Frankreich

17. Mai 2019 18:18; Akt: 17.05.2019 18:18 Print

Arzt vergiftete Patienten, um ein «Held» zu sein

In einem Spital in Besançon erlitten 24 Patienten während der OP einen Herzstillstand. Dahinter könnte ein Anästhesist stecken, der sich als Held aufspielen wollte.

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In Frankreich sorgt der Fall eines Anästhesisten für Empörung, der einige seiner Patienten «vergiftet» haben soll, um sie anschliessend wiederzubeleben und so von seinen Kollegen als «Held» wahrgenommen zu werden. In neun Fällen ging der Plan des Arztes jedoch schief, und die Menschen starben.

Am Donnerstag erschien der 47-jährige Frédéric Péchier vor einem Gericht in Frankreich. Dort schilderte Staatsanwalt Etienne Manteaux, wie der Anästhesist in zwei Kliniken in Besançon im Osten des Landes insgesamt 24 Patienten vergiftet habe.

Die Fälle gehen auf die Jahre 2008 bis 2016 zurück. Kürzlich waren 17 neue Verdachtsfälle bekannt geworden. Gegen Péchier wird seit 2017 ermittelt. Er sei der einzige «gemeinsame Nenner» bei all den mutmasslichen Vergiftungen, sagte Staatsanwalt Manteaux.

Jüngstes Opfer war vier Jahre alt

Betroffen waren Patienten im Alter von vier bis 80 Jahren, die wegen «harmloser» chirurgischer Eingriffe im OP waren. Die meisten von ihnen erlitten während der Operation einen Herzstillstand. Sieben starben, andere lagen tagelang im Koma. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Arzt ein Lokalanästhetikum oder schädliches Kalium in die Beutel für die Flüssigkeitszufuhr füllte.

Im Februar 2016 erlitt der vierjährige Teddy während einer Mandeloperation zwei Herzstillstände. Der Junge überlebte den Eingriff, trug aber nach Angaben seiner Eltern geistige Schäden davon. Die Familie sei «überzeugt, dass ihr Kind vergiftet wurde», sagte ihr Anwalt Jean-Michel Vernier zu «Le Parisien».

Zwei Jahre ermittelt - «nichts» herausgekommen

Trotz schwerer Vorwürfe liess der Haftrichter Péchier am Freitagmorgen unter Auflagen wieder frei. Der Arzt bestreitet die Taten, und auch sein Anwalt Jean-Yves Le Borgne wies vor Gericht die Vorwürfe gegen seinen Mandanten zurück. Es bestehe zwar die Möglichkeit, dass der Arzt für die Todesfälle verantwortlich sei, sagte er. Es handele sich bisher aber nur um eine Hypothese. Bei den zweijährigen Ermittlungen sei «nichts» herausgekommen.

Der Opferanwalt Jean-Michel Vernier reagierte empört auf Péchiers Freilassung. Die betroffenen Familien seien «wütend» und «sprachlos» darüber. Die Staatsanwaltschaft will dagegen Rechtsmittel einlegen.

Péchier darf die Stadt Besançon nicht betreten

Kommt es zu einem Prozess, droht dem Arzt lebenslange Haft. Die Berufsausübung ist ihm bereits verboten. Zudem hat er die Auflage, der Stadt Besançon fernzubleiben.

Der Fall erinnert an die beispiellose Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel, der im niedersächsischen Oldenburg vor Gericht steht. Der heute 42-Jährige muss sich wegen der Tötung von 100 Intensivpatienten verantworten. Er soll ihnen Medikamente verabreicht haben, um lebensbedrohliche Herz- und Kreislaufprobleme auszulösen und sie dann wiederzubeleben. Viele kamen dabei ums Leben.

(kle)