Humanitäres Drama

30. März 2011 15:56; Akt: 30.03.2011 17:41 Print

20 Quadratkilometer Trostlosigkeit

Die Situation auf Lampedusa wird täglich dramatischer. Nach Protesten von Einwohnern und Immigranten hat Italien den Transfer aller Flüchtlinge aufs Festland gestartet.

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Die Situation auf der Mittelmeerinsel Lampedusa könnte nicht dramatischer sein. Nun sind - unmittelbar vor einem Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi - Schiffe zur Verlegung von tausenden Flüchtlingen eingetroffen. Zwei kamen am Mittwochmorgen an, drei weitere wurden noch erwartet. Die örtlichen Behörden hatten in den vergangenen Wochen wiederholt Hilfe aus Rom angefordert, weil sie mit dem gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Nordafrika nicht mehr fertig wurden.

Auf der 20 Quadratkilometer grossen Insel, die auf halbem Weg zwischen Tunesien und Sizilien gelegen ist, sind seit dem Sturz des tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali Mitte Januar mehr als 18 000 Tunesier eingetroffen. Im gesamten Jahr 2010 waren es nur 4000. Allein in der Nacht auf Dienstag trafen drei Boote mit insgesamt etwa 450 Flüchtlingen ein. Das einzige Auffangzentrum auf der Insel kann knapp 800 Menschen aufnehmen.

Noch am Mittwoch soll mit dem Transfer sämtlicher Flüchtlinge von Lampedusa aufs Festland begonnen werden. Die Menschen werden zunächst in Auffanglagern in anderen Teilen Italiens untergebracht. Im Hafen von Lampedusa wurde die Registrierung der Flüchtlinge fortgesetzt. In langen Schlangen warteten sie darauf, fotografiert zu werden und Fingerabdrücke abzugeben.

Migranten leben unter unmenschlichen Bedingungen

Seit Wochen herrschen unhaltbare Bedingungen auf der kleinen Insel, die mehrheitlich von der Fischerei und dem Tourismus lebt. Die Migranten leben in behelfsmässig eingerichteten Zeltlagern, viele schlafen seit Wochen im Freien und haben nicht ausreichend zu essen. Im Passagierhafen, wo sich Tag und Nacht tausende Einwanderer drängen, gibt es nur drei provisorische Toiletten und keine Duschen. An den Strassen häufen sich Abfallberge, die nun den Namen «Hügel der Schande» bekommen haben. In den Strassen ist der Geruch unerträglich.

Die Gesundheitsministerin Ferruccio Fazio gab zu, dass «aus Sicht der Hygiene die Situation wirklich beunruhigend ist». Selbst Staatspräsident Giorgio Napolitano kritisierte eine «inakzeptable» Situation und rief die italienischen Regionen auf, mehr «Zusammenhalt und Solidarität» zu zeigen.

Einwohner haben genug

Doch auch seitens der Inseleinwohner war Kritik laut geworden: «Die Tunesier haben die Insel besetzt und damit begonnen, die Menschen in ihren Häuser zu bedrohen», sagte der Gouverneur der Region Sizilien, Raffaele Lombardo. Die 42-jährige Maria Grazia Maraventano betont, es handle sich dabei nicht um «Rassismus» - hier gehe es um «unser Überleben». «Wir leben vom Tourismus und unter diesen Umständen können wir die Osterferien streichen», sagt die Hausfrau weiter. «Wir heissen sonst alle immer willkommen, aber das ist jetzt zu viel. Hoffentlich ist das Problem bis zur Sommersaison gelöst.»

Aktivisten besetzten am Dienstag sogar das Rathaus und drohten mit einer vollständigen Blockade der Insel. Sollten die zugesagten Schiffe zum Abtransport der Migranten am Mittwoch nicht kommen, «wird das Leben lahmgelegt, und niemand wird auf der Insel mehr essen können, auch nicht die Einwanderer der vergangenen Nacht», sagte einer der Organisatoren, der frühere Bürgermeister Lampedusas, Salvatore Martello.

EU muss jetzt helfen

Innerhalb der italienischen Regierung sorgt die Flüchtlingskrise ebenfalls für Spannungen. Die an der Koalition beteiligte rechtsgerichtete Partei Lega Nord fordert eine zügige Abschiebung der Migranten. Die Opposition wirft der Regierung schlechtes Krisenmanagement vor.

Italien hat die Europäische Union aufgefordert, bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms zu helfen. Nach Angaben von Aussenminister Franco Frattini wurde das Thema am Dienstagabend auch bei der internationalen Konferenz über die Zukunft Libyens in London angesprochen.

Wenn es zu einem ungewöhnlichen, plötzlichen Ansturm von Flüchtlingen komme, müsse die EU einer Jahrzehnte alten Richtlinie zufolge Massnahmen für einen temporären Schutz der Menschen ergreifen, sagte Frattini. Dazu gehöre auch die Verteilung der Flüchtlinge. «Es ist an der Zeit, dies zu tun», sagte der italienische Aussenminister.

(kle)