13. April 2005 18:40; Akt: 13.04.2005 18:42 Print

Armenien-Massaker: Türkei fordert Offenheit im Streit

Die Türkei hat 90 Jahre nach dem Beginn der blutigen Vertreibung der Armenier im Ersten Weltkrieg an die Parlamente anderer Länder appelliert, von einer Wertung der Gräueltaten als Völkermord Abstand zu nehmen.

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«Alle diese Anträge verletzen uns und führen in der türkischen Öffentlichkeit dazu, die Absichten von verbündeten Ländern mit Fragezeichen zu versehen», sagte der türkische Aussenminister Abdullah Gül am Mittwoch in einer Parlamentsdebatte zur Armenien- Frage in Ankara.

Derartige Initiativen leisteten zudem «keinerlei positiven Beitrag» zur Zukunft der türkisch-armenischen Beziehungen. Gül bezog sich dabei auch auf den Antrag der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag, den diese zum 90. Jahrestag am 24. April eingebracht hat.

Gül: Parlamente ungeeignet

Parlamente seien als Einrichtungen ungeeignet, ein Urteil über geschichtliche Ereignisse zu fällen, sagte Gül. «Die Geschichte können nur Historiker beurteilen.»

In dem Antrag der CDU/CSU-Fraktion vom 22. Februar heisst es, am 24. April 1915 «wurde auf Befehl der das Osmanische Reich lenkenden jungtürkischen Bewegung die armenische politische und kulturelle Elite Istanbuls verhaftet und ins Landesinnere verschleppt, wo deren grösster Teil ermordet wurde».

Den Deportationen seien 1,2 bis 1,5 Millionen Armenier zum Opfer gefallen. Die Republik Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs bestreite bis heute, dass diese Vorgänge geplant und die verübten Massaker gewollt gewesen seien.

«Diese ablehnende Haltung steht im Widerspruch zu der Idee der Versöhnung, die die Wertegemeinschaft der Europäischen Union leitet, deren Mitgliedschaft die Türkei anstrebt.» Der Antrag hatte in Ankara grosse Verärgerung ausgelöst.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan plädierte für mehr Offenheit im Streit um die Massaker an den Armeniern. «Wer die Geschichte mit Vorurteilen betrachtet, den können wir nicht ernst nehmen», sagte Erdogan vor der Parlamentsdebatte.

Erdogan: Nichts zu vertuschen

In der Geschichte der Türkei gebe es kein Kapitel, «dessen wir uns schämen, das wir verdrängen, vergessen oder vertuschen müssten», meinte Erdogan. «Wir haben keinerlei Komplexe gegenüber unserer Geschichte.» Niemand habe die Macht, «die Geschichte der Türkei mit Lügen zu füllen».

Erdogan bekräftigte, dass die türkischen Aufzeichnungen allen zur Verfügung stünden, die «nach der Wahrheit in der Geschichte suchen». Bereits früher hatte Erdogan für die Bildung von internationalen Historiker-Kommissionen plädiert. Sobald die Ergebnisse dieser Arbeiten vorlägen, sei die Türkei «bereit, die Schritte zu tun, die dann geboten sind».

(sda)