Dürre im Kriegsgebiet

04. Dezember 2011 14:49; Akt: 04.12.2011 16:11 Print

2,6 Millionen Afghanen droht der Hungertod

von Deb Riechmann, AP - Nach Jahren der Taliban-Besatzung und des Krieges droht den Menschen in Afghanistan nun ein weiteres Unheil. Wegen einer Dürre und des drohenden Winter bangen viele um ihr Leben.

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Wenn ihre sieben Kinder nach Essen fragen, reagiert Sara ratlos. «Ich sage ihnen, dass wir abwarten müssen, ob Vater etwas nach Hause bringt», sagt die von Kopf bis Fuss in eine blaue Burka gehüllte Frau. Sara gehört nach Schätzungen der afghanischen Behörden und internationaler Hilfsorganisationen zu den 2,6 Millionen Afghanen, die nach einer der schlimmsten Dürren des Jahrzehnts Hunger leiden.

14 der 34 Provinzen des Landes sind betroffen und alle liegen im Norden. Die Brunnen sind ausgetrocknet, die Ernte ist auf den Feldern verdorrt und viele verarmte Familien haben ihre Dörfer verlassen, um in der Stadt Arbeit, Wasser und Nahrung zu suchen.

Sara und ihre Familie flohen wie hunderte andere Menschen aus den schroffen Alburs-Bergen nach Masar-i-Sharif, die Hauptstadt der Provinz Balch. In der vergangenen Woche verteilte eine norwegische Organisation dort Hilfspakete mit Küchenutensilien, Decken, Lampen und anderen Dingen an die Flüchtlinge. «Wir haben wenig Nahrung», sagt Sara neben ihrem Hilfspaket kauernd. «Wenn mein Mann Arbeit findet, kann er auf seinem Heimweg etwas Brot und Gemüse kaufen. Wenn nicht, gibt es nichts.»

Winter verschlimmert die Lage in abgelegenen Gebieten

Mit 40 000 Tonnen Weizen, 5000 Tonnen Reis, 10 000 Tonnen Saatgut und 20 000 Tonnen Tierfutter kam die afghanische Regierung den von der Dürre betroffenen Regionen schon zu Hilfe. Bislang mache er sich noch keine Sorgen, dass jemand verhungern könnte, sagt der Katastrophenschutzbeauftragte der von der Dürre stark mitgenommenen Provinz Balch. Aber das ändere sich mit dem Wintereinbruch. «Wenn das Wetter sehr, sehr kalt wird und wenn keine Hilfe kommt, werden in den abgelegenen Gebieten Familien vom Hungertod bedroht sein», sagt er.

In sechs Bezirken warteten Menschen auf Hilfe, sagte Sainab Noori, Mitglied eines lokalen Rats in der Provinz Bamijan. «Wenn die Hilfe nicht im kommenden Monat geliefert wird, wird der Schnee die Strassen versperren», sagt er.

Am 1. Oktober haben die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten. Von den geforderten 142 Millionen Dollar gingen bislang 49 Millionen Dollar an Hilfszusagen aus den USA und Europa sowie von Hilfsorganisationen ein. Weil die Geberländer ihre ganze Aufmerksamkeit dem Abzug ihrer Soldaten aus Afghanistan widmen, sei es schwierig, sie dazu zu bewegen, Entwicklungshilfe zu schicken oder langfristige Lösungsansätze zu diskutieren, sagt der Chef des UN-Koordinierungsbüros für humanitäre Hilfe, Aidan O'Leary.

Wenig Geld in die Bekämpfung der Armut geflossen

Von den in der Vergangenheit geflossenen Milliarden sei wenig für die Armutsbekämpfung abgefallen, sagt O'Leary. Der grösste Teil der internationalen Hilfe sei für die Verbesserung der Sicherheit und der Verwaltung in den Städten ausgegeben worden. Dort sei die Armut aber ohnehin geringer.

Um nicht alle paar Jahre eine gross angelegte humanitäre Aktion starten zu müssen, sei eine wirtschaftliche Entwicklung der Gebiete notwendig, sagt der UN-Bürochef. Derzeit werde versucht, auf einem klimatologisch nicht geeigneten Land einen agrarischen Lebensstil aufrecht zu erhalten. In 14 nordafghanischen Provinzen lieferten in diesem Jahr 80 Prozent der nicht bewässerten Felder aber kaum oder gar keinen Ertrag.

Statt zu versuchen, ein klimatisch nicht geeignetes Land für den Getreideanbau zu kultivieren, könnten die Bauern andere Pflanzen wie Mandeln oder Trauben anbauen, die weniger Wasser als Weizen benötigen. Auch die Ansiedelung von Industrie würde helfen, sagt O'Leary. Immerhin verfügt die Gegend über Öl- und Gasvorkommen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A.F. am 05.12.2011 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm...

    Hört endlich mal auf, hier einen auf Mitleid zu machen. Wir sind doch die, die MEHR helfen sollten! Und was machen wir? Wir völlnen uns bis wir fettleibig sind und werfen dazu etwa die Hälfte der produzierten Lebensmittel weg.. Verstehe diese Gesellschaft nicht. Sowas wie Ethik scheint nicht mehr zu exisitieren...

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  • J. Meyer am 04.12.2011 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    Land ohne Zukunft?

    Das Land ist reich an Bodenschätzen u bietet aufgrund ihrer Lage sehr viel Potential für Industrie, Gewerbe und teils auch Landwirtschaft. Diese Afghanen können im Grunde aus ihrem Land eine gute und solide wirtschaftliche Nation machen, wenn es nicht die religiösen Querköpfe gibt, die alles und jedes ins Mittelalter zurückbombt und auch sonst jeden liberalen Afghanen tötet, nur weil es der lt. den Radikalen der Religion widerspricht, welche aber gerne westl. Hilfs- u andre Güter bevorzugt. Statt aufzubauen, haben sie nur Zerstörung im Sinn ohne Zukunft.

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  • Big Bienne am 05.12.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Über den Tellerand 3

    Medien, echt.. Hier kündigt sich eine humanitäre Katastrophe an und wo finde ich diesen Artikel? Eingeklemmt zwischen Gripen, nackter Protest, kapitulierenden Nacktwanderern, Leserreporter des Monats (Nominiert ihn für den Pulizer-Preis!) und Prognosen der Economiesuisse. Wacht doch endlich auf und bewegt etwas!! Segel setzt man nicht mit Worten...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jon Doe am 05.12.2011 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst verursacht

    Der Boden in Afganistan war schon Karg bevor die Briten, dann die Sowjets und heute die NATO kam. Wer bei einem Boden von dem er sich nur mit muehe ernaehren konnte hingeht und 7 Kinder produziert muss sich nicht wundern dass die Nahrung nicht ausreicht. Das ist sehr hart und brutal, aber absolut logisch und nachvolziebahr. Natuerlich gefaehlt diese sachliche sichtweise nicht jedem. Wenn ich mir kein Katze oder Auto leisten kann, so produziere oder kaufe ich keine Katze oder Auto. Vielleicht waehre Bildung das Beste fuer die Afganis, so dass sie Ihren Lebensunterhalt anders verdienen koennten.

  • Felipe Melo am 05.12.2011 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Westen

    Herzlichen Dank für die Demokratie..!

  • elsenor am 05.12.2011 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    immer die amis

    wenn die amerikaner weg sind wird es sicher besser werden, weil die sind ja an allem schuld. Hat sicher nichts mit stammesdenken, religiösen fanatikern und überbevölkerung zu tun... Oder kam das auch mit dem bösen "westen"?

  • Big Bienne am 05.12.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Über den Tellerand 3

    Medien, echt.. Hier kündigt sich eine humanitäre Katastrophe an und wo finde ich diesen Artikel? Eingeklemmt zwischen Gripen, nackter Protest, kapitulierenden Nacktwanderern, Leserreporter des Monats (Nominiert ihn für den Pulizer-Preis!) und Prognosen der Economiesuisse. Wacht doch endlich auf und bewegt etwas!! Segel setzt man nicht mit Worten...

  • McInnis am 05.12.2011 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    Problem nicht auf's "Ausland" schieben..

    Die Ausrede von wegen den fremden Mächten zieht nicht so ganz. Die in Afghanistan herrschenden "Stämme" schlagen sich seit Jahrhunderten den Schädel ein, dass zwischendurch noch Briten, Sowjets und NATO mitmisch(t)en, sind da nur Episoden. Solange von religiösen Fundamentalisten jede Entwicklung als "westlich" und deshalb als "verwerflich" und "Gotteslästerung" gesehen wird, geht noch lange nichts. Ist wie bei uns im Mittelalter, solange archaischer religiöser Fundamentalismus herrscht - egal ob islamisch od. christlich - funktioniert es nicht. Ausser für die Fanatiker...