Golf-Katastrophe

15. Juni 2010 22:05; Akt: 15.06.2010 23:56 Print

Arbeiter warnte vor «Ölquelle des Alptraums»

Nicht nur BP, auch die vier anderen führenden Ölkonzerne haben sich im Zuge der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko im US-Kongress massive Vorwürfe anhören müssen.

storybild

Von links: Rex Tillerson von ExxonMobil, John Watson von Chevron, James Mulva von ConocoPhillips, Marvin Odum von Shell und Lamar McKay von BP. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Keine der fünf vorgeladenen Firmen verfüge über angemessene Pläne zur Bewältigung eines Vorfalls, wie er sich nach der Explosion der BP-Plattform vor gut zwei Monaten ereignete, sagte der Abgeordnete Henry Waxman.

Die Unternehmen wiesen lediglich «Massnahmen von der Stange» vor, von denen sich einige bereits als nutzlos erwiesen hätten, warf der Demokrat den Spitzenmanagern von BP, Exxon, Chevron, ConocoPhillips und Royal Dutch Shell vor.

Die Notfall-Pläne aller Konzerne seien «praktisch wertlos, wenn sich tatsächlich eine Ölpest ereignet», kritisierte auch der Abgeordnete Bart Stupak.

Viel PR, wenig Umweltschutz

Er hob insbesondere Exxon Mobil hervor. Der Konzern verfüge über eine 40-seitige Medienstrategie, die fünf Mal länger sei als sein Plan zum Schutz der Umwelt. Exxon Mobil mache sich offenbar mehr Sorgen um die öffentliche Wahrnehmung als um die Natur, sagte Stupak.

Exxon-Chef Rex Tillerson sagte, dass es den Unternehmen vorwiegend darum gehe, Ölkatastrophen zu vermeiden. Wenn sie sich dann doch ereigneten, «sind wir nicht sehr gut aufgestellt, um damit umzugehen», räumte er ein.

Tillerson warf BP vor den Abgeordneten Versäumnisse vor. «Dieser Vorfall stellt eine dramatische Abkehr von den Branchen-Normen bei der Tiefseebohrung dar», sagte er.

Die vorgeladenen Manager hörten sich regungslos die Vorwürfe der Mitglieder des Unterausschusses im Repräsentantenhaus an, vor dem sie Rede und Antwort zu Fragen der Sicherheit der Ölförderung auf offener See stehen sollen. Deren Erkenntnissen zufolge seien BP die Probleme mit der «Deepwater Horizon» lange vor der Katastrophe bekannt gewesen. Mehr als eine Woche vor der Explosion habe ein Mitarbeiter in einer E- Mail von einer «Ölquelle des Alptraums» gesprochen.

Tote Experten und ausgestorbene Walrösser

Kritik kam unter anderem vom demokratischen Abgeordneten Ed Markey. Die Untersuchung der Notfallpläne habe ergeben, dass diese veraltet und teilweise unbrauchbar seien. In zwei der untersuchten Plänen sei die Telefonnummer eines «seit langem verstorbenen Experten» angeführt, kritisierte Markey.

BP und drei weitere Konzerne erwähnten in den Dokumenten des weiteren den Schutz von Walrössern, «die seit drei Millionen Jahren nicht mehr im Golf von Mexiko beheimatet sind».

Industrie unter Druck

Die Anhörung könnte erheblich Einfluss darauf haben, wie künftig mit Offshore-Bohrungen verfahren wird. Im Gespräch sind höhere Strafen und verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Betroffen ist somit nicht nur BP, sondern die gesamte Branche.

Die Ratingagentur Moody's hatte am Montag erklärt, die schlimmste Ölpest in der US-Geschichte werde zu einer noch nie dagewesenen Krise bei Firmen führen, die im Golf von Mexico tätig sind. Auch internationale Auswirkungen sind denkbar, da andere Länder geplante strengere US-Vorschriften womöglich übernehmen.

Bereits jetzt hat die amerikanische Regierung wegen der Katastrophe Tiefseebohrungen im Golf für sechs Monate untersagt. All das könnte zum Rückzug von Firmen aus dem ölreichen Gebiet führen.

Obama überzeugt Amerikaner nicht

Doch nicht nur die Ölkonzerne, auch Politiker geraten wegen des immer schlimmer werdenen Desasters zunehmend unter Druck - allen voran Präsident Barack Obama. Eine Mehrheit der Amerikaner ist laut Umfragen der Ansicht, dass er sich nicht ausreichend genug eingebracht hat, um der Katastrophe Herr zu werden.

Beobachter gingen davon aus, dass Obama seine mit Spannung erwartete Rede zur Nation in der Nacht zum Mittwoch dazu nutzen würde, auf solche Vorwürfe zu reagieren.

(sda/ap)