Tibet

02. Juli 2008 10:47; Akt: 02.07.2008 12:18 Print

Das Dach der Welt im Würgegriff Pekings

von Daniel Huber - Bundesrat Couchepin soll bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking zu Hause bleiben, fordert eine Petition. Wo liegen die Wurzeln des Konflikts in Tibet?

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Tibeter und chinesische Polizei stehen sich in Xiahe in der Provinz Gansu gegenüber. (Bild: AP Photo/Andy Wong)

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60 000 Menschen in der Schweiz haben eine Petition unterzeichnet, die den Bundesrat auffordert, die Eröffnungszeremonie der
Olympischen Spiele aus Protest gegen die Repressionen in Tibet nicht zu besuchen. Die Petition wird am 3. Juli in Bern übergeben.

Theoretisch autonom

Seit Peking 1951 ganz Tibet militärisch besetzte, kommt es in dem ausgedehnten Hochland immer wieder zu Zusammenstössen mit der chinesischen Zentralgewalt. Zuletzt schlugen chinesische Truppen im März dieses Jahres einen Aufstand in mehreren tibetischen Städten brutal nieder.

Tibet ist zwar formell ein so genanntes autonomes Gebiet innerhalb der Volksrepublik China, aber dies bedeutet keineswegs, dass die Tibeter ihre Angelegenheiten autonom regeln können. Genau dies sieht indes das 17-Punkte-Abkommen vor, das eine tibetische Delegation 1951 in Peking unter massivem Druck unterzeichnete und das den Anschluss des Gebirgslandes an die junge Volksrepublik besiegelte: Darin garantierte Peking den Tibetern regionale Autonomie, Religionsfreiheit und das unveränderte Weiterbestehen des tibetischen politischen Systems.
Keines dieser Versprechen wurde wirklich eingehalten.

Fremdherrschaft und Anschluss

Die chinesischen Machthaber begründeten ihren Anspruch auf Tibet mit der Tatsache, dass das China der Mandschu-Dynastie (Qing-Dynastie) formell die Oberhoheit über das Hochland ausübte. In der Tat schickten die Mandschu-Kaiser seit 1709 einen Repräsentanten nach Lhasa, der jedoch kaum in die tibetischen Verhältnisse eingriff. Die tibetische Exilregierung betont zudem, dass die Mandschu-Dynastie in China eine Fremdherrschaft war und Tibet nie von Han-Chinesen beherrscht wurde.

Auch nach dem Sturz der Mandschus 1911 hielt China seinen Anspruch auf Tibet aufrecht. Die 1912 gegründete chinesische Republik war jedoch aufgrund ihrer inneren Schwäche nie in der Lage, diesem Anspruch Geltung zu verschaffen. Im gleichen Jahr proklamierte der 13. Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets.

Diese faktische Unabhängigkeit wurde von der kommunistischen Volksrepublik unter der Führung Mao Zedongs zerschlagen. Schon 1950 rückten die Truppen der Volksbefreiungsarmee in den Osten Tibets vor, und nach der Annahme des 17-Punkte-Abkommens überfluteten chinesische Soldaten Lhasa.

Aufstand und Kulturrevolution

Bald wuchs die Unzufriedenheit mit der chinesischen Herrschaft. Nach mehreren kleineren Zusammenstössen entlud sich der Zorn 1959 in einem grossen Aufstand, der von den Chinesen brutal erstickt wurde. Fast 90 000 Tibeter kamen um, der Dalai Lama floh nach Indien ins Exil.

Besonders harsche Zeiten brachen für die Tibeter 1966 mit dem Beginn der rund zehn Jahre dauernden Kulturrevolution an. Die meisten Tempel und Kulturdenkmäler fielen einem rasenden Bildersturm zum Opfer.

Kriegsrecht

Nach einer vorübergehenden Lockerung zog China 1989 die Schrauben wieder an. Pekings Statthalter Hu Jintao, der heutige Staatspräsident, verhängte nach zwei Tage dauernden wütenden Protesten das Kriegsrecht.
Danach blieb es in Tibet bis zu den Unruhen in diesem Frühjahr relativ ruhig.

«Kultureller Genozid»

Der Dalai Lama spricht im Zusammenhang mit der massiven Einwanderung von ethnischen Chinesen in das tibetische Kernland und der andauernden Unterdrückung der tibetischen Religion und Kultur von einem kulturellen Genozid. Zahlreiche Tibeter fühlten sich in ihrer Heimat als Bürger zweiter Klasse, sagte der spirituelle und politische Führer der Tibeter. Nach Angaben der exiltibetischen Regierung ist in Tibet mittlerweile keine einzige grössere Stadt mehr von einer Mehrheit ethnischer Tibeter bewohnt.

Auf lange Sicht könnte es Peking mit dieser Strategie der Überfremdung tatsächlich gelingen, eine eigenständige tibetische Kultur endgültig zu ersticken.