Gefährlicher Schweizer Jihadist

14. November 2019 04:48; Akt: 14.11.2019 10:00 Print

Aargauer leitete IS-Foltergefängnis in Syrien

von Ann Guenter - Er wächst in Nussbaumen im Kanton Aargau auf. Später leitet Thomas C. ein Foltergefängnis in Manbij, trainiert die IS-Attentäter von Paris und Brüssel – und könnte auch in aktuelle Anschlagspläne verwickelt sein.

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Für die Geheimdienste war er lange ein Phantom. Selbst westliche IS-Kämpfer wussten nicht, dass Thomas C. ein konvertierter Schweizer aus dem Kanton Aargau ist. «Das war ein Deutscher aus Frankfurt am Main», glaubte ein mittlerweile inhaftierter deutscher IS-Kämpfer lange.

Tatsächlich lebt Thomas C. für rund sieben Jahre in Westdeutschland. Neben akzentfreiem Deutsch spricht der Schweizer auch fliessend Französisch, Englisch und Arabisch. Das macht ihn wertvoll für den IS.

Hotel zu Foltergefängnis umfunktioniert

Der Aargauer zählt zu den frühen westlichen Jihadreisenden, als er 2013 zum IS nach Syrien kommt. Rasch steigt er die «Karriereleiter» hoch: Als «Emir» leitet er den IS-Geheimdienst in Manbij. Diese Grenzstadt zur Türkei gilt als eine der beliebtesten Einreiseorte für die hereinströmenden ausländischen IS-Kämpfer. Entsprechend wichtig ist die Stadt für den IS. Dass Thomas C. ein Jahr nach seiner Ankunft als Geheimdienst-Kommandeur der Stadt tätig war, zeigt, was für ein Vertrauen er unter hohen IS-Funktionären genossen haben muss.

Der Schweizer ist anfangs aber auch für das Hauptgefängnis in Manbij zuständig – ein ehemaliges Hotelgebäude, das der Schweizer für den IS zum Foltergefängnis umfunktioniert. Über hundert Insassen waren hier inhaftiert, Einheimische wie auch Ausländer. Im Innenhof und im Keller des Gebäudes fanden sich noch bis vor kurzem zahlreiche Folterinstrumente.

«Er befahl uns, Sprengstoffgürtel zu tragen»

Risiken aller Art minimiert der Aargauer möglichst. Den Wachen in seinem Gefängnis befiehlt er, Sprengstoffgürtel zu tragen: «Fast jeder von uns hatte einen solchen Gürtel», berichtet einer von ihnen. Und Thomas C. achtet darauf, dass von ihm keine Fotos gemacht werden – er sei seit 2014 hauptsächlich maskiert herumgelaufen, heisst es über ihn. Dazu legt er sich Dutzende sogenannter Kunyas, Kampfnamen, zu: von Abu Hajir über Abdullah as-Swissri bis Abu Musab al-Germani.

Im Frühsommer 2014 sinkt zwischenzeitlich sein Ansehen in der zerstrittenen IS-Führung. Kontakte zu Abu Mohammed al-Adnani kommen ihm zugute. Adnani ist der höchste Chef im IS-Geheimdienst Amniyat und bis zu seiner Tötung der offizielle Sprecher des IS.

Der Schweizer bildete Attentäter aus

Als Thomas C. eine Verwandte Adnanis heiratet – es ist gemäss «Bild» (Bezahlartikel) seine zweite Ehefrau, eine erste hat er nach islamischem Ritus in Deutschland geehelicht –, sitzt er wieder in trockenen Tüchern.

Er ist nun zunehmend involviert in die Planung von IS-Attacken im Ausland: Der Schweizer bildet in Raqqa die späteren Attentäter von Paris an Waffen aus. Sie töten im November 2015 130 Personen. Ein halbes Jahr später schlagen IS-Terroristen in Brüssel zu. Zwei von ihnen dürften «Bild» zufolge ebenfalls von Thomas C. in Syrien trainiert worden sein. 32 Menschen sterben an jenem 22. März 2016.

Lebt Thomas C. noch?

Als das IS-Kalifat drei Jahre später zusammenbricht, ist Thomas C. spurlos verschwunden. Da sein Aufenthaltsort nicht bekannt ist, wird in der Schweiz ein Verfahren gegen ihn eingestellt. Offiziell gilt der Aargauer als tot. Doch Beobachter der Jihad-Szene, die sich eng mit dem Schweizer befassen, haben Zweifel. Sie bestätigen gegenüber 20 Minuten: «Wir gehen davon aus, dass Thomas C. noch lebt.»

Mehr noch: Sie vermuten, der Aargauer könnte mit den diese Woche bekannt gewordenen IS-Angriffsplänen in Westdeutschland zu tun haben – diese galten dem Rhein-Main-Gebiet, in dem Thomas C. während sieben Jahren lebte.