Ende der Beschaulichkeit

16. Februar 2011 07:16; Akt: 16.02.2011 10:55 Print

Am Sinai wird wieder aufgerüstet

von Kian Ramezani - Die Militärs in Kairo wollen weiter Frieden mit Israel. Dennoch wird der jüdische Staat wieder vermehrt in die Sicherung seiner Südgrenze investieren müssen.

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Zum Kriegsschauplatz wird der Sinai wohl nicht mehr. Aber nach den Ereignissen in Ägypten dürfte die Beschaulichkeit der letzten Jahrzehnte vorbei sein. (Bild: Jacques Descloitres/Nasa/20 Minuten Online)

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Viel zu holen gibt es auf diesem öden Flecken Erde nicht. Etwas Erdöl, aber viel weniger als etwa in Libyen oder Algerien. Einige hunderttausend Beduinen verteilen sich auf eine Fläche eineinhalbmal so gross wie die Schweiz. Dennoch wurde die Sinai-Halbinsel im 20. Jahrhundert wiederholt zum Kriegsschauplatz: Ihr Ostrand bildet die Grenze zwischen Israel und Ägypten. Fünfmal trafen hier der junge jüdische Staat und das bevölkerungsreichste arabische Land aufeinander. Der eine von den USA, der andere von der Sowjetunion hochgerüstet.

Zweimal verloren die Ägypter den Sinai an Israel, für kurze Zeit in der Suezkrise 1956 und 1967 im schmachvollen Sechstagekrieg. 1973 im Jom-Kippur-Krieg gelang ihnen ein Achtungserfolg, und als sie 1979 mit Israel Frieden schlossen, erhielten sie ihn zurück – unter der Bedingung, dass er entmilitarisiert wird und bleibt. Abgesehen von Touristenströmen, die zum Sonnenaufgang auf den Mosesberg stiegen oder das Katharinenkloster besuchten, kehrte Ruhe ein auf dem Sinai.

Die Rückgabe dieses Stücks Wüste war ein kleiner Preis verglichen mit den Vorteilen, die Israel aus dem Friedensschluss mit Ägypten zog. Durch die Befriedung der Südfront waren nicht länger immense militärische – und damit wirtschaftliche – Ressourcen gebunden, um den mächtigen Widersacher auf Distanz zu halten. 30 Jahre hatte man sich bekämpft, darauf folgten 30 Jahre Frieden. Dann kam die ägyptische Revolution und der Sturz Hosni Mubaraks.

Hamas das kleinere Übel

Israels Reaktion auf die historischen Ereignisse in Ägypten ist Ausdruck eines grossen Dilemmas. Aufgrund der realen Gefahr, die Hamas könnte die instabile Lage ausnützen und über den Sinai Waffen in den benachbarten Gazastreifen schmuggeln, erlaubte Israel den Ägyptern erstmals seit Abschluss des Friedensvertrags, Truppen in die sogenannte Zone C des Sinais zu verlegen, die unmittelbar an Israel grenzt. Dabei soll es sich um rund 800 Soldaten handeln. Ein bescheidenes Zugeständnis, das sich nur dadurch erklären lässt, dass Israel die Nähe der ägyptischen Armee für das noch grössere Risiko hält als die Hamas.

Der ehemalige israelische Generalstabschef Gabi Aschkenazi erklärte an seinem ersten Tag im Ruhestand, Israel sei auf das Szenario vorbereitet, dass Ägypten den Frieden aufkündigt. Dem widerspricht Amir Oren, Militärexperte der israelischen Tageszeitung «Haaretz». Zwar hätten die israelischen Streitkräfte Szenarien für den Fall eines Regimewechsels in Kairo entwickelt. Doch in der Praxis seien ihre Fähigkeiten, auf eine solche Situation – vielleicht sogar einen konventionellen Krieg – zu reagieren, mit den Jahren «verkümmert». Truppenbestände wurden reduziert, anspruchsvolle Geheimdienstoperationen eingestellt. Der letzte hochrangige Sinai-Veteran in der israelischen Armee ist Verteidigungsminister Ehud Barak.

Israel immer noch Hauptgegner Ägyptens

Dasselbe trifft auf die Gegenseite offenbar nicht zu. Laut einer von Wikileaks veröffentlichten Depesche der amerikanischen Botschaft in Kairo aus dem Jahr 2008 betrachtet das ägyptische Militär Israel trotz 30 Jahren Frieden als seinen primären Feind. Die USA hatten vergeblich versucht, Ägypten für Einsätze in Afghanistan und Irak zu gewinnen und legten der Regierung eine entsprechende Neuausrichtung ihrer Streitkräfte nahe. Hossam Sweilam, ein ägyptischer General ausser Dienst, erklärte gegenüber der «Jerusalem Post», dass Ägypten die Verteidigung des Sinais weiter als Hauptaufgabe ansieht. Trotz des Friedensvertrags gebe es immer wieder Drohungen aus Israel, was eine solche Ausrichtung rechtfertige.

Ein bewaffneter Konflikt zwischen Israel und Ägypten ist heute sehr unwahrscheinlich. Beide Länder haben vom Frieden profitiert und beide Armeen sind seit dem Friedensschluss von 1979 von den USA abhängig. Doch die Risikowahrnehmung hat sich in den vergangenen Wochen vor allem auf israelischer Seite dramatisch verändert. Es ist davon auszugehen, dass Israel künftig wieder mehr Ressourcen in die Sicherung seiner Südgrenze investieren wird.