarchen in die Schranken zu weisen. Kämpft für frei, transparente, faire Wahlen, den dies ist ein Bürgerrecht Weltweit. Dies seid Ihr eueren Bürgern und eueren Nachkommen schuldig um in einer bessern Zukunft zu leben. Wünsche euch viel Glück und einen starken durchhalte Willen!

  • Deekay am 11.12.2011 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Demonstrationen

    Der russische Frühling lässt grüssen

  • Nora Nordmann am 11.12.2011 01:25 Report Diesen Beitrag melden

    warum soll UNS putin nicht passen?

    anscheinend haben viele vergessen was für einen chaos jelzin hinterlassen hat. putin hat russland zu dem gemacht was es heute ist: eine weltmacht! und genau von dem haben der westen und die amis angst. natürlich ist er kein heliger. auch unsere westlichen politiker haben ihre Laster. finde es primitiv wenn man aus putin eine witzfigur macht: (judo-schwarzgurt, pferd, selber autofahren, etc. etc.) wenn die russen ihn tatsächlich nicht wollen, werden sie ihn auch ohne westen abwählen. es ist ihr problem. die haben schon viel schlimmere zeiten und richtige DIKTATOREN gehabt

    • Linke Ratte am 11.12.2011 20:42 Report Diesen Beitrag melden

      Revolutionen ohne Ende

      Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Griechenland, Italien, Russland, USA... Schweiz? Die Revolution in Tunesien hat wie ein Funke die Lunte der Revolutionen in Arabien angesteckt. Angesichts der Weltwirtschaftskrise und der Umweltzerstörung gibt es auch im Westen Widerstand. Und Griechenland und Russland könnten die nächsten Kandidaten für Revolutionen sein. In Athen und Moskau wehen bereits wieder rote Fahnen in den Strassen! Auch das könnte sich ausbreiten, auch auf die Schweiz. Wer weiss vielleicht geht ja 2012 nicht die Welt unter, sondern nur der Kapitalismus...

    • Sami Südmann am 12.12.2011 09:29 Report Diesen Beitrag melden

      Ihn abwählen?

      Viele wollten das ja, aber wie kann man ihn abwählen, wenn sich schon bei Öffnung der Wahllokale Stimmen für ihn in der Wahlurne befinden? Anscheinend hat er Angst, in freien und fairen Wahlen abgewählt zu werden, sonst hätte so ein Wahlbetrug gar nicht stattgefunden.

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