Pakistan

13. August 2010 16:40; Akt: 16.08.2010 13:51 Print

«So etwas hat noch nie jemand gesehen»

von Amir Mustedanagic - Die Jahrhundertflut in Pakistan überwältigt selbst erfahrene Helfer: Der Leiter des Deutschen Roten Kreuzes über die aktuellen Probleme und Nöte.

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Das Ausmass der Überschwemmungen in Pakistan, verglichen mit Europa (Karte: Sven Rüf/20 Minuten Online)

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Dirk Kamm ist Leiter des Deutschen Roten Kreuzes in Pakistan. Er und sein Team stehen in vier Bezirken im Norden und einem im Süden im Einsatz. Mit Maulesel-Konvois versuchen sie, das Nötigste in die entlegenen und teilweise abgeschnittenen Dörfer zu bringen. Die Lage ist gemäss Kamm dramatisch – und Entspannung ist keine in Sicht.

Herr Kamm, das Deutsche Rote Kreuz steht in fünf Bezirken im Einsatz. Wie ist die Lage vor Ort?
Dirk Kamm: Die Situation ist unverändert dramatisch. Es regnet noch immer in weiten Teilen des Landes. Das überflutete Gebiet ist inzwischen grösser als England. Im Norden sinkt der Wasserpegel zwar langsam, die Menschen dort wurden aber von der Flut überrascht. Sie konnten nichts ausser ihrem Leben retten. Vor allem der Nordwesten des Landes ist stark betroffen. Im Süden spitzt sich die Lage zu: Die Wasserpegel steigen dort teilweise an und die Leute werden evakuiert. Der Pegel wechselt aber täglich.

Der Nordwesten des Landes ist schwer zugänglich. Erreichen Sie die Menschen vor Ort?
In die entlegenen Dörfern führen oft nur Geröllstrassen. Die sind wegen der Flut jetzt unpassierbar geworden. Wir versuchen mit Maulesel-Konvois die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Statt vier oder fünf brauchen unsere Transporte aber oft neun bis zwölf Stunden – wenn sie überhaupt ankommen. Brücken und Strassen wurden teilweise von den Wassermassen komplett weggerissen. Erst kürzlich konnten wir ein Dorf erreichen, dass über eine Woche komplett von der Aussenwelt abgeschnitten war. Die Leute hatten kein Wasser und kaum noch Nahrung.

Können Sie uns beschreiben, wie es vor Ort aussah?
Die Häuser wurden teilweise komplett weggespült, andere wurden mit Schlamm und Dreck gefüllt. Selbst unsere Gesundheitsstation, die wir dort gebaut hatten, ist komplett verschwunden. Und das ist nur ein Beispiel – in der Bergregion gibt es ungefähr 3500 Dörfer mit etwa 7000 Familien. Das sind 49 000 Menschen, die teilweise Stunden voneinander entfernt sind. Für so viele Menschen sorgen zu müssen, ist für uns eine unglaublich schwierige Situation. Wir können sie teilweise nur zu Fuss erreichen.

Wurde die Dimension der Katastrophe im Westen unterschätzt?
Wir können selber kaum fassen, welche Grössenordnung diese Tragödie annimmt. Die Zahl der Opfer steigt mit jedem Bericht. Ich habe eine Situation wie hier noch nie erlebt, meine Kollegen genau so wenig. Egal, wie lange jemand in Krisengebieten im Einsatz war und wie viele Katastrophen er erlebt hat: Niemand hat Ähnliches erlebt.

Wie gross ist die Verzweiflung der Menschen?
Die Menschen sind vor allem traumatisiert. Sie hatten im Vorfeld nicht viel, nun haben sie dieses bisschen auch verloren. Sie sind geschockt, teilweise wie gelähmt. Einige wollen gar nicht weg aus den Ruinen. Wir haben Menschen gesehen, die mit den Händen im Schlamm buddelten, um irgendetwas zu retten. Das waren keine schönen Bilder. Es ist wirklich schlicht furchtbar. Das Schlimmste ist die Sorge um eine neue Flutwelle. Noch immer regnet es und die Monsun-Zeit dauert mindestens noch einen Monat. Jeden Tag kann der Regen stärker werden. Im Süden steigen die Wasserpegel immer noch, dort könnte es noch zu Dammbrüchen kommen – was katastrophale Auswirkungen hätte.

Was ist die wichtigste Aufgabe des Deutschen Rotes Kreuzen im Moment?
Wir haben noch längst nicht alle betroffenen Menschen erreicht. Es gibt immer noch eine grosse Zahl, die unsere Hilfe braucht.

Was benötigen die Menschen vor Ort am dringendsten?
Es mag paradox klingen, aber sie brauchen Wasser: Der Schlamm hat das saubere Wasser verseucht. Die Leute sind umgegeben von Wasser und haben keinen Schluck zu trinken. Und dann natürlich Essen. Die Menschen sind hauptsächlich Selbstversorger. Ihre Reserven wurden weggespült, das Vieh ist ertrunken. Ihre Existenz ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Hinzu kommt die medizinische Mangelversorgung: Viele Menschen haben akuten Durchfall, Ausschläge und andere Krankheiten können nicht ausgeschlossen werden.

Wie gross ist diese Gefahr?
Hier treiben teilweise tote Tiere im Wasser. Wo sich das Wasser zurückzieht, werden Kadaver freigelegt, die bei den hohen Temperaturen und der Feuchtigkeit schnell verwesen – mitten in den Menschen. Die Gefahr ist gross.

Haben Sie genügend Mittel vor Ort?
Für eine Katastrophe in dieser Grössenordnung hat man nie genügend Mittel. Es sind sechs Millionen Menschen auf Soforthilfe angewiesen. 14,8 Millionen sind insgesamt betroffen. Wir brauchen Spenden – auf jeden Fall. Alleine die Notmassnahmen wie die Wasser- und Nahrungsversorgung können noch drei Monate dauern. Sechs Millionen Mensch mit Nahrung zu versorgen ist schwierig. Ich kann es nur nochmals betonen: Niemand hier hat je etwas Ähnliches erlebt. Man kann ohne zu übertreiben von einer Jahrhundertkatastrophe sprechen.