Türkisch-syrische Grenze

22. September 2014 08:14; Akt: 22.09.2014 10:03 Print

130'000 kurdische Syrer fliehen in die Türkei

Durstig und erschöpft strömen über hunderttausend kurdische Flüchtlinge an die türkische Grenze. Doch in der Türkei, wo sie auf Schutz vor dem IS hoffen, erfahren sie ebenfalls Gewalt.

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Vor dem Vormarsch der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) im Norden Syriens sind nach Angaben der Vereinten Nationen inzwischen 130'000 Kurden über die Grenze in die Türkei geflohen. Die Zahl teilte das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Montag in Genf mit.

Die syrisch-türkische Grenze war am Sonntag zeitweise geschlossen worden. Türkische Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Wasserwerfern gegen einige Dutzend kurdischer Flüchtlinge vor. Auf der syrischen Seite stauten sich die Menschen. In dem Chaos war Gefechtslärm von Kämpfen weiter im Landesinneren zu hören.

Unterstützung gegen IS-Attacken

Nach Angaben der türkischen Polizei wollten die Grenzschützer verhindern, dass kurdische Kämpfer von der Türkei nach Syrien wechseln. Der türkische Privatsender NTV berichtete jedoch, einige der gestoppten Kurden hätten angegeben, sie wollten Hilfsgüter in die umkämpfte Region bringen. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, kurdische Demonstranten hätten Steine auf Sicherheitskräfte geworfen.

Zu den Auseinandersetzungen kam es, nachdem der Anführer der Arbeiterpartei Kurdistans PKK junge türkische Kurden dazu aufrief, zu den Waffen zu greifen und nach Syrien zu gehen, um die Kurden gegen die IS-Attacken zu unterstützen.

Abgetrennte Köpfe hingen in den Strassen

Aus Syrien flohen nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks vor allem kurdische Frauen, Kinder und ältere Menschen. Der Zustrom halte an, sagte die Sprecherin. Sie rief die internationale Gemeinschaft zur Hilfe auf.

In der Türkei harren inzwischen 1,5 Millionen Menschen aus, die sich vor dem seit 2011 wütenden Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. IS-Kämpfer haben seit Donnerstag rund 60 Dörfer erobert.

Der syrisch-kurdische Flüchtling Mohammed Osman Hamme sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe mit seiner Familie vor 10 Tagen die Flucht ergriffen, nachdem er gehört habe, dass IS-Kämpfer auf sein Dorf Darija in der syrischen Provinz Rakka vorrückten. Nach dreitägigem Fussmarsch hätten sie die Stadt Tell Abjad an der türkischen Grenze erreicht. In den Strassen dort hätten sie vier abgetrennte Köpfe hängen sehen.

Türkei zurückhaltend gegenüber IS

Die USA hoffen nach Angaben aus Regierungskreisen, dass sich Ankara nach der Befreiung von 49 Geiseln stärker an der Bekämpfung der IS-Terrormiliz beteiligt. Die Geiseln – 46 türkische und drei irakische Mitarbeiter des Generalkonsulats der Türkei in Mossul – waren am Samstag in Ankara eingetroffen.

Bislang hatte die türkische Regierung gegenüber der IS Zurückhaltung geübt, auch mit dem Verweis auf die Geiseln.

Der freigekommene Generalkonsul Öztürk Yilmaz sagte, die Geiseln seien gezwungen worden, Videos von Enthauptungen anderer Gefangener anzusehen. Zwei US-Journalisten und ein britischer Entwicklungshelfer waren in den vergangenen Wochen von der Terrorgruppe vor laufender Kamera ermordet worden.

Papst beklagt Missbrauch von Religion

Syrien kritisierte am Sonntag scharf das von den USA geschmiedete Bündnis gegen die Terrormiliz. Parlamentspräsident Mohammed Dschihad Labham sagte, Washington sollte besser mit der syrischen Regierung zusammenarbeiten, als eine Koalition mit Staaten zu bilden, die Terrorismus unterstützen. Er meinte damit wohl Saudi-Arabien und andere Staaten, die gegen Präsident Assad kämpfende Rebellen unterstützen.

Papst Franziskus beklagte bei einem Besuch in Albanien einen Missbrauch von Religion zur Rechtfertigung von Gewalt.

(sda)