Aktivisten in Angst

05. Februar 2014 06:21; Akt: 05.03.2014 17:52 Print

Schickt Putin heimlich Soldaten in die Ukraine?

Ukrainische Aktivisten befürchten, dass russische Spezialeinheiten heimlich die Regierung in Kiew unterstützen. Fest steht: Die Biker der «Nachtwölfe» mischen in der Ukraine mit.

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Sie fürchten jeden Tag Angriffe der Sicherheitskräfte und Attacken der regierungstreuen Schlägertruppen, der Tituschki. Doch im Kampf gegen die pro-russische Regierung von Viktor Janukowitsch ist für die pro-westlichen ukrainischen Aktivisten eine weitere grosse Sorge hinzugekommen: die Angst vor Russlands verlängertem Arm.

Sie vermuten, dass der russische Präsident Wladimir Putin heimlich eigene Sicherheitskräfte in die Ukraine schleust, um die dortigen Spezialkräfte, die sogenannten Berkut, zu unterstützen. Die Gerüchte kursieren seit Mitte Januar unter den Aktivisten und in den sozialen Medien.

«Es sollen zwei Brigaden von bis zu 10'000 Mann sein»

Selbst in Geheimdienstkreisen sollen die russischen Spezialeinheiten ein Thema sein. Das berichten mehrere Quellen unabhängig voneinander gegenüber 20 Minuten: «Es werden russische Soldaten in ukrainische Polizeiuniformen gesteckt und nach Kiew entsandt. Es sollen zwei Brigaden von bis zu 10'000 Mann sein. Janukowtisch hat die Gespräche mit der Opposition nur anberaumt, um Zeit zu gewinnen und diese Leute aufbieten zu können», so Franz B.*, der sich auf einen ehemaligen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB beruft und enge Kontakte zu Aktivisten in Kiew hat.

Olga Y.*, eine in der Schweiz lebende Ukrainerin, sagt, ein befreundeter Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU, habe ihr Ähnliches berichtet. «Russische Inspektoren sollen die ukrainischen Berkut-Einheiten für das Vorgehen gegen die Pro-Westler anweisen», berichtet eine dritte Quelle mit Kontakten nach Kiew. «Aktivisten in Kiew unterhielten sich mit Berkut-Leuten. Doch diese sprachen merkwürdigerweise mit russischen Akzent.»

Widerstand gegen Janukowitsch ist zum Kampf gegen Putin geworden

Immer mehr Ukrainer, so schreibt auch die Journalistin Olga Shestopalova, glaubten, dass der Widerstand gegen die Regierung Janukowitsch sich mittlerweile zu einem Kampf gegen Russland und Präsident Putin ausgewachsen habe. Ukrainische Experten wollen im Umgang den ukrainischen Berkut-Einheiten mit den Demonstranten gar die brutale Handschrift der russischen Spetsnaz – eine Spezialeinheit des russischen militärischen Geheimdienstes GRU – erkannt haben.

Dazu kommen Aussagen führender Oppositioneller wie Dmitro Bulatow. Er war nach eigenen Aussagen verschleppt und gefoltert worden. Seine Peiniger hätten Russisch gesprochen, sagte er. Ob damit das Russisch aus Russland oder das ukrainische Russisch gemeint war, liess Bulatow offen. In der Ukraine wohnen rund 17 Prozent ethnische Russen, fast die Hälfte der Ukrainer gibt Russisch als Muttersprache an.

Was ist mit Putins Motorrad-Gang?

Auf jeden Fall bemerkenswert: Der Motorradklub Notschniye Volki («Nachtwölfe») will in ostukrainischen Städten «für Ruhe und Ordnung» sorgen. Das zumindest schrieb die russische Fraktion des Klubs auf ihrer Website: «Die Biker haben den Schutz der Städte übernommen. Während 24 Stunden verteidigen sie die Verwaltungsgebäude und die wichtigsten Objekte in Sewastopol, Simferopol, Charkow und Lugansk gegen die Radikalen und Provokateure. Der Leiter des Motorradklubs, Alexander ‹der Chirurg› Saudostanow, hilft aktiv gegen die Kannibalen, die die Unordnung in Kiew veranstalten.»

Der russische Präsident kennt den Klub gut: Putin unternahm in der Vergangenheit Spritztouren mit den Rockern und unterhält mit deren Anführer eine freundschaftliche Beziehung. Biker-Chef Saudostanow schwärmte zudem von Putins patriotischen Ambitionen, «Russland zu seiner einstigen Grossartigkeit» zurückzuführen. Putin seinerseits bedankte sich beim kremltreuern Töfflerchef, indem er Saudostanow vergangenen März eine Ehrenmedaille verlieh.

Putin: «Ukraine ist kein Staat»

Dass Russland Spezialeinheiten in die Ukraine schickt, davon sind auch prominente Ukrainer überzeugt: Anatoly Gritsenko war ehemaliger Verteidigungsminister und zählt mittlerweile zu den bekanntesten Oppositionellen des Landes. Vor wenigen Tagen sagte er öffentlich, dass russische Spezialeinheiten die Proteste in Kiew überwachten.

Eine Anschuldigung, die Russland dementierte: «Diese Informationen entsprechen nicht der Realität und sind provokativ in ihrem Charakter», so der Pressedienst der russischen Botschaft in der Ukraine.

Putin hat die EU wiederholt zur Zurückhaltung im ukrainischen Machtkampf aufgefordert. Er betont jeweils, sich auch nicht in den Widerstandskampf einzumischen: Russland respektiere die Souveränität jedes Staates, der früher einmal zur Sowjetunion gehört habe.

Was Putin wirklich über die Ukraine denkt, machte er 2008 gegenüber dem früheren US-Präsidenten George W. Bush deutlich: «Sie verstehen doch, George, dass die Ukraine nicht einmal ein Staat ist. Was ist die Ukraine? Ein Teil ihrer Territorien gehört zu Osteuropa, und ein bedeutender Teil wurde ihr von uns geschenkt!» Die Worte verdeutlichen: In der Wahrnehmung Russlands ist die Ukraine bis heute ein russisches Vorzimmer zum Westen geblieben.

Nach ihren Einschätzungen gefragt, schliessen Beobachter nicht aus, dass Putin der Regierung Janukowitsch mit eigenen Spezialkräften «gutnachbarschaftliche Hilfe» leisten könnte. «Es ist denkbar, dass Russland Leute in die Ukraine einschleust, um dort die Berkut im Kampf gegen die pro-westliche Opposition zu unterstützen. Russland hat grosses Interesse daran, den Einfluss auf die Ukraine beizubehalten», sagt etwa Susan Stewart von der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik. «Aber das ist nur Spekulation. Wirklich beweisen lässt sich das nicht.»

* Namen der Redaktion bekannt


Video mit geheimnisvollen Soldaten sorgt für Irritation

(Quelle: Yotube/НикВести Николаев)

(gux)