UNO-Hilfswerk

23. Juli 2014 06:55; Akt: 23.07.2014 12:25 Print

83'000 Flüchtlinge mehr in zwei Wochen

Seit Beginn der israelischen Offensive im Gazastreifen ist die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge von 17'000 auf 100'000 gestiegen. Das UNO-Hilfswerk stösst an seine Grenzen.

Bildstrecke im Grossformat »
Tausende Palästinenser haben in der Nacht zum 20. Juli nach stundenlangem israelischem Bombenfeuer auf den Vorort Sadschaija von Gaza-Stadt ihre Häuser verlassen, um irgendwo Schutz zu finden. Das Pulverfass Sadschaija liegt unweit der israelischen Grenze. Ganze Strassenzüge sahen dort am Sonntag aus, als hätte es ein zerstörerisches Erdbeben gegeben. Bewohner aus Sadschaija erzählen, dass der Beschuss am Samstagabend angefangen hat und immer schlimmer wurde. Die Rettungskräfte konnten wegen des Bombenhagels unmöglich vordringen. Deshalb mussten die Familien ihre müden Kinder tragen und zu Fuss los, um Gaza-Stadt zu erreichen. Tausende Menschen liessen Sadschaija am Sonntagmorgen in Panik hinter sich, eilten vorbei an zerbombten Häusern und verbrannten Leichen auf den Strassen. Mindestens 50 Menschen wurden bei den israelischen Angriffen auf den Vorort allein am Sonntag getötet, 17 Kinder waren darunter. Bombendonner, Rauchschwaden, Schutt - und mittendrin eine alte Frau im Rollstuhl. Die linke Hand verkrampft um einen Stock, daran bläht sich im Wind ein weisser Fetzen als Zeichen der Kapitulation. Auch diese beiden Männer zeigen die weisse Flagge, während sie von ihrem Zuhause fliehen. Unzählige Verletzte schleppten sich ins Schifa-Spital im Zentrum von Gaza-Stadt. Ein verwundetes Mädchen wird ins Spital getragen. Die meisten Verletzten waren von Granatsplittern getroffen worden. Auch eine Frau mit Russ im Gesicht wird, begleitet von zwei Männer, eingeliefert. Rettungswagenfahrer wurden von verzweifelten Bewohnern angebettelt und angeschrien, aber in viele Gebiete kämen sie eben schlichtweg nicht hinein. Menschen, die am Sonntagmittag noch immer in Sadschaija festsassen, beschrieben eine Hölle auf Erden.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Hilfsorganisationen im Gazastreifen werden von der Explosion der Zahl palästinensischer Flüchtlinge überrumpelt. Das UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) beherbergte vor der israelischen Militäroffensive rund 17'000 Vertriebene. Heute sind es 100'000.

Diese Entwicklung vermöge eine Vorstellung vom «Ernst der Lage» zu vermitteln, sagte UNRWA-Direktor Pierre Krähenbühl in der Westschweizer Zeitung «Le Temps» vom Mittwoch. Er forderte gleichzeitig eine Feuerpause.

«Gestützt auf die Erfahrungen von Israels Operationen 2008 und 2012 hatten wir uns auf die Ankunft von 35'000 bis 50'000 zusätzlichen Personen vorbereitet.» Um nun an neue finanzielle Mittel zu kommen, ruft das UNRWA zu Spenden auf. Es benötige 115 Millionen Dollar.

Schule absichtlich beschossen

Seit Beginn der israelischen Offensive seien 77 Schulen, Spitäler und andere Gebäude des UNRWA durch die Kämpfe beschädigt worden, sagte Krähenbühl. Am Montag wurde eine Schule offenbar absichtlich beschossen. «Das zeigt, wie schwierig die Lage ist, in der wir arbeiten.»

Ein Zurück zur Situation vor der Militäroffensive ist für Krähenbühl nicht vorstellbar. Es brauche eine breitere Perspektive, nicht zuletzt auch was die wirtschaftliche Situation betreffe: «Nach acht Jahren der Blockade ist die humanitäre Situation nicht mehr haltbar.» Im Jahr 2000 habe das UNRWA noch 80'000 Personen im Gazastreifen unterstützt, heute seien es 830'000.

500'000 Schüler studieren in UN-Schulen

Das UNO-Hilfswerk wurde im Jahr 1949 gegründet und hat zum Ziel, fünf Millionen palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien, Libanon, Syrien, im Westjordanland und im Gazastreifen zu schützen und sie zu unterstützen.

Es führt 600 Schulen, in denen eine halbe Million Schüler studieren und verfügt zudem über ein Netz von 150 Spitälern. Rund 30'000 Beschäftigte stehen beim UNRWA im Sold. Seit März ist Krähenbühl dessen Direktor.

(sda)