Fall Kampusch - Teil 3

16. Februar 2012 09:46; Akt: 11.04.2012 14:29 Print

Hatte der Einzelgänger einen Auftrag?

von K. Leuthold/F. Burch - Nachrichtentechniker, BMW-Freak, Putz-Fanatiker: Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil war ein Eigenbrötler. Doch vieles spricht dafür, dass er nicht alleine handelte.

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Als Wolfgang Priklopil die zehnjährige Natascha Kampusch am 2. März 1998 entführt, ist er noch nicht ganz . Nachdem Kampusch am 23. August 2006 flüchtete, versuchten die Ermittler, sich zu machen. Wer ihn am besten kannte, war sein Geschäftspartner Ernst H. Die Beziehung von H. und Priklopil ist sehr eng; den einen gebe es nicht ohne den anderen, behaupten Bekannte. Die zwei Männer arbeiten und verbringen ihre Freizeit gemeinsam. Darum erstaunte es die Behörden, als H.s Schwester in einer Einvernahme am angab, Priklopil kaum gekannt zu haben. Doch besonders überraschend war die Tatsache, dass sie für den Mann, den sie angeblich nur einmal gesehen haben will, die Begräbnisfeierlichkeiten organisierte und ein Grab ihrer Familie zu Verfügung stellte. In einer der ersten Einvernahmen am 26. August 2006 beim Landeskriminalkommando Burgenland . Er habe ihn im Jahr 1982 kennengelernt, als beide eine Lehre als Nachrichtentechniker bei der Firma Siemens absolvierten. Zudem gab H. zu Protokoll, dass Priklopil ein gehabt habe. Doch mit den Frauen habe es nicht so gut geklappt. Sein Freund Priklopil habe ging. Am 15. September 2006 gab in einer Befragung an, der Täter sei fast krankhaft besorgt gewesen, dass sie Spuren im Haus hinterlasse. Ein weiterer Bekannter Priklopils, Rudolf H., erzählte am 27. September 2006, dass es gewesen sei. Nach den sexuellen Präferenzen von Priklopil gefragt, weiss H. nur: «Er mochte keine dicke Frauen.» Ernst H. gibt am 29. September 2006 ein schlechtes Bild vom Täter ab: H. kann sich vorstellen, dass Priklopil . Am 15. Oktober 2009 wird H. mit einer Aussage konfrontiert, wonach er behauptet hatte, Priklopil wolle Frauen . Darauf antwortete Ernst H., Priklopil zu haben. Priklopil habe , schreibt die Staatsanwaltschaft Wien in einem Bericht am 28. Dezember 2009. Sein Freund habe aber besessen, die er vor seiner Mutter verstecken musste, sagte Ernst H. weiter. Am 13. November 2009 erzählt H. von Priklopils . Im abschliessenden Bericht vom 18. Dezember 2009 schreibt , Priklopil habe geglaubt, dass ein Kind einfacher zu beeinflussen sei. Die beiden Freunde Priklopil und Ernst H. unterhielten sich auch über , wie H. am 13. November 2009 zu Protokoll gab: H. habe wissen wollen, ab welchem Alter eine Vergewaltigung möglich sei. Priklopil habe darauf geantwortet: «Das geht schon sehr früh.» H. behauptet, dass Priklopil einen hatte. Am Tag der Flucht habe der Täter eine «Lebensbeichte» abgelegt. Unter anderem habe Priklopil gesagt, er wisse, . Im Bericht der Staatsanwaltschaft vom 18. Dezember 2009 wird Priklopil zudem als beschrieben.

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Wolfgang Priklopil war nicht ganz 36 Jahre alt, als er im Jahre 1998 die 10-jährige Natascha Kampusch entführte. 3096 Tage hielt er sein Opfer in seinem Haus an der Heinestrasse 60 in Strasshof bei Wien fest, bevor er sich nach offiziellen Angaben unter einen Zug warf. Priklopil bleibt auch sechs Jahre nach seinem Tod vom 23. August 2006 ein Mysterium.

Wolfgang Priklopil lernt Nachrichtentechniker bei Siemens. Der junge Mann gilt in seinem Umfeld als Sonderling, der allgemein soziale Kontakte scheut. Der Einzelgänger hat einen Putzfimmel, führt über alles Buch und liebt Ordnung sowie BMWs (siehe Video unten). 1982 lernt er Ernst H.* kennen, der später sein Geschäftspartner und Freund wurde.

Priklopil ist die Familie wichtig. «So viel ich weiss, hat er seine Grossmutter mehrmals wöchentlich besucht», sagte Ernst H. während einer Einvernahme im August 2006 zur Polizei. «Das Grab seines Vaters hat er fast täglich besucht.» Zudem sei das Verhältnis zu seiner Mutter äusserst gut gewesen (siehe Bildstrecke, Dok. 5). Mutter Waltraud geht bei ihrem Sohn ein und aus. Natascha Kampusch sagte in Interviews nach ihrer Flucht im Jahr 2006, sie habe vor den Besuchen von Priklopils Mutter jeweils das Haus putzen und ihre Hausschuhe wegräumen müssen. Während der Besuche habe Priklopil Kampusch ins Verlies gesteckt.

Warum wurde Priklopil nicht bei seiner Familie begraben?

Ernst H. war Wolfgang Priklopils einziger Freund. «Den einen gab es nicht ohne den anderen», sagten laut Polizeiakten Leute, die die beiden kannten. Sie hatten nicht nur beruflich miteinander zu tun, sondern teilten auch ihre Freizeit - unter anderem gingen sie zusammen Ski fahren. Daher erstaunt es, dass Ernst H.s Schwester, Margit W.*, Priklopil nicht richtig gekannt haben will (siehe Bildstrecke, Dok. 3). Noch unerklärlicher ist, dass genau diese Margit W. die Formalitäten von Priklopils Begräbnis übernahm (siehe Bildstrecke, Dok. 4). Jetzt liegt Priklopil im Grab einer unbekannten Familie, obwohl ihm die Grabstätten der eigenen Familie so wichtig waren und das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bis zum Schluss sehr eng war.

Pornos vor der Mutter versteckt

Ernst H. will von Priklopils pädophiler Neigung gewusst haben. Er sagte während einer Einvernahme im Oktober 2009, dass Priklopil Kinderpornos und Pornos besass. Diese habe er vor der Mutter verstecken müssen (siehe Bildstrecke, Dok. 15). «Er hat immer geäussert, er wolle ein unbeflecktes junges Mädchen, dass seine Pedanterie mitmacht.»

Diese Vorlieben waren offenbar auch anderen bekannt. Ein Polizeihunde-Führer informierte am 14. April 1998 – nur wenige Wochen nach der Kampusch-Entführung vom 2. März 1998 – das Wiener Sicherheitsbüro darüber, dass es in Strasshof eine Person gebe, die mit dem Verschwinden von Kampusch in Zusammenhang stehen könnte. Er sagte, die Person habe sexuell einen Hang zu Kindern. Die Polizei verfolgte die Spur nicht konsequent. Diese Fahndungspanne verlängerte Natascha Kampuschs Martyrium bis ins Jahr 2006.

Kampusch musste sich am ganzen Körper rasieren

Zu Frauen hatte Priklopil ein schwieriges Verhältnis. Fettleibigkeit war ihm ein Graus. Der Bekannte Rudolf H.* sagte laut Polizeidokumenten dazu: «Ich weiss nur, dass er keine dicken Frauen mochte und blonde Frauen mit blauen Augen bevorzugte» (siehe Bildstrecke, Dok. 10). Kampusch sagte in einem TV-Interview nach der Flucht, Priklopil übertrage seine Magersucht auf andere Leute. Er habe sie manchmal fast verhungern lassen, um sie dann wieder aufzupäppeln. Zwischen 2000 und 2004 musste sich Kampusch zudem Kopf und Körper rasieren - , wie sie während der Einvernahme am 15. September 2006 zu Protokoll gab (siehe Bildstrecke, Dok. 8). Die Glatze musste sie mit einer Haube abdecken.

War Kampusch für jemand anderen bestimmt?

Bis heute ist nicht klar, ob Priklopil sein Opfer überhaupt für sich wollte. Kampusch selbst spricht in ihrer Biografie «Natascha Kampusch 3096 Tage» mehr als einmal von Dritten. Unmittelbar nach der Entführung, im Kastenwagen, habe Priklopil gesagt: «Ich bringe dich jetzt in den Wald und übergebe dich den anderen. Dann habe ich mit der Sache nichts mehr zu tun.»

Tatsächlich berichtet Kampusch in ihrem Buch von einer gescheiterten Übergabe: «Ich weiss nicht mehr, wie lange die Fahrt gedauert hat, bis wir anhielten. Wir waren in einem Föhrenwald, wie es sie ausserhalb von Wien zahlreich gibt. Der Täter stellte den Motor ab und telefonierte wieder. Etwas schien schiefgegangen zu sein. ‹Die kommen nicht, die sind nicht hier!›, schimpfte er vor sich hin. Später habe er den Motor gestartet und sei wieder losgefahren.»

Priklopil schien unvorbereitet zu sein

Priklopil musste in der Folge offenbar improvisieren, wie Kampusch in ihrem Buch beschreibt. Nach der Ankunft in Priklopils Garage in Strasshof habe er sie in eine Decke gewickelt und sie in einen Raum ohne Fenster gebracht. Dann habe er nach Wien fahren müssen, um für sie eine Matratze zu holen. Priklopil hat offenbar nicht damit gerechnet, Natascha Kampusch unterbringen zu müssen.

Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, sagt zur Theorie einer Auftragsentführung gegenüber 20 Minuten Online: «Ob das Verlies vorbereitet war oder nicht, ist völlig offen.» Es spreche aber einiges dafür, dass die Planverwirklichung und der Fortgang der Entführungsordnung nicht ganz so verlaufen seien, wie es ursprünglich geplant war.

Natascha Kampusch wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Wolfgang Brunner, der ihre medialen Aktivitäten koordiniert, schrieb 20 Minuten Online: «Frau Kampusch gibt derzeit keine Interviews. Sie hat sich in hunderten Interviews zum Hergang ihrer Entführung geäussert, ebenso handelt ihre Biografie davon.»

Auch Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

Margit W. konnte für eine Stellungnahme weder per E-Mail noch telefonisch erreicht werden.

*Namen der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze; Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online)

Lesen Sie am Freitag Teil 4: «Das Verlies und viele offene Fragen»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robin Robert am 16.02.2012 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    die letzten 3 Bilder - Frage an Verfasse

    Frage an die Verfasser des Artikels... auf den letzten drei Bildern spricht wahrscheinlich dieser "Freund" von Priklopil? - und der äussert sich so "fremdartig", als habe er mit Priklopil über die entführte Natascha schon vor der Flucht gesprochen? Es wäre interessant, die ganze Passage dieser Auszüge zu lesen!!! Auf alle Fälle ist es wünschenswert, dass alles ans Licht kommt; so kann man es auch verarbeiten...

  • MadChengi am 16.02.2012 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Tief im Keller ist ein Geheimniss

    Parallelen zum Fall Dutroux, es gab dmals eine Sondersendung von N24 am 3.1.04, in dem Verwicklungen Dutroux' in Europäische Kinderschänderringe nachgewiesen werden. Die Opfer erzählen von rituellem Missbrauch, Folter und Kindsmord. Die Täter sind wohlhabend und kommen aus hohen Kreisen. Die Justiz ignoriert die Schilderungen der Opfer fast völlig, vielleicht auch weil man sich solch schlimme taten nicht vorstellen kann. - Hier sollte man mal richtig tief im Keller (im geistigen) nachkucken!!!

  • Bruno S am 16.02.2012 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht komisch

    Wenn Kampusch im Kastenwagen nur eine Person erkennt und nicht zwei wie eine Zeugin das von aussen sehen kann ist eigentlich nur logisch. Kampusch wird in das Auto geschleppt und ist mit sicherheit unter schock. Also kann sie den Fahrer gar nicht sehen und auch nicht wahr nehmen weil für sie nur der entführer zählt. Mit sicherheit spricht auch nur dieser zu Kampusch. Also ist es gut möglich dass mehr als nur eine Person an der Entführung beteiligt war. Und das kann Kampusch nicht belegen. Die Zeugin sollte sich dringend an diesen Fahrer erinnern.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Désy am 16.02.2012 23:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alle Spekulationen geben ihr ihre Kindheit nicht z

    ....lasst doch das Mädel in Ruhe! Sie hat genug mitgemacht und hat ein Recht auf ein eigenes Leben!

  • Bruno S am 16.02.2012 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht komisch

    Wenn Kampusch im Kastenwagen nur eine Person erkennt und nicht zwei wie eine Zeugin das von aussen sehen kann ist eigentlich nur logisch. Kampusch wird in das Auto geschleppt und ist mit sicherheit unter schock. Also kann sie den Fahrer gar nicht sehen und auch nicht wahr nehmen weil für sie nur der entführer zählt. Mit sicherheit spricht auch nur dieser zu Kampusch. Also ist es gut möglich dass mehr als nur eine Person an der Entführung beteiligt war. Und das kann Kampusch nicht belegen. Die Zeugin sollte sich dringend an diesen Fahrer erinnern.

  • Fredi Schwarz am 16.02.2012 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Rätsel

    Ganz einfach. Mir ist seit Jahren ein Rätsel, warum sie ihre Eltern schützt. Bin mir sicher, das ihre Eltern irgendwas mit der Sache zu tun hatten. Diese Geschichte stinkt zum Himmel und sieht für mich absolut als ungereimt aus!! Die Natascha lügt doch wie gedruckt und will nur ihre Nutzen davon ziehen. Was ihr seit Jahren gelungen ist!!

  • Michel am 16.02.2012 19:10 Report Diesen Beitrag melden

    leider gibt es noch zu viele

    Ich behaupte einfach mal, das es noch viel viel mehr solcher Fälle auf der ganzen Welt gibt. In der vielfach die ganz oben involviert sind. Warum? Schaut euch von vorhin erwänte der Zentralbibliothek ZH, Detroux etliche Fälle in Amerika usw. Täglich verschwinden tausende Kinder auf der ganzen Welt, viele dieser wehrlosen Seelen werden für Rituale und etliche andere grausige Dinge missbraucht. Warum die Justiz nicht durchgfreift, sondern lieber den einfachen Dingen nachgeht. Weil hohe Tiere das ganze blockieren. Da würden einige Köpfe rollen. Viele die wir als "heilige" ansehen.

  • Robin Robert am 16.02.2012 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    die letzten 3 Bilder - Frage an Verfasse

    Frage an die Verfasser des Artikels... auf den letzten drei Bildern spricht wahrscheinlich dieser "Freund" von Priklopil? - und der äussert sich so "fremdartig", als habe er mit Priklopil über die entführte Natascha schon vor der Flucht gesprochen? Es wäre interessant, die ganze Passage dieser Auszüge zu lesen!!! Auf alle Fälle ist es wünschenswert, dass alles ans Licht kommt; so kann man es auch verarbeiten...