Angriff

29. Dezember 2008 15:50; Akt: 29.12.2008 16:08 Print

Israel will «Krieg bis zum bitteren Ende»

Israel hat die Luftangriffe auf den Gazastreifen ausgeweitet und Forderungen nach einer Waffenruhe eine Absage erteilt. Angriffsziele waren wichtige Gebäude der Hamas wie die Islamische Universität und ein Haus neben der Residenz des Ministerpräsidenten. Die Anzeichen einer bevorstehenden Bodenoffensive verdichten sich.

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Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak schloss eine Verhandlungslösung mit der Hamas aus. Israel führe gegen die palästinensische Organisation einen «Krieg bis zum bitteren Ende», sagte Barak vor einem Parlamentsausschuss in Jerusalem.

Der Minister betonte, dass sich die am Samstag begonnenen Luftangriffe nicht gegen das palästinensische Volk richteten, sondern gegen die Hamas. Die Organisation solle gezwungen werden, ihre «feindlichen Aktionen» gegen die israelische Zivilbevölkerung einzustellen. Aussenministerin Zipi Livni sagte, Israel bemühe sich, Todesopfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden, während die Hamas bewusst Kindergärten und Schulen in Israel ins Visier nehme.

Viele Tote

Die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen stieg nach Angaben palästinensischer Ärzte auf mindestens 315. Unter den Toten waren nach Angaben palästinensischer Ärzte acht Kinder unter 17 Jahren. Ein Sprecher der Hamas-Polizei erklärte, 180 Mitglieder der Sicherheitskräfte seien ums Leben gekommen. Das UN-Hilfswerk für die Palästinenser sprach von 51 Toten in der Zivilbevölkerung. Nach Angaben des Hamas-geführten Gesundheitsministeriums sind die neun Krankenhäuser im Gazastreifen überfüllt. Nach Augenzeugenberichten wurden am Montag bei einem Luftangriff in Dschebalia fünf Töchter einer Familie getötet. Die jüngste war vier Jahre alt.

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas verurteilte die Angriffe als «durchschlagende israelische Aggression». Es war die bislang schärfste Reaktion des Fatah-Vorsitzenden seit Beginn der Offensive. Zugleich kündigte er an, er werde seine Rivalen von der Hamas kontaktieren, um ein Ende der blutigen Auseinandersetzungen herbeizuführen.


Israel will mit der Operation den ständigen Raketenbeschuss seiner Grenzorte aus dem Gazastreifen unterbinden. Am Rande des Gazastreifens befanden sich nach Medienberichten unterdessen zahlreiche Bodentruppen.

Israel hat den Grenzbereich zum Gazastreifen zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Der Schritt könnte als Vorbereitung zu einer umfassenden Bodenoffensive dienen. Ein Sprecher der israelischen Armee teilte mit, der gesperrte Korridor habe eine Breite von zwei bis vier Kilometern und solle israelische Zivilisten vor palästinensischen Raketen schützen. Das Sperrgebiet sei weder für Zivilisten noch Journalisten zugänglich. Nur Bewohner der betroffenen Ortschaften dürften sich in dieser Zone aufhalten. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak hatte am Sonntag mit dem Einsatz von Bodentruppen im Gazastreifen gedroht. Die Armee mobilisierte mehr als 6000 Reservisten.

Bombardierung vom Meer aus

Seit den frühen Morgenstunden flog die Luftwaffe Dutzende von Angriffen auf Hamas-Ziele. Das teilte ein Armeesprecher mit. Auch das Büro des ehemaligen palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija sei bombardiert worden.

Zudem habe die Marine von der See aus Hamas-Stellungen im Küstenbereich und weiter im Landesinneren beschossen. Andere Ziele seien Waffenfabriken und Schmugglertunnel entlang der Grenze zu Ägypten.

Auch ein Gebäude der Islamischen Universität und ein Gästehaus der Hamas wurden angegriffen. Seit Beginn der Operation am Samstag seien 300 Ziele getroffen worden.

Hamas setzt Raketenangriffe fort

Unterdessen setzten militante Palästinenser im Gazastreifen ihre Raketenangriffe auf Israel fort. In der Küstenstadt Aschkelon wurde ein israelischer Araber getötet, als eine Grad-Rakete auf einer Baustelle ein Gebäude traf. 14 weitere Menschen erlitten Verletzungen.

Es war der zweite Tote in Israel seit Beginn der Offensive. Die israelische Armee erklärte das Grenzgebiet am Rande des Gazastreifens zur militärischen Sperrzone.

In einer israelischen Siedlung im Westjordanland wurden am Montag beim Anschlag eines Palästinensers vier Menschen mit einem Messer verletzt. Eine Armeesprecherin teilte mit, der Angreifer selbst sei durch Schüsse schwer verletzt und festgenommen worden.

Militäroperation seit Monaten geplant

Die israelische Aussenministerin Zipi Livni sagte am Montag angesichts des Raketenangriffs in Aschkelon bei einer Sondersitzung im israelischen Parlament, Hamas unterscheide nicht zwischen Juden und Arabern.

Verteidigungsminister Ehud Barak sprach von einem «gnadenlosen Krieg gegen die Hamas und ihre Verbündeten». Die Kämpfer der Hamas feuerten absichtlich auf israelische Zivilisten und versteckten sich bei palästinensischen Zivilisten, sagte Barak.

Israel hingegen bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden und lasse humanitäre Hilfe für die Menschen im Gazastreifen zu.

Proteste israelischer Araber

Angesichts von Protesten israelischer Araber gegen die Militäroffensive drohte Oppositionsführer Benjamin Netanjahu, Israel werde mit «eiserner Hand» gegen Hamas-Unterstützer innerhalb der arabischen Minderheit vorgehen.

Am Sonntag hatten in verschiedenen Ortschaften Israels Zehntausende israelischer Araber gegen die Militäroffensive im Gazastreifen demonstriert. Sie äusserten Wut und Trauer über die grosse Zahl der Toten und Verletzten und warfen Steine und Flaschen gegen die Polizei.

Ein Polizeisprecher sagte am Montag, mehr als 50 Demonstranten seien am Vortag festgenommen worden. Aus Furcht vor Unruhen und möglichen Anschlägen sei die israelische Polizei weiter in erhöhter Alarmbereitschaft.

Hamas zu Waffenruhe bereit

Die Hamas ist nach Angaben der Organisation Islamischer Staaten (OIC) zu einer neuen Waffenruhe mit Israel bereit. Voraussetzung sei, dass Israel seine Luftangriffe stoppe und die Blockade des Gazastreifens beende, teilte Senegal als OIC-Vorsitzender mit. Im Gegenzug wolle die im Gazastreifen herrschende radikal- islamische Hamas die Einhaltung der Waffenruhe auf palästinensischer Seite überwachen.

In einer zweiten Erklärung verurteilte der senegalesische Präsident Wade die israelischen Angriffe als inakzeptabel. Als amtierender Präsident des 56 Länder umfassenden OIC verlangte er von Israel, sofort die Luftschläge zu stoppen und von weiteren Angriffen abzusehen.

Türkei gibt Vermittlung auf

Die Türkei stellte angesichts der Angriffe ihre Vermittlungsbemühungen ein. Unter diesen Umständen sei es nicht möglich, die Gespräche fortzusetzen, sagte der türkische Aussenminister Ali Babacan. Israel führe einen Krieg gegen die Palästinenser, während es gleichzeitig mit Syrien verhandele. Diese Politik sei eine grosse Enttäuschung für die Türkei. Babacan forderte eine sofortige Waffenruhe.

Luftangriffe auf Gaza Stadt

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(Video: AP)
Quelle: SDA/AP