Trotz Freispruch

17. April 2019 11:59; Akt: 18.04.2019 15:25 Print

Asia Bibis Familie lebt in Todesangst

Als erste Frau wurde Asia Bibi wegen Gotteslästerung in Pakistan zum Tode verurteilt. Kürzlich wurde sie freigesprochen. Ihre Familie muss sich weiterhin verstecken.

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Acht Jahre verbüsste die Christin Asia Bibi wegen Gotteslästerung in der Todeszelle. Am 31. Oktober 2018 wurde sie vom Obersten Gericht in Islamabad freigesprochen. Bald kann sie mit ihrer Familie nach Kanada ausreisen. Deutlich schlechter geht es ihrer Familie. Nach der Verhaftung mussten sie untertauchen. Seither verstecken sich der Vater und der schwer kranke ältere Bruder (Bild) von Asia Bibi in einem Dörfchen rund zwei Fahrstunden von der Grossstadt Lahore entfernt. Der Investigativjournalist und Pakistan-Experte Shams Ul Haq hat die Familie aufgespürt und ihre Geschichte aufgeschrieben. Seit der Verhaftung von Asia Bibi lebt der betagte Vater mit seinem kranken Sohn im Versteckten. Er bedauert, dass nur seiner Tochter geholfen wurde, während es ihnen an allem fehle. Der Vater erzählt, dass eines Tages der Imam des Dorfes in Polizeibegleitung bei der Familie aufgetaucht sei und Asia Bibi mitgenommen habe. Seine Tochter habe Tage davor mit einigen Freundinnen eine religöse Auseinandersetzung geführt. «Sie haben meine Tochter einfach mitgenommen. Darauf habe ich meine Kinder genommen und bin aus meinem Heimatdorf hierhergeflüchtet, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekam. Seitdem leben wir hier. Versteckt und in ständiger Angst vor einer Verhaftung.» Die Angst der Familie ist nicht unbegründet: Nach dem Freispruch protestierten radikale Muslime tagelang gewalttätig gegen die Gerichtsentscheidung. Blasphemie ist im streng konservativ-islamischen Pakistan ein Verbrechen. Wegen Gotteslästerung verbüssen derzeit nach Schätzungen eines US-Ausschusses zur Religionsfreiheit rund 40 Menschen lebenslängliche Gefängnisstrafen oder warten auf ihre Hinrichtung. Hier fordern Demonstranten, dass das Todesurteil an der fünffachen Mutter vollzogen werden soll. «Wir sind nirgendwo sicher», sagte Asia Bibis Ehemann Ashiq Masih (r.) zur Deutschen Welle. Das Bild zeigt ihn mit zwei der gemeinsamen Kinder. Ashiq Masih, der Ehemann von Asia Bibi, bat die USA, Grossbritannien und Kanada darum, seiner Frau und der Familie zur Ausreise aus Pakistan zu verhelfen. Kanada gewährte ihnen schliesslich Asyl. Die Ausreise der Familie steht kurz bevor.

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Noch befindet sich Asia Bibi mit ihrem Mann in Polizeigewahrsam in Pakistan. Doch bald darf sie nach Kanada ausreisen, wo ihre Töchter bereits leben. Nach der Aufhebung des Todesurteils kann die 51-Jährige in der Ferne ein neues Leben beginnen.

Nicht so ihre ebenfalls katholische Familie: Trotz des Freispruchs leben ihr Vater und ihr schwerkranker Bruder in Todesangst vor radikalen Muslimen in einem Versteck in der pakistanischen Provinz. Der deutsche Investigativjournalist Shams Ul Haq hat sie aufgespürt und ihre Geschichte aufgeschrieben.

Ein Leben im Geheimen

«Die Fahrt ins Nirgendwo dauert etwa zwei Stunden. Zwei Kontaktpersonen fahren mit mir von Lahore aus durch kleine Dörfer in eine Siedlung, in der höchstens 100 Personen leben. Kleine Häuser, aus Erde gemauert und mit Lehm verputzt, reihen sich aneinander. Hier versteckt sich Asia Bibis Familie.

Seit die Familie aus dem Heimatdorf fliehen musste, lebt sie hier. Der Vater und der älteste, schwer kranke Bruder teilen sich ein kleines Zimmer. Im Raum nichts weiter als zwei Betten. Es gibt noch zwei weitere Brüder. Der eine arbeitet als Busfahrer und schläft auf seiner Arbeitsstelle, der andere ist für das Dorfoberhaupt als Maurer tätig und ständig unterwegs. Asia Bibis fünf Schwestern sind verheiratet und leben mit ihren Ehemännern in der Umgebung der Hauptstadt. Auch sie verstecken sich. Nicht einmal ihr Vater kennt ihre Adressen.

Ein Streit mit ungeahnten Folgen

Mit ruhigen Worten berichtet der alte Mann über den Tag der Verhaftung. Er erzählt, dass Asia Bibi mit zwei muslimischen Dorfmädchen gut befreundet war. Die drei Freundinnen hätten zusammen Obst gepflückt. Als Asia Bibi nach Hause kam, sagte sie, sie hätten sich über Religionen gestritten und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht.

«Sie haben meine Tochter einfach mitgenommen.»

Fünf Tage danach sei der Imam des Dorfes bei der Familie vorbeigekommen, begleitet von einigen Polizisten. Die Beamten hätten Asia Bibi mitgenommen. ‹Wir hatten keine Möglichkeit, unsere Version der Geschichte vorzutragen. Niemand interessierte sich dafür, sie haben meine Tochter einfach mitgenommen.›

‹Widerstand ist zwecklos›

Er sei zu alt und zu schwach, um sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren. ‹Ich habe schnell begriffen, dass das eine Nummer zu gross wird für uns. Dass Widerstand zwecklos ist. Meine Söhne wollten sich noch gegen die Verhaftung wehren, haben herumgeschrien und wollten um ihre Schwester kämpfen. Aber ich habe sie gewarnt, sie seien zu schwach, um sich gegen die Polizei und die Politiker zu wehren. Ich habe meine Kinder genommen und bin aus meinem Heimatdorf hierhergeflüchtet, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekam. Seitdem leben wir hier. Versteckt und in ständiger Angst vor einer Verhaftung.›

«Als sie Asia wegbrachten, weinte meine Frau nur noch. Sie starb bald darauf. Vor Kummer.»

Asia Bibis Mutter habe die Verhaftung schwer getroffen: ‹Meine Frau war damals schon krank, konnte kaum mehr sehen und war körperlich stark eingeschränkt, da sie vor vielen Jahren einen Arm verlor. Als sie Asia wegbrachten, weinte sie nur noch. Sie starb bald darauf. Vor Kummer.›

Die Familie erhält keine Hilfe

Asia Bibis jüngster Bruder ist überzeugt, dass einige Muslime im Dorf grundsätzlich etwas gegen sie hatten. Der Streit mit den beiden Freundinnen hätte das Fass bloss zum Überlaufen gebracht.

‹Wir müssen weiter in Angst leben, nur Asia Bibi hat die Möglichkeit, von hier wegzugehen. Wir sind sehr unglücklich, aber was sollen wir machen? Wir wissen nicht weiter›, sagt der Bruder. Auch Asia Bibis Vater bedauert, dass sich alle Organisationen um seine Tochter gekümmert haben, aber weder Pakistan noch Europa noch die Kirche oder Hilfsorganisationen sich für seine Familie interessieren.»

Shams Ul Haq ist ein deutscher Investigativjournalist und Pakistan-Experte.

(zos)