Ein Grosser ist gegangen

18. Dezember 2011 16:40; Akt: 19.12.2011 11:35 Print

Abschied von Vaclav Havel

Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel ist tot. Er starb am Sonntagmorgen nach langer Krankheit mit 75 Jahren.

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Eine Ehrengarde im Prager Schloss: Vaclav Havel verstarb am 18. Dezember.

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In Tschechien und weltweit wurde der Dramatiker und einstige Dissident Vaclav Havel als Wegbereiter für Demokratie und Menschenrechte gewürdigt. Mit Havel starb für viele Menschen ein Vorbild.

Havel war die «Seele» der Samtenen Revolution von 1989, durch die die kommunistische Führung der Tschechoslowakei gestürzt wurde. Im selben Jahr wurde er Präsident. Nach der Teilung des Landes in Tschechien und die Slowakei wurde Havel 1993 Staatschef von Tschechien.

Unter kommunistischer Herrschaft hatte Havel sich als unerschrockener Theatermann und Systemkritiker einen Namen gemacht. Da Havel nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die Kommunisten öffentlich kritisiert hatte, warfen ihn diese mehrfach ins Gefängnis. Insgesamt sass er fünf Jahre in Haft.

Doch er und seine Gefährten liessen sich nicht brechen. Havel gehörte zu den Mitbegründern und Wortführern der Charta 77, jener Erklärung und Bürgerrechtsbewegung zugleich, die den Weg zu den friedlichen Demonstrationen von 1989 ebnete.

«Danke für die Demokratie»

In Prag versammelten sich Tausende zu Trauerkundgebungen. Sie legten an zentralen Schauplätzen von 1989 Blumen nieder und zündeten Kerzen an. «Herr Präsident, Danke für die Demokratie», stand auf einem Zettel. Wie vor 22 Jahren klapperten die Menschen mit ihrem Schlüsselbund und hörten Protestlieder.

Um 18 Uhr läuteten zudem in ganz Tschechien die Kirchenglocken. Dazu hatte der katholische Prager Erzbischof Dominik Duka aufgerufen. Es sei eines jeden Pflicht, Havel «die letzte Ehre zu erweisen und Dank zu sagen», erklärte er.

Vom Stadtzentrum zogen am späten Abend Hunderte in einem Trauerzug zur Prager Burg. Vor der Statue des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomas Garrigue Masaryk auf dem Hradschin stimmte sie die Nationalhymne an. Auch in der zweitgrössten Stadt Brno und in Ostrava versammelten sich die Menschen zu Trauerkundgebungen.

Präsident Vaclav Klaus würdigte Havels «mutigen Kampf mit dem kommunistischen Regime». Durch Havel sei Tschechien zu einem «Teil der Gemeinschaft freier und demokratischer Länder» geworden. Der Konservative war Havel 2003 als Staatschef nachgefolgt. Die beiden hatten immer wieder öffentlich die Klingen gekreuzt.

Symbolfigur und moralische Autorität

Havel verkörpert für die meisten seiner Landsleute und für Menschen weltweit eine moralische Autorität. Alt Bundesrat Moritz Leuenberger sagte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, Havel sei ein Vorbild gewesen - «auch weil er bereit war, für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen».

Moral und Globalisierung, Kultur und Politik - dies alles sei für Havel nicht zu trennen gewesen. Leuenberger hatte als Bundespräsident Havel bei dessen Staatsbesuch 2001 in der Schweiz begleitet. Kennengelernt habe er Havel aber schon früher.

US-Präsident Barack Obama pries Havels Wirken als «historisch»: «Sein friedlicher Widerstand erschütterte die Grundfesten eines Imperiums, entblösste die Leere einer Ideologie der Unterdrückung und bewies, dass moralische Führungskraft mächtiger ist als jede Waffe.» Havel habe auch ihn selbst inspiriert.

In Brüssel bezeichnete der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, Havel als «wahren Europäer und Vorkämpfer für Demokratie und Freiheit». Havels Erbe - seine Ideen wie auch sein literarisches Werk werde «auch in kommenden Generationen lebendig bleiben».

Respekt von östlichen Nachbarn

Der slowakische Staatspräsident Ivan Gasparovic sagte: «In unserer Erinnerung bleibt Havel für immer als charismatische und menschliche Persönlichkeit».

Polens früherer Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki ehrte Havel als «grossen Humanisten». Ex-Solidarnosc-Chef Lech Walesa sagte, Havels Stimme werde «in Europa enorm fehlen». Der Präsident des Europaparlaments, der Pole Jerzy Buzek, erklärte, Havel «war und bleibt ein Held.»

Die russische Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa von der Helsinki-Gruppe sagte: «Der Moralist Havel verriet auch als Staatsoberhaupt nie seine Prinzipien.»

Gefängnis ruinierte Gesundheit

Havel litt unter anderem an den Folgen einer im Gefängnis schlecht ausgeheilten Lungenentzündung. Mitte der 1990er Jahre erkrankte der Kettenraucher an Lungenkrebs, 1996 wurden ihm ein Tumor und Teile des rechten Lungenflügels entfernt. 1998 erlitt Havel zudem einen Herzinfarkt.

Havel sei friedlich im Schlaf gestorben, sagte seine Sprecherin. Nach ihren Angaben wird das Begräbnis voraussichtlich am kommenden Freitag stattfinden. Gemäss dem tschechischen Präsidialamt soll am Mittwoch der Sarg mit Havels Leichnam auf der Prager Burg aufgebahrt werden.

(sda)