Proteste in Ägypten

27. Januar 2011 15:32; Akt: 27.01.2011 16:08 Print

Tiananmen in Kairo

von Peter Blunschi - Die ägyptische Regierung blockiert Facebook und Twitter, doch die Demonstranten lassen sich nicht stoppen. Sie stellen eindrückliche Bilder und Videos ins Netz.

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Findet dieses Bild bald Aufnahme «im Pantheon der ikonischen Protestbilder»? (Quelle: Reddit )

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Ein einzelner mutiger Ägypter stellt sich gegen eine Phalanx von Polizisten in Kampfmontur: Dieses eindrückliche Dokument der Proteste in Kairo sorgt im Internet für Furore. Aufgenommen wurde es in der Nacht zum Mittwoch, und zwar nicht von einem professionellen Fotografen, sondern von einem Teilnehmer an der Demonstration, der es unter dem Namen latenightcabdriving auf der Netzwerk-Seite Reddit hochgeladen hat.

Das US-Magazin «The Atlantic» spekuliert bereits, das Foto könne Aufnahme finden «im Pantheon der ikonischen Protestbilder» und vergleicht es mit dem legendären Bild des bis heute unbekannten Mannes, der sich während der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989 allein gegen eine Panzerkolonne gestellt hatte.

«Wundervolle» Stimmung

Ebenso eindrücklich sind die Schilderungen des unbekannten Fotografen – dem Pseudonym nach vielleicht ein Taxifahrer – von den Ereignissen in Kairo: Trotz des harten Durchgreifens durch die Sicherheitskräfte sei die Stimmung «wundervoll» gewesen, die Unterstützung aus dem Volk habe enorm viel «Kraft und Mut» gegeben, um sich zu exponieren wie der Mann auf dem Foto: «Ich war sehr stolz auf meine Landsleute», schrieb latenightcabdriving.

Das Beispiel zeigt zweierlei: Zum einen die Wut und die Entschlossenheit der Ägypter, sich gegen das verhasste Mubarak-Regime zu wenden. Und zum anderen die Unmöglichkeit, die Organisation und Dokumentation der Proteste im Internet zu stoppen. Zwar hat die Regierung die populären Netzwerke Facebook und Twitter zeitweise blockiert – was sie offiziell abstreitet –, doch die Regimegegner können leicht auf andere Kanäle ausweichen.

Zum Beispiel YouTube: Dort wurde ein Video mehr als 800 000 Mal angeklickt, das noch stärker an den «Panzermann» vom Tiananmen erinnert. Der vermutlich mit einem Handy aufgenommene Clip zeigt einen jungen Mann, der sich am Dienstag ganz allein einem Wasserwerfer in den Weg stellte. Von der Menge wurde er im ägyptischen Dialekt als «Held» gefeiert. Den Wasserwerfer konnte er nicht aufhalten. Doch genau solche Aufnahmen sind ein PR-Desaster für ein repressives Regime.

Eine weitere Auswahl von Videos hat die «New York Times» publiziert. Sie werden primär von ägyptischen Bloggern verbreitet. Diese «Internet-Revolution» scheint nicht nur die Regierung zu überfordern, sondern auch die traditionell grösste Opposition, die islamistische Muslimbruderschaft. Genau dies müsse Hosni Mubarak zu denken geben, sagte Shadi Hamid von der US-Denkfabrik Brookings Institution dem Magazin «Newsweek»: «Es ist kein von Islamisten organisierter Protest, es sind einfach nur Durchschnitts-Ägypter, die ihrer Wut Ausdruck geben.»

Eine chinesische Lösung?

Die nächsten Tage dürften spannend werden. Bereits kursieren Aufrufe für neue Grosskundgebungen nach dem Freitagsgebet. Werden sich die Menschen einschüchtern lassen? Und falls nicht: Kann sich Mubarak, ein enger Verbündeter des Westens, eine chinesische – oder iranische – «Lösung» leisten? Oder wird sich innerhalb des Regimes die Einsicht durchsetzen, dass der alte, kranke Mann weg muss? Fest steht: Wie in Tunesien geschehen in Ägypten Dinge, die man bis vor kurzem nicht für möglich hielt.

Und noch ein starkes Video: