«Bebé robado»

13. September 2018 21:35; Akt: 13.09.2018 21:35 Print

Ausser ihr selbst wussten alle, dass sie adoptiert ist

Ana Pintado wurde als Baby aus einer Geburtsklinik gestohlen. Jetzt – nach 45 Jahren – lernt sie die Wahrheit und ihre leibliche Mutter kennen.

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Vor wenigen Tagen traf die 45-jährige Ana Belén Pintado ihre leibliche Mutter zum ersten Mal. Die beiden Frauen umarmten sich minutenlang und weinten zusammen. Pilar V., 69 Jahre alt, bat ihre Tochter mehrmals um Verzeihung. All diese Jahre habe sie nicht nach ihr gesucht, weil sie dachte, ihr kleines Mädchen sei nach der Geburt gestorben.

Die beiden Frauen verbindet eine Geschichte von Verschwiegenheit und Betrug. Als Ana am 10. Juli 1973 in der Klinik Santa Cristina in Madrid zur Welt kam, durfte Pilar sie nur für einen kurzen Moment in den Armen halten. Dann setzte die Hebamme ihr eine Maske auf das Gesicht und Pilar verlor das Bewusstsein. Als sie erwachte, sagten die Ärzte, ihr Baby sei tot. Die Leiche durfte die Mutter nie sehen.

Die ganze Verwandtschaft schwieg

Ana wuchs als Einzelkind im ruhigen Campo de Criptana auf, einem Dorf rund 160 Kilometer südlich von Madrid entfernt. Nie habe sie den leisesten Verdacht gehabt, dass sie adoptiert sein könnte, wie sie dem Sender «Cadena Ser» erzählt. Alles änderte sich aber, als ihre Eltern starben und sie alte Dokumente durchstöberte: Sie bemerkte, dass es Ungereimtheiten in ihrer Geburtsurkunde gab. Zudem fand sie Zahlungsanweisungen, die ihr Vater jahrelang zugunsten einer Nonne getätigt hatte.

Je länger sie recherchierte, desto düsterer wurde ihre Geschichte: Ana entdeckte nicht nur, dass sie adoptiert war, sondern auch, dass ihre Eltern sie auf illegalem Weg «gekauft» hatten.

Als sie Verwandte befragte, legten diese schliesslich offen, dass ein Priester im Dorf die Adoptiveltern drei Tage nach Anas Geburt informiert hatte, dass sie ein kleines Mädchen abholen könnten.

Alle Dorfbewohner hätten gewusst, dass Ana adoptiert worden sei. «Aber sie schwiegen. Sogar mein Mann wusste davon, nur hat er in all diesen Jahren nie etwas erwähnt, weil er annahm, dass auch ich es wüsste, es aber zu schmerzhaft sei, darüber zu reden.»

Ana ist ein sogenanntes «Bebé robado»

Anfang Juli wandte sich Ana an die Medien, um ihre leibliche Mutter zu finden. Tage später erhielt sie einen anonymen Anruf: Die Person am Telefon sagte, sie wisse, wer ihre Mutter sei. Sie könne sie sogar vermitteln. «Als ich meine liebliche Mutter Pilar anrief und ihr von mir erzählte, war sie sprachlos. Nach einigen Minuten legte sie einfach das Telefon auf», sagt Ana zu «TeleCinco».

Bei einem abermaligen Anruf bat die Frau ihre Tochter, sich im Spital und bei den Ämtern zu vergewissern. Alle Daten stimmten überein – und beide Frauen sehen sich sehr ähnlich.

Ana erfuhr, dass auch ihr leiblicher Vater noch lebt. Ausserdem hat sie zwei ältere Brüder. «Wir haben uns noch nicht kennengelernt, aber ich wir planen ganz bald ein Familientreffen», erzählt die Spanierin.

Ana Pintado ist ein sogenanntes «Bebé robado» (gestohlenes Baby): Nach dem Beginn der Diktatur von Francisco Franco (1939 bis 1975) und noch bis Anfang der 90er-Jahre sollen nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen in spanischen Kliniken bis zu 300'000 Babys den leiblichen Eltern weggenommen worden sein.

Ärzte und Krankenschwestern mit Verbindungen zur katholischen Kirche machten aus dem Kinderhandel ein lukratives Geschäft. Erst seit wenigen Jahren werden die Fälle aufgerollt und vor Gericht gebracht.

(kle)