Wechsel zur Unzeit

21. September 2011 16:57; Akt: 21.09.2011 16:58 Print

Al-Jazeera-Chef geht - warum gerade jetzt?

Mitten im arabischen Frühling kommt es an der Spitze des polulären Senders zu einem überraschenden Wechsel. Beobachter sehen Wikileaks und Saudi-Arabien als Auslöser für Wadah Khanfars Abgang.

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Der damalige Generaldirektor von Al Jazeera, Wadah Khanfar, im Januar 2010 in seinem Büro am Hauptsitz des Senders in Doha, Katar. (Bild: Keystone/Yonhap News Agency)

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Wadah Khanfar gab sich am Dienstag alle Mühe, seinen Abgang so normal wie möglich erscheinen zu lassen: «Nach acht Dienstjahren an der Spitze von Al Jazeera habe ich soeben angekündigt, dass ich mich beruflich verändern werde», twitterte er. Nicht nur hierzulande, auch im arabischen Raum laden solche Formulierungen zu Spekulationen über die wahren Beweggründe ein. Nicht zufällig schob er wenig später nach, dass er sich über all die Gerüchte über seinen Abgang «amüsiere».

Warum der 42-jährige Khanfar in dieser für den arabischen Raum so spannenden Zeit abtritt, darüber kursieren in der Tat verschiedene Gerüchte. Die «New York Times» zeigt sich überzeugt, dass Wikileaks dem Generaldirektor von Al Jazeera das Genick gebrochen hat. Die Enthüllungsplattform veröffentlichte Ende August eine Reihe von Depeschen aus der US-Botschaft in Doha. Demnach soll sich Khanfar 2006 wiederholt mit US-Diplomaten getroffen und auf deren Druck in zwei Fällen die Berichterstattung über den Bürgerkrieg im Irak angepasst haben.

Viele Feinde in Katar

Eine Überraschung kann das für die katarische Herrscherfamilie, der Al Jazeera gehört, freilich nicht gewesen sein: Khanfar erhielt damals von der US-Botschaft und dem katarischen Aussenministerium identische Berichte, in denen stand, was die USA an der Irak-Berichterstattung des Senders auszusetzen hatten. Die Unabhängigkeit von Al Jazeera scheint für den Emir von Katar ohnehin keine heilige Kuh zu sein: Laut einer anderen US-Depesche aus Doha soll der katarische Premierminister Hamad bin Jassim al Thani 2010 dem damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak angeboten haben, Al Jazeera für ein Jahr dicht zu machen. Als Gegenleistung müsse er in dieser Zeit eine Lösung des Nahostkonflikts herbeiführen. Zuvor hatte sich Mubarak beklagt, Al Jazeera sei die Quelle der Probleme in Ägypten.

Es ist denkbar, dass die Enthüllungen über die Einflussnahme seitens der US-Regierung nur als Vorwand dienten, sich Khanfars zu entledigen. Trotz seines beispiellosen Erfolgs in der arabischen Medienlandschaft hatte er in Katar viele Feinde. Die forsche Berichterstattung Al Jazeeras wurde (und wird) in vielen arabischen Hauptstädten nicht goutiert, weshalb der mächtige Prinz und katarische Aussenminister Hamad bin Jassim al Thani den Sender wiederholt als «aussenpolitischen Kopfschmerz» bezeichnet hat. Von lokalen Medien wurde Khanfar zudem kritisiert, zu wenig Kataris einzustellen und Ereignisse in Katar zu ignorieren.

Unzulässige Kritik an Verbündeten

Der britische «Guardian» vermutet den Hauptgrund für Khanfars Rücktritt denn auch nicht in der öffentlich gewordenen Abhängigkeit, sondern umgekehrt in der wachsenden Unabhängigkeit Al Jazeeras: In den vergangenen Monaten fiel etwa die beissende Kritik des Senders an der Niederschlagung der Proteste in Bahrain auf. Katar hatte wie Saudi-Arabien Truppen in das benachbarte Emirat entsandt, um bei der Niederschlagung der schiitischen Proteste zu helfen. 2008 war Khanfar wegen zu kritischer Berichterstattung über Saudi-Arabien zurückgepfiffen worden. Diesmal könnte die Grossmacht auf der Arabischen Halbinsel seinen Kopf gefordert haben.

Der wortgewandte Khanfar liefert eine ganz andere Erklärung für seinen Rücktritt: «Ich habe hier acht Jahr verbracht. Wir haben in diesem Teil der Welt über Veränderung gesprochen, über Präsidenten, die jahrzehntelang in ihren Ämtern blieben. Ich dachte, vielleicht sollte ich mit gutem Beispiel vorangehen, wenn der Sender auf seinem Zenith ist.» Es sei schlicht der richtige Zeitpunkt, sagte er dem «Guardian».

(kri)