Exklusiv

07. November 2019 12:25; Akt: 14.11.2019 10:29 Print

20 Minuten berichtet von der Front in Nordsyrien

von Ann Guenter - Mörserangriffe, Thunfisch aus der Dose und gefürchtete Feinde, die plötzlich keine mehr sind: 20 Minuten berichtet aus Nordsyrien.

(Video: Ann Guenter/Produktion: Fabienne Naef).
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Rauchsäulen steigen links und rechts der Strasse vor uns auf. Nur wenige Hundert Meter entfernt schlagen zwei Mörser ein, etwas später versetzen Explosionen von schwerer Artillerie einen für Sekunden in Schockstarre. Ob dies gezielte Angriffe sind oder lediglich eine Warnung, dass wir uns zurückziehen sollen? Ich schwitze unter meiner Schutzweste, die Hände sind trotz Hitze klammfeucht, der Puls rast. In diesem flachen Gelände gibt es keine Möglichkeit, sich zu schützen.

Wir sind an diesem Nachmittag Ende Oktober nördlich von Tel Tamr unterwegs. Dieses Städtchen liegt auf der Grenze der «Sicherheitszone», die die Türkei in Nordsyrien nach der «Operation Friedenquelle» einrichtet. Eigentlich haben wir mit Menschen sprechen wollen, die aus ihren Dörfern an innerhalb dieser Zone geflohen sind.


(Bild: Keystone)

Wir kommen keine zehn Kilometer weit, als wir in den schweren Beschuss durch türkische Kräfte hineinfahren. Unerwartet kommen uns Dutzende Kämpfer der Syrian Democratic Forces (SDF) entgegen.

«Wir wurden überrannt»

Diesem Militärbündnis gehören neben der kurdischen YPG auch arabische oder christliche Einheiten an. Sie haben sich angesichts der türkischen Offensive mit dem Regime des syrischen Machthabers Assad auf eine Art Zusammenarbeit geeinigt. Die Männer sind zu Fuss unterwegs, kein gutes Zeichen.


Der türkische Angriff kam unerwartet, diese SDF-Soldaten mussten sich zu Fuss zurückziehen. (Bild: 20Minuten/A.G.)

«Unser Stützpunkt wurde angegriffen, die Türkei hat unsern Stützpunkt unter schweren Beschuss genommen, wir wurden überrannt», berichten sie und recken ihre M-16 und AK47 in die Höhe, mit denen sie gegen die schweren Geschütze mit ihrer kilometer langen Reichweite keinen Stich haben. Wir drehen ab – diese nahen Angriffe sind nichts für jemanden, der vor allem am Pult in Zürich sitzt.

Zurück im Spital von Tel Tamr, das längst auch als Informationsbasis gilt, treffen die ersten verletzten Kämpfer der überrannten Basis ein. Am Morgen waren es noch Zivilisten aus umliegenden Dörfern gewesen.

Ein unerwartetes Foto

Zu unserer Überraschung fährt auch eine Ambulanz mit einer grossen syrischen Flagge heran. Regimesoldaten bringen einen verletzten Zivilisten. Wir beäugen uns misstrauisch. Sie wissen bestimmt, dass wir aus dem Westen und ohne Visum illegal im Land sind. Und wir wissen, dass sie uns deswegen jederzeit festnehmen und für Jahre ins Gefängnis stecken könnten.

Regimesoldaten tauchten auf einmal im Ortsspital Tel Tamr auf und brachten einen verletzten Zivilisten (Bild: 20 Minuten/A.G.)

Tatsächlich reisen Medienschaffende und NGOs in den letzten acht Jahren problemlos über den Nordirak ins syrische Kurdengebiet. Für dieses Gebiet, das die Kurden Rojava nennen, braucht man seit Beginn des Bürgerkrieges kein Visum. Auf eine Genehmigung aus Damaskus aber wartet man mitunter über ein Jahr.

Eine halbe Stunde lang werfen wir den Soldaten verstohlene Blicke zu. Als nichts passiert, bitte ich einen von ihnen um ein Foto. Er sieht mit seinem Schnauz aus wie Bashar al-Assads kleiner Bruder. Statt Stiefel trägt er Turnschuhe, sein Uniform wirkt heruntergekommen – ein Indikator dafür, in welch schlechtem Zustand die syrischen Streitkräfte SAA nach rund acht Jahren Bürgerkrieg sind.

Der Mann lächelt nicht. Er fragt allein, aus welchem Land wir kommen, bevor wir das Foto machen. Es ist ein Glück, «aus der Schweiz» sagen zu können. Neutralität wird mitimpliziert.


Lange gingen wir dem Regime penibelst aus dem Weg, doch mit den neu geschaffenen Realitäten in Nordostsyrien lag jetzt sogar ein Foto drin. (Bild: 20Minuten/A.G.)

Schweizer war vier Tage in Regime-Haft

Zuvor wäre so ein solches Foto undenkbar gewesen. Das zeigt auch eine Episode von Anfang Oktober, als ein Schweizer Medienschaffender in der zwischen Regime und Kurden geteilten Stadt Qamishli von Regimetruppen festgenommen wurde – wohl wegen eines Fotos, das er von der Statue von Assad-Vater Hafiz machen wollte. Nur dank der schnellen Reaktion von lokalen Kontakten und des entschiedenen Eingreifens der SDF kam der Mann nach vier Tagen wieder frei.
Andere hatten weniger Glück.

Angst bestimmt Routenplanung

So waren wir vor dem unerwarteten Foto mit dem Soldaten ständig in Angst vor den von Westen her anrückenden syrischen Truppen. Heisst: Wir sprachen Routen ab, informierten uns über Whatsapp, ob irgendwo neue Checkpoints aufgetaucht waren, gaben durch, wo wir Regime-Konvois sahen und in welche Richtung sie unterwegs waren.


Syrische Regimesoldaten ausserhalb Tel Tamr
(Bild: Keystone)

In Erinnerung bleiben wird mir in diesem Zusammenhang auch eine Nacht, in der ich – ebenfalls in Tel Tamr – mit einem holländischen Kriegsfotografen bei YPG-Kämpfern untergekommen war. Diese belegten ein Haus, das zuvor Christen gehört hatte. Ob diese vor dem IS oder jetzt vor den herannahenden türkischen Kräften flohen, bleibt unklar.

Hier hängen Bildnisse der Jungfrau Maria

Im Haus hängen Holzkreuze an den Wänden und Bildnisse der Jungfrau Maria. Auch Sofas und Betten gibt es. Und es fällt auf, dass die Einrichtung von den Kurden-Kämpfern nicht angetastet worden ist, sie putzen die temporäre Unterkunft penibel. Ein grosser Unterschied zu den Schergen des IS, die in eroberten Häusern nur Verwüstung hinterliessen.

An diesem Freitagabend ist es bereits stockdunkel, und abgesehen vom Lebensmittelladen eines Christen im Ort sind alle Läden zu. Wir begnügen uns mit ölig-tropfendem Thunfisch aus der Dose. Die Müdigkeit, die mich gegen 18.30 Uhr überkommt, ist wie weggeblasen, als plötzlich Maschinengewehrsalven losgehen. Weste an, Helm auf und wieder: ab ins nahe gelegene Ortsspital, es ist der einzige Ort, wo es verlässliche Informationen und ein Dach mit gutem Ausblick gibt.

«Assad! Assad! Assad!», tönt es in der dunklen Nacht

Die Belegschaft hat sich auf dem Dach versammelt, alle spähen in die Dunkelheit. Sind die Konvois des syrischen Regimes, die wir am Nachtmittag noch in östliche Richtung hatten fahren sehen, abgedreht und hierhergekommen? Hat der IS mit seinen über das ganze Gebiet verstreuten Schläferzellen einen Überraschungsangriffe lanciert? Sind die Türken vor den Toren Tel Tamrs, das ja auf der Grenzlinie zu der von Ankara beanspruchten Sicherheitszone liegt?

Richtig unheimlich wird es, als neben den Schüssen deutlich Schreie aus Dutzenden Kehlen durch die dicke Dunkelheit dringen: «Assad! Assad! Assad!». Uns wird mulmig: Sollten Regimetruppen den Weg aus der Stadt heraus mit Checkpoints zupflastern, wären wir eingeschlossen. Damaskus, ein Weg, für sieben Jahre, witzeln wir und lachen kein bisschen.

Ein Ambulanzfahrer kehrt mit der Entwarnung zurück: Bewohner der Stadt, die von Kurden und Christen geprägt ist, würden die Ankunft der syrischen Truppen feiern. Diese positionierten sich westlich und ausserhalb der Stadt: «In die Stadt selbst oder hierher ins Spital kommen die SAA-Soldaten nicht.» Am nächsten Tag zeigt sich, dass das falsch und doch richtig war. Auch die unter Beschuss gekommenen Soldaten der SAA werden im Spital von Tel Tamr versorgt.


Einwohner in der Region um Tel Tamr feierten auch tagsüber die Ankunft der Regimtruppen (Bild: Keystone).

Vertreibungen gehen weiter

Zwischenzeitlich klingen die Kämpfe vor Tel Tamr ab. In der türkischen «Sicherheitszone» sucht man vergeblich nach Sicherheit. Islamistische Milizen vertreiben weiter Menschen, und die Türkei unterstützt diese Söldner mit Artillerie-, Mörser und Drohnenangriffen – auch in Zeiten vereinbarter Waffenpausen.

Die Position der SDF und der ihr angeschlossenen Kurdenmiliz YPG hat nun die syrische Armee eingenommen. Sie hat entsprechend Verluste erlitten und will den türkischen Kräften nur ausserhalb der beanspruchten «Sicherheitszone» etwas entgegensetzen. So will es der Deal zwischen Russland und der Türkei, nachdem sich die USA überraschend zurückgezogen hatten. Die einstigen Anführer im Kampf gegen den IS bewachen nun Ölfelder in der Region.

Wie lange Ankara seine Zone im Nachbarland aufrechterhalten wird und ob dorthin wie geplant 2,6 Millionen Flüchtlinge aus der Türkei umgesiedelt werden, wird sich zeigen. Langfristig dürfte das syrische Regime das Kurdengebiet wieder einnehmen (eine frühere Analyse zur Zukunft Rojavas finden Sie hier). Machthaber Assad machte vor einigen Tagen deutlich, dass seine Regierung künftig wieder die Kontrolle über die Gebiete in Nordsyrien erlangen wolle. Es handle sich um einen «schrittweisen» Prozess, bei dem die «neuen Realitäten vor Ort» respektiert würden.


Der russische Präsident Putin und sein türkischer Amtskollege Erdogan einigten sich auf eine Aufteilung des zuvor von kurdischen Einheiten kontrollierten Nordosten Syriens. (Bild: Keystone)

Die rund drei Wochen, die ich während der türkischen Offensive in Nordsyrien verbringe, sind geprägt von viel Hektik, viel Ungewissheit und vielen sich überschlagenden Ereignissen. Was bleibt als Erkenntnis? Es wurde wieder überdeutlich: Die grosse Politik trifft Absprachen über sauber glänzende Tische hinweg. Was ihre Umsetzung für die Menschen am Boden bedeutet, die den Krieg leid sind und die jetzt trotzdem wieder Land und Vieh, Hab und Gut und Kinder, Liebste und Freunde verlieren, davon machen wir uns keine Vorstellung.


Auf der Flucht mit dem, was sie tragen können: Bewohner aus der rund 30 Kilometer weiter nördlich von Tel Tamr liegenden Stadt Serekanye. (Bild: Keystone)