Gespaltenes Nigeria

05. November 2011 14:44; Akt: 06.11.2011 13:04 Print

Anschläge fordern bis zu 90 Tote

Bewaffnete Männer zogen in der nigerianischen Stadt Damaturu durch die Strassen, griffen Polizisten an und sprengten Bankfilialen in die Luft. Zahlreiche Menschen kamen dabei ums Leben. Hinter der Tat steckt die Sekte Boro Haram.

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In Nigeria schlägt die Boko Haram-Sekte immer wieder zu: Am 28. September 2011 patrouilliert ein Polizist in Nigeria. (Bild: Keystone/AP)

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Blutiger Sekten-Terror in Nigeria: Bei einer Serie von Anschlägen auf Kirchen und die Sicherheitsbehörden sind in dem westafrikanischen Land Dutzende Menschen getötet worden. Das nigerianische Rote Kreuz sprach von 65 Toten, ein Vertreter der Rettungsdienste gar von 150.

Bei den Attacken wurden nach Angaben eines Regierungsvertreters ausserdem Hunderte Menschen verletzt. Das Spital in Damaturu sei überfüllt mit Verletzten, sagte er.

Zu den Anschlägen im Bundesstaat Yobe bekannte sich die radikalislamische Sekte Boko Haram. Es wäre ihre bisher blutigste Anschlagserie an einem Tag. Die Sekte, die übersetzt in etwa «westliche Erziehung ist eine Sünde» heisst, verübt seit Jahren immer wieder Anschläge auf Polizeistationen und christliche Kirchen.

Begonnen hatte die Anschlagsserie am Freitag im Bundesstaat Borno. In der dortigen Provinzhauptstadt Maiduguri sprengten Sektenmitglieder einen mit Sprengstoff beladenden Jeep vor dem Gebäude einer Regierungsbehörde in die Luft. Aufgabe der Behörde sei es, den Kampf gegen die Sekte zu koordinieren, berichtete die nigerianische Zeitung «The Nation».

Angst in der Stadt

Später begann dann die 90-minütige Anschlagserie in der Hauptstadt des angrenzenden nordöstlichen Bundesstaates Yobe, Damaturu. Neben Banken und Polizeistationen wurden vor allem katholische Kirchen und ein theologisches Seminar angegriffen.

In dem mehrheitlich christlichen Stadtviertel mit dem Namen Jerusalem wurden mehrere Gebäude zerstört, wie der Bewohner Edwin Silas berichtete. «Die gesamte Stadt ist traumatisiert», sagte er.

Ein katholischer Priester sagte «The Nation», seine Kirche sei niedergebrannt und acht andere Kirchen seien attackiert worden. Banden junger Männer seien durch die Strassen gezogen und hätten Brandbomben in die Kirchen geworfen.

Während den Anschlägen gab es auch längere Schusswechsel, zahlreiche Bewohner hätten fluchtartig die betroffenen Viertel verlassen. Auch am Sonntag herrschte unter den Bewohnern immer noch Angst. Viele Menschen fürchteten, dass Boko Haram noch einmal zuschlagen könnte.

Präsident Goodluck Jonathan verurteilte die Anschläge. Er habe die Festnahme der Attentäter «dieser abscheulichen Taten» angeordnet, sagte sein Sprecher Reuben Abati.

Immer wieder Bomben

Nigeria ist zwischen dem mehrheitlich muslimischen Norden und dem überwiegend von Christen besiedelten Süden gespalten. Zwischen den Religionsgruppen bestehen seit langem Spannungen, die immer wieder in Gewalt münden. Ein 2009 von Boko Haram in Maiduguri initiierter Aufstand wurde von der Armee blutig niedergeschlagen.

Seit Monaten hatten Mitglieder der Sekte immer wieder Bomben in Kneipen geworfen, die sie als Ort der Sünde ablehnen. Im August waren bei einem Selbstmordanschlag auf die UNO-Gebäude in der Hauptstadt Abuja mehr als 20 Menschen ums Leben gekommen. Auch in diesem Fall wurde die Boko Haram als Drahtzieher vermutet.

Die Sekte lehnt jeden westlichen Lebensstil ab und strebt die Errichtung eines islamischen Staates im Norden des westafrikanischen Landes an. Unter anderem ist sie strikt gegen Alkoholgenuss. Die 2002 gegründete Gruppe bezeichnet sich selbst auch als «nigerianische Taliban».

(sda)