Syrien

08. November 2019 16:04; Akt: 08.11.2019 18:10 Print

«Papa, du nimmst mich mit dir, nicht wahr?»

von Ann Guenter - Die Mutter entführte Alvin nach Syrien zum IS. Jetzt hat ihn sein albanischer Vater in einem Internierungslager voller IS-Extremisten gefunden. Ein Happy End, will man es so nennen, gibt es erst später.

Ein Video, das ans Herz geht (Video: Twitter/Mahmodshikhibra).
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Der Mann herzt seinen Sohn, drückt den Elfjährigen immer wieder an sich, Tränen laufen ihm übers Gesicht. Nach fünf Jahren hat der in Italien lebende Albaner Afrim Berisha seinen Alvin (11) im Internierungslager al Hol in Nordsyrien wiedergefunden, ein kleines Wunder.

«Du nimmst mich mit zu dir nach Hause, nicht wahr?», fragt das Kind den Vater. Der kann nur weinen. Er weiss, dass er sein Kind zurücklassen muss – es fehlten die nötigen Papiere und wohl auch der politische Wille verschiedener Seiten.

Druck entstand, als der Vater im italienischen Fernsehen auftrat und die Öffentlichkeit die Aufnahmen aus dem Internierungslager sah. In der Lombardei, wo das Kind teils aufgewachsen war, verabschiedete die Regierung eine Resolution zur Rückführung Alvins. Unter der Vermittlung des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes einigten sich Italien und Albanien darauf, dem Kind einen albanischen Pass und eine italienische Aufenthaltsgenehmigung auszustellen.

Tausende ausländische Kinder zurückgelassen

Diesen Mittwoch wurde der Bub von Qamishli nach Damaskus gebracht, mittlerweile ist er in Italien, wiedervereint mit seinem Vater. «Er kommt aus der Hölle, psychisch und physisch ist er angeschlagen. Aber er ist ein guter Junge und stark», sagte der albanische Innenminister Sander Lleshaj gegenüber Medien.

Um die 8000 ausländische Kinder hat der IS in Syrien zurückgelassen. Die Hälfte davon soll unter fünf Jahre alt sein.

Albaner musste Sohn in Syrien zurücklassen

Alvins Mutter hatte das Kind 2014 mit nach Syrien gebracht, weil sie unter der Herrschaft der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) leben wollte. Sie starb während der Kämpfe gegen den IS. Alvin überlebte verletzt, bis heute humpelt er. Nach der Zerstörung des sogenannten IS-Kalifats kam der Bub in das Camp al Hol in Nordsyrien. Hier sind um die 70'000 IS-Anhänger untergebracht, darunter 11'000 Ausländer, mehrheitlich Frauen und Kinder.

Die Schweiz holt aktiv keine Personen mit Schweizer Staatsangehörigkeit aus dem ehemaligen IS-Gebiet zurück. Bei Minderjährigen aber prüft man je nach Fall Optionen für eine Rückführung. «Die Verantwortung dafür, dass die Kinder sich überhaupt und nach wie vor in der Krisenregion befinden, liegt bei den Kindsmüttern», so das Aussendepartement EDA zu 20 Minuten. Und: «Die Rückführung der Kinder scheiterte bislang vor allem daran, dass die Mütter nicht bereit waren, ihre Kinder ohne sie ausreisen zu lassen.» Der Tod von Alvins Mutter, so zynisch es klingen mag, dürfte ein Glück für das Kind gewesen sein.

Al Hol ist ein «Mini-Kalifat» des IS

Die IS-Ideologie lebt im Internierungslager al-Hol weiter, es ist längst zu einem «Mini-Kalifat» geworden: Die meisten Frauen sind von Kopf bis Fuss verhüllt und folgen den pervertierten Regeln der Extremisten. Wer sich vom IS abwendet oder sichgegen ihn ausspricht, lebt gefährlich. Es gibt regelmässig Morde und Messerstechereien unter den IS-Frauen.

Die Bemühungen der Kurden, die Frauen zu deradikalisieren, waren angesichts der schieren Anzahl der Insassen zum Scheitern verurteilt. Seit der türkischen Offensive «Friedensquelle» in Nordsyrien haben sich die Unruhen in den nordsyrischen Camps verstärkt, die Lage bleibt explosiv, immer wieder kommt es zu Ausbrüchen von IS-Extremisten.