Britischer Abhörskandal

04. Juli 2014 12:09; Akt: 04.07.2014 14:40 Print

Andy Coulson muss für 18 Monate in Haft

Andy Coulson, ehemaliger Sprecher von David Cameron und Chefredaktor einer Boulevardzeitung, ist verurteilt worden. Er habe von illegalen Abhörmethoden gewusst und diese geduldet.

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Die britische Boulevardzeitung «News of the World» ist nach einem der grössten Medienskandale in der Geschichte des Vereinigten Königreichs eingestellt worden. Im Folgenden eine Chronologie von Ereignissen im Zusammenhang mit dem Abhörskandal und ihren Auswirkungen. Der Königshausberichterstatter der «News of the World», Clive Goodman, schreibt einen Artikel über eine Knieverletzung von Prinz William. Der Palast schaltet die Polizei ein, die Ermittlungen aufnimmt. Auch Kate Middletons Telefonate wurden mindestens 155-mal abgehört. Die meisten Anrufe der späteren Frau von Prinz William habe er kurz vor seiner Verhaftung im gehackt, sagte Clive Goodman. Goodman (im Bild) wird zusammen mit dem Privatdetektiv Glenn Mulcaire festgenommen, weil er in das Voicemail-System von Palastmitarbeitern eingedrungen sein soll. Goodman wird zu vier Monaten Haft verurteilt, Mulcaire (im Bild) erhält eine sechsmonatige Haftstrafe. Der Redakteur Andy Coulson tritt zurück. Der konservative Oppositionsführer David Cameron bittet Coulson (rechts), sein Medienberater zu werden. Coulson sagt vor einem Parlamentsausschuss aus, er habe niemals Abhöraktionen genehmigt. Die ehemalige Chefredakteurin der «News of the World» und später der Schwesterzeitung «The Sun», Rebekah Brooks, wird Chefin des Verlagshauses News International. Der Parlamentsausschuss findet keine Beweise dafür, dass Coulson von den Abhöraktionen wusste. Die Mitglieder erklärten aber gleichzeitig, es sei unvorstellbar, dass ausser Goodman niemand davon Kenntnis gehabt habe. Cameron wird Premierminister. Coulson wird zum Kommunikationschef der neuen Regierung ernannt. Die britische Polizei nimmt erneut Ermittlungen auf. Coulson legt sein Regierungsamt nieder. «News of the World» bezahlt der Schauspielerin Sienna Miller 113'000 Euro, um Vorwürfe einer Abhöraktion aussergerichtlich beizulegen. Eine weitere aussergerichtliche Einigung folgt, dieses Mal mit ehemaligen Fussballprofi Andy Gray. Die Zeitung «The Guardian» berichtet, die «News of the World» habe das Handy der ermordeten 13-jährigen Milly Dowler angezapft. Brooks sei in dieser Zeit Chefredaktorin gewesen. Diese lehnt einen Rücktritt ab und erklärt, sie habe nichts von derartigen Aktionen gewusst. Anzeigenkunden der «News of the World» boykottieren die Zeitung. News International kündigt die Einstellung der «News of the World» an. Coulson wird vorübergehend festgenommen. Goodman wird erneut verhaftet, dieses Mal wegen Zahlung von Bestechungsgeldern an Polizisten. Cameron kündigt Untersuchungen an. Die «News of the World» erscheint zum letzten Mal. Verleger Rupert Murdoch (im Bild) fliegt wegen der Krise nach London. Der Konzern News Corp. zieht sein Angebot zurück, den Sender Sky News auszugliedern. Dieser Schritt war Voraussetzung für die geplante Übernahme des Fernsehsenders British Broadcasting (BSkyB). Berichte über versuchte Abhöraktionen gegen führende Mitglieder des Königshauses und den früheren Premierminister Gordon Brown tauchen auf. Cameron unterstützt eine Aufforderung der Opposition an Murdoch, den Kauf von BSkyB nicht länger voranzutreiben. News Corp. verzichtet auf eine vollständige Übernahme von BSkyB. Die ehemalige Chefredaktorin Rebekah Brooks trat als Chefin des Verlags News International zurück. Brooks erklärte in einer Mitteilung an die Belegschaft, der Ruf des Unternehmens stehe auf dem Spiel. Die Ex-Chefredaktorin Rebekah Brooks wird festgenommen. Mit ihr ist erstmals eine Top-Managerin des Murdoch-Imperiums in Polizeihaft genommen worden. Der Chef der Londoner Metropolitan Police, Sir Paul Stephenson, tritt zurück. Stephenson war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als bekannt worden war, dass er sich einen Kuraufenthalt teilweise hatte bezahlen lassen. Einen Tag nach dem Rücktritt des Chefs der Londoner Polizei hat auch dessen Stellvertreter auf die Abhör- und Bestechungsaffäre reagiert und den Hut genommen. Der zweithöchste Beamte bei Scotland Yard, John Yates, gab seinen Rücktritt bekannt.

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Im Prozess um die Abhörpraktiken des eingestellten britischen Boulevardblatts «News of the World» ist der frühere Chefredaktor Andy Coulson zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Coulson sei «der Hauptverantwortliche für den Skandal», begründete das zuständige Gericht am Freitag in London das Strafmass.

Coulson war ein enger Vertrauter von Regierungschef David Cameron, weshalb der Prozess um die Praktiken des Boulevardblattes auch politisch hohe Wellen geschlagen hatte.

Im Laufe des Verfahrens kam ans Licht, dass «News of the World» über Jahre mehr als 600 Voice-Mailboxen von Mobiltelefonen teils sehr prominenter Opfer abgehört hatte. Eine Jury hatte Coulson für schuldig befunden, von den illegalen Abhörmethoden nicht nur gewusst, sondern sie auch geduldet zu haben.

Rücktritt als Cameron-Sprecher

Der Abhörskandal hatte in Grossbritannien hohe Wellen geschlagen, im Sommer 2011 wurde «News of the World» eingestellt. Coulson seinerseits musste als Kommunikationschef Camerons zurücktreten. Diesen Posten hatte er nach seiner Chefredaktorszeit angetreten.

Die Nähe zur Regierung gab der Affäre besondere politische Brisanz. Cameron entschuldigte sich inzwischen öffentlich dafür, Coulson eingestellt zu haben. Coulsons ebenfalls angeklagte Vorgängerin auf dem Chefredaktorsposten, Rebekah Brooks, wurde im Prozess von den Richtern von allen Vorwürfen freigesprochen. Auch sie gilt als enge Bekannte von Cameron.

Unter den Abhöropfern waren neben Politikern auch Mitglieder des Hofs und andere Prominente. Für Empörung sorgte vor allem, dass auch Angehörige getöteter Soldaten und Verbrechensopfer abgehört worden waren. Unter diesen war auch eine vermisste britische Schülerin, die im Jahr 2002 schliesslich ermordet aufgefunden wurde.

(sda)