Blutbad in Lüttich

14. Dezember 2011 17:18; Akt: 15.12.2011 15:16 Print

Amokläufer wollte nicht hinter Gitter

Einen Tag nach dem Massaker im belgischen Lüttich rückt ein Tatmotiv in den Vordergrund. Der Amokläufer hätte verhört werden sollen und hatte offenbar Angst, ins Gefängnis zu kommen.

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Der Amokläufer von Lüttich wollte offenbar nicht ins Gefängnis. Am Tag der Bluttat mit sechs Toten war er zu einem Verhör aufs Polizeirevier bestellt. Es lag eine Anzeige gegen ihn wegen eines Sittlichkeitsvergehens vor. Doch der vorbestrafte Mann erschien dort nie. Er drehte durch. Bei seinem Amoklauf am Dienstag tötete der Mann mindestens vier Menschen. Mehr als 120 Personen verletzte er. Dann nahm er sich das Leben.

«Er hatte Furcht, wieder inhaftiert zu werden», sagte der Anwalt des Amokläufers der Zeitung «La Libre Belgique». Sein Mandant habe ihn deswegen am Montag und Dienstag immer wieder angerufen. Auch die belgische Innenministerin Joëlle Milquet schloss sich dieser Vermutung im Radio an.

Ständig in Konflikt mit dem Gesetz

Der Täter, der nach Medienberichten marokkanische Wurzeln hat, hatte nach Angaben von Staatsanwältin Danièle Reynders sein Leben lang mit der Justiz zu tun. Er wurde unter anderem rund 20-mal wegen Waffenbesitzes, Drogenbesitzes, Hehlerei und Sittlichkeitsverbrechen verurteilt.

Zuletzt war er zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Nach drei Jahren wurde er im Oktober 2010 unter der Auflage einer Bewährung von acht Monaten freigelassen. Laut der Nachrichtenagentur Belga hatten Fahnder bei ihm ein Arsenal von mehr als 9500 - zum Teil schweren - Waffen sowie knapp 3000 Cannabis-Pflanzen gefunden.

Kein Abschiedsbrief gefunden

Gemäss Staatsanwaltschaft hinterliess der Täter keinen Abschiedsbrief. Vor seiner Tat habe er seiner Freundin Geld überwiesen, berichtet die Onlineausgabe der Zeitung «Le Soir» unter Berufung auf die Regionalzeitungsgruppe «Sudpresse». Die Überweisung sei von den Worten begleitet gewesen: «Ich liebe dich, mein Schatz. Viel Glück!»

Am Dienstag sollte der Mann wieder vernommen werden, teilte die Staatsanwältin mit. Bereits Mitte November seien erstmals seit seiner Entlassung wieder Vorwürfe bekannt geworden, diesmal ging es um Sittlichkeitsvergehen. Dazu zählen Sexualdelikte wie Missbrauch oder sexuelle Gewalt, aber auch die Verbreitung von Kinderpornografie. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht.

Anschlag mitten in Lüttich

Statt zum Polizeirevier ging der Täter schwer bewaffnet Richtung Innenstadt. Auf einem zentralen Platz gleich neben dem Weihnachtsmarkt warf er gegen 12.30 Uhr drei Handgranaten in Richtung einer Menschenmenge, die auf der Place Saint-Lambert an einer Bushaltestelle wartete. Zugleich eröffnete er das Feuer - zwei Jugendliche und ein 17 Monate altes Kleinkind kamen ums Leben.

Anschliessend tötete der Mann sich mit einem Schuss in den Kopf, berichtete Staatsanwältin Reynders. Dieser Aspekt ist nach den Worten eines zweiten Staatsanwalts von Lüttich allerdings noch nicht abschliessend geklärt. Möglicherweise sei der Mann beim Zünden der Handgranate gestorben.

Auch die Putzfrau getötet

Bereits vor dem Anschlag erschoss der Mann nach Angaben der Staatsanwaltschaft die 45-jährige Putzfrau eines Nachbarn. Die Polizei fand ihre Leiche in einem Schuppen, den der Mann zum Cannabisanbau nutzte.

Viele Menschen gedachten in Lüttich der Opfer des Amoklaufs. Am Tatort erinnerten Blumen und Kerzen an die Toten. «Lasst uns in Lüttich als Stadt des Friedens leben», war auf einem Zettel zu lesen.

Im Rathaus der Stadt sowie in der Schule, wo zwei Schüler zu den Opfern zählten, wurden Kondolenzbücher aufgelegt. Für Sonntag (18. Dezember) ist ein Trauermarsch durch die Innenstadt geplant. Belgische Behörden und das Parlament der Region Wallonien gedachten mit einer Schweigeminute der Opfer.

Zahlreiche Beileidbekundungen erreichten das Land. Die Regierung kündigte an, ihren Kampf gegen illegale Waffen erheblich zu verstärken und die Überwachung von Rückfalltätern zu verbessern.


In Panik flüchten sich Menschen in Sicherheit. (Quelle: Youtube)

(ap)