Fall Kampusch - Teil 8

23. Februar 2012 07:45; Akt: 11.04.2012 14:31 Print

Mit der Pornohändlerin im Dauerkontakt

von K. Leuthold/F. Burch - Priklopil und H. telefonierten oft mit einer Pornohändlerin. Danach gab es Kontakte zu einem in Pädo-Kreisen bekannten hohen Offizier. Auch diese Spur wurde nie wirklich verfolgt.

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Seit Natascha Kampusch entführt wurde im März 1998 gibt es Gerüchte um einen Pornoring. Den ersten Hinweis darauf gab Kampusch selber, als sie in den ersten Einvernahmen nach der Flucht von «den anderen» sprach, die nicht gekommen seien. Entführer Priklopil habe zu ihr gesagt, er sollte sie an Dritte übergeben. Ihrer Aussage wurde jedoch nie richtig nachgegangen. Auch in einem der ersten Verhöre im August 2006 meinte sie gegenüber einer Polizistin, die nach Komplizen fragte, sie «kenne keine Namen». Auch diese Aussage wurde nie konsequent hinterfragt. Kampusch wurde im Laufe der Ermittlungen gefragt, ob sie einen gewissen «BE KIND SLOW» kenne. Ernst H., der beste Freund von Entführer Priklopil, hatte eine Telefonnummer auf seinem Handy unter diesem Namen gespeichert. Eine Rufddatenrückerfassung hatte ergeben, dass sich hinter dem Namen «BE KIND SLOW» der ranghohe Milizoffizier Peter B. verbirgt. H. telefonierte regelmässig mit den mysteriösen «BE KIND SLOW» und anschliessend mit Helga Z., der Geschäftsführerin eines Sex-Shops. Besonders merkwürdig: Auch Priklopil telefonierte mit Helga Z. Die Telefongespräche zwischen Ernst H., Helga Z. und «BE KIND SLOW» endeten am Tag von Kampuschs Flucht. Ernst H. wird im Jahr 2009 gefragt, wieso er die Nummer auf seinem Handy gespeichert hat. Er kann auf diese Frage keine Antwort geben. Im Parlament wird im Jahr 2010 der Verdacht auf einen Pädophilennetz laut. Die Aussage von Natascha Kampusch, dass ihr Fall «nie ganz geklärt» werde, kommt Johann Rzeszut, dem ehemaligen Präsident des Oberstes Gerichtshofes in Wien, sehr suspekt vor. Er meldet dies in einem Schreiben an das österreichische Parlament im September 2010. Kampuschs Vater, Ludwig K., äussert im April 2009 in einem Interview den Verdacht, seine Tochter werde «erpresst». Erläutern kann er dies nicht weiter. Einen Monat später schreibt ein Journalist der Zeitung «Österreich» einen Artikel, in dem er auf die Existenz von zwei Mini-DVDs hinweist auf welchen Kampusch zu sehen sein soll. Der Journalist muss nach der Veröffentlichung des Artikels bei der der Justiz antraben. Ermittlungen ergaben, dass es die zwei DVDs tatsächlich gibt. Sie wurden von der Staatsanwaltschaft unter Verschluss gehalten. Der damalige SOKO-Ermittler Franz Kröll hatte keinen Zugang zu diesem Material.

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Es ist Natascha Kampusch selber, die das Thema Pornoring ins Spiel bringt. Ihr Entführer Wolfgang Priklopil habe ihr bereits im weissen Kastenwagen (am Tag der Entführung am 2. März 1998, Anm. der R.) gesagt, dass er sie an «andere» übergeben werde. Dies gab Kampusch während einer Einvernahme zu Protokoll (siehe Bildstrecke, Dok. 1). In ihrem Buch «3096 Tage» schreibt sie dazu: «Seine Ankündigung, mich an ‹andere› zu übergeben, raubte mir den Atem, ich wurde starr vor Schreck. Er brauchte nichts weiter zu sagen, ich wusste, was damit gemeint war: Kinderpornoringe waren seit Monaten Thema in den Medien.» Dabei sei über Täter diskutiert worden, die Kinder entführten, sie missbrauchten und dabei filmten. Im Buch heisst es weiter: «Vor meinem inneren Auge sah ich alles ganz genau vor mir: Gruppen von Männern, die mich in einen Keller zerren, mich überall anfassen, während andere Fotos davon machen.»

Was ist Fiktion, was ist erlebte Realität? Kampusch nährt die Pornoring-Gerüchte mit ihrer Antwort auf die Frage nach möglichen Komplizen. «Ich weiss keine Namen», gab sie bei der ersten Einvernahme nach der Flucht zu Protokoll (siehe Bildstrecke, Dok. 3, 4), was die Deutung zulässt, dass es verschiedene - ihr unbekannte - Täter gab. Auch der österreichische Abgeordnete Werner Amon, Leiter des Unterausschusses, welcher aktuell den Fall Kampusch durchleuchtet, sagt: «Ich kann nur bestätigen, es gibt die Gerüchte rund um einen Pornoring immer wieder.» Amon weist auf die Brisanz der eindeutigen Aussage Kampuschs hin, sie habe am Tag der Entführung den Eindruck gehabt, für dritte Personen vorgesehen gewesen zu sein.

Ein hoher Offizier namens «Be Kind Slow»

Rund eineinhalb Jahre nach der Flucht Kampuschs veranlasste die Evaluierungskommission eine detaillierte Analyse der Ergebnisse der Rufdatenrückerfassung zu sichergestellen Handys von Wolfgang Priklopil und seinem Freund Ernst H.* Dabei fielen häufige Verbindungen Ernst H.s in die Pornoszene auf. Er telefonierte oft mit einer gewissen Helga Z.*, die als Geschäftsführerin einen Sex-Shop in Wien betreibt. Unmittelbar nach diesen Gesprächen rief Ernst H. jeweils einen Mann an, den er auf seinem Handy unter dem mysteriösen Namen «Be Kind Slow» (sei langsam lieb) gespeichert hatte (siehe Bildstrecke, Dok. 8). Es kam auch vor, dass Ernst H. «Be Kind Slow» anrief und kurz danach Helga Z. kontaktierte.

Hinter dem Pseudonym «Be Kind Slow» steht Peter B.*, ein hochrangiger Offizier der österreichischen Armee. Peter B. soll beste Kontakte bis in höchste Kreise haben. Ende 2008 wurde gegen ihn wegen Verdachts auf Kinderpornografie ermittelt. Auffallend ist, dass es zu Telefongesprächen zwischen Ernst H. und Helga Z. ausschliesslich und bis kurz vor der Flucht Kampuschs kam. Nach der Flucht kam es zu keinem einzigen Gespräch. Auch Priklopil hatte Kontakt zur Pornohändlerin Helga Z., wenn auch nicht in vergleichbarer Intensität wie Ernst H. Ausserdem besass der Kampusch-Entführer laut seinem Freund Kinderpornos. Wirklich verfolgt wurde auch diese Spur offenbar nicht.

Den Spuren wurde nicht nachgegangen

Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, sagt: «Nebst der völligen Ignorierung der Tatzeugin Ischtar A. (offizieller staatsanwaltschaftlicher Standpunkt: ‹Kein Hinweis auf zweiten Täter›) sprang uns in der Evaluierungskommission als zweiter Punkt sinnfällig ins Auge, dass den Ergebnissen der Rufdatenrückerfassung von Ernst H. nicht nachgegangen wurde.» Vor dem Hintergrund, dass als Tatmotiv mangels Lösegeldforderung etc. Kindsmissbrauch als einzige plausible Erklärung übrig geblieben sei, wäre das ein Ermittlungsansatz gewesen.

Die österreichische Abgeordnete Dagmar Belakowitsch-Jenewein versteht nicht, warum der Sache nicht bis zum Schluss nachgegangen wurde. Ihrer Meinung nach könnte der Fall Kampusch mit einem Kinderporno-Netzwerk zu tun haben. Belakowitsch-Jenewein reichte deshalb eine parlamentarische Anfrage ein, in der sie fragt: «Kann eine mögliche Involvierung eines Pädophilenrings mit besten politischen Kontakten ausgeschlossen werden?» Auch der Abgeordnete Ewald Stadler will geklärt haben, ob eine mögliche Involvierung eines Pädophilenrings mit besten politischen Kontakten im Fall ausgeschlossen werden kann. 2010 gab es dazu eine parlamentarische Anfrage (siehe Bildstrecke, Dok. 10).

Geschehen ist tatsächlich fast nichts. Im Herbst 2009 gingen die Ermittler der Spur nur halbherzig nach. Sowohl Ernst H. als auch Peter B. mussten erklären, warum sie sich wechselseitig im Handy gespeichert hatten. Beide gaben an, einander nicht zu kennen. Weiter wurde nicht nachgefragt. Die Frage, wie es sein kann, dass man jemanden in seinem Handy gespeichert hat und nicht weiss, wer er ist, wurde nie gestellt. Ebenso wenig wurde nachgefragt, weshalb man jemanden unter einem Namen wie «Be Kind Slow» speichert. Später lieferte die Frau von Peter B. eine abenteuerliche Erklärung nach. Ernst H. habe eine Wohnung in der BErgesteiggasse inseriert. An der Wohnung habe sie für ein KINDermädchen aus der SLOWakei Interesse gehabt. Deshalb heisse Ernst H. so auf dem Handy ihres Mannes. Sie übersieht dabei ein Detail: Der Name «Be Kind Slow» ist aber auf dem Handy von H. gespeichert.

Zu den geheimen DVDs hatte niemand Zugang

Ein weiterer Punkt, der Gerüchte rund um einen Pornoring schürt, sind brisante DVDs, deren Auswertung von der Staatsanwaltschaft sofort gestoppt wurde (siehe Bildstrecke, Dok. 13, 14) Darauf gibt es laut einem Insider zahlreiche Fotos einer jungen Frau, die aussehe wie Kampusch – zum Teil in eindeutigen Posen. Das Material wurde lange unter Verschluss gehalten. Nicht einmal der ehemalige oberste Ermittler in der Kampusch-Sache, SOKO-Leiter Franz Kröll, hat je Zugang zu den DVDs gehabt.

Der Verdacht, die kleine Natascha Kampusch könnte schon vor ihrer Entführung eine Rolle in der Pädophilen-Szene gespielt haben, steht spätestens seit der Entdeckung der Bildserie im Raum, die die Fünfjährige nackt, lasziv drapiert, mit Stola, Reitpeitsche und in Reitstiefeln zeigt. Die Bilder entstanden in der Wohnung von Mutter Brigitta S.*, für die die Unschuldsvermutung gilt.

Weitere Ermittlungen und allfällige Schlüsse aufgrund des DVD-Materials könnten Licht ins Dunkel bringen. Sie könnten ein Schlüssel zum Kampusch-Mysterium sein. Bis dahin bleiben eine Aussage von Kampuschs Vater Ludwig K.* aus dem Jahre 2009 – «Meine Tochter ist erpressbar, sie wird schon erpresst» - oder auch ein Satz von Kampusch selber – «Der Fall wird nie ganz aufgeklärt werden» – eine Vorhersage und ein Rätsel zugleich.

Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

*Namen der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Lesen Sie am Freitag Teil 9 «Der unerwartete Tod des Sonderkommissars Franz Kröll»

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Ausgewählte Leser-Kommentare

20-Min. hat viel Mut diese Geschichte wieder aufzugreifen. In der Schweiz wären sie schon lange gestoppt worden. Es gibt hier auch einflussreiche Personen, die ein Doppelleben führen aber eigentlich gar nicht in diesen Positionen sein dürften. Bin gespannt wie weit sie im Fall Kampusch kommen, bis es still wird. – Frank

Ich habe Natascha Kampusch noch nie ein Wort geglaubt und werde es weiterhin nicht tun. – Michi

Was mich erstaunt, ist, dass NK von Anfang an Angst davor hat, von mehreren Personen angefasst zu werden. Ein Kind, das diesbezüglich noch nie etwas gehört oder gesehen hat, kommt doch nicht von selbst auf solche Gedanken? Jedenfalls hat man als Kind andere Fantasien von "bösen Männern" als sexuell orientierte, denke ich. – Claudia B.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dalek am 23.02.2012 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Jetzt lasst doch Kampusch einfach mal in Ruhe!

    einklappen einklappen
  • U. Mahner am 23.02.2012 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    Europa

    Dieser Fall geht ganz Europa etwas an! Der Kinderhandel und die Kinderschänderei aus verschiedenen Ländern nimmt verheerende Fortlauf. Mädchen und Frauen werden verschleppt, verkauft, gehandelt wie Vieh!Nur damit einige gutes Geld damit verdienen und ihre krankhaften Neigungen befriedigen können...

    einklappen einklappen
  • Dani am 23.02.2012 23:36 Report Diesen Beitrag melden

    Werden wir es je erfahren?

    Was da genau passiert ist weiss wohl niemand. Aber wenn es Mittäter gab und was da teilweise angedeutet ist, dann ist Kampusch selbst vielleicht so eingeschüchtert oder wird bedroht, dass Sie keine klare Aussage macht... Wir werden die Wahrheit wohl nie erfahren...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Zuseher am 24.02.2012 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Offizielle Verbrechen

    Nach all den Details, die da ans Tageslicht kommen, denkt man spontan weiter ... z.B. welche Rolle haben die Beteiligten? Die Eltern, die Freunde, die Behörden - ich habe den Eindruck, dass da eine Verbindung besteht zu verbrecherischen "Geschäften"! Und dass der Typ "beiseite geschafft" wurde, bevor er reden konnte ... Ein Real-Krimi! Bin neugierig, wann 20min.ch zum Schweigen gebracht wird. Das "Kindergeschäft" läuft offenbar sehr gut ...

  • a.s. am 24.02.2012 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur "das Opfer"

    Die Wahrheit weiss nur Kampusch selber.. aber ganz unschuldig an dieser ganzen Sache ist sie bestimmt nicht!

  • Susanne am 24.02.2012 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Polizei dein freund und Schänder!

    Es ist erschreckend was man heutzutage hört.... Man muss das gefühl haben das eigene kind nie alleine zu lassen.. Sei es in der schule, spielplatz etc....wem soll man noch vertrauen wenn die polizei sogar solche eklige Sachen macht......

  • Beni am 24.02.2012 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Enttäuschendes Buch

    Lohnt sich nicht das Buch zu lesen.. Habs gelesen und bin enttäuscht. Ich hörte schon, dass vieles im Buch nicht stehe oder erfunden sei. Ich glaube es ist wirklich so. Alles wurde "schön geschrieben" in diesem Buch. Natascha wird NIE die ganze Wahrheit erzählen...

  • Anonym am 24.02.2012 02:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vertuschen

    Ich denke, das Ganze geht bis in die hohen Ränge der Politik/Polizei. Deshalb wird auch so viel vertuscht und "das haben wir jetzt leider nicht weiterverfolgt"... Die versuchen sich zu schützen! Und wo ist dieses Kind, das angeblich von Priklopil und seiner "Bekannten" ist? DNA Test vom Kind und der Natascha und gut ist.