Nord- und Südkorea

20. August 2018 16:16; Akt: 20.08.2018 19:01 Print

Auf diese Umarmung warteten sie 65 Jahre lang

Sie sah ihren Sang Chol das letzte Mal, da war er vier Jahre alt. Heute ist er 71. Erst jetzt kann Lee Keum Seom ihren Sohn in die Arme schliessen.

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Insgesamt treffen im nordkoreanischen Diamanten-Gebirge in einem Ferienhotel von Montag bis Mittwoch 89 südkoreanische Senioren auf rund 180 nordkoreanische Verwandte. Die meisten sind weit über 80 Jahre alt, ausgewählt wurden sie aus 57'000 Bewerbern per Zufallslotterie. Dabei ist auch der Baek Seong Gyu, mit 101 Jahren der älteste Teilnehmer. Die 92-jährige Südkoreanerin Lee Keum Seon und ihr mittlerweile 71-jähriger Sohn, den sie zuletzt als Kleinkind gesehen hat. «Ich habe dafür gebetet, dass er gesund bleibt und alt wird, damit ich ihn noch einmal sehen kann.» Der Südkoreaner Kim Choon-shik (80) weint beim Treffen mit seiner Schwester Choon Sil (77) aus Nordkorea. Die Südkoreanerin Han Shin-Ja, (99, r.), trifft ihre beiden Töchter Kim Kyung-Sil (72) und Kim Kyung-Young (71). Tränen auch bei Ri Kang Sun (l.). Auch er hat seinen 91-jährigen Vater seit Jahrzehnten nicht gesehen. Für seine Enkeltochter hat der 101 Jahre alte Baek Seong Gyuer eine ganze Reihe an Geschenken in seinem Gepäck, darunter 30 Paar Schuhe und 20 Besteck-Sets aus Edelstahl: «Es ist sicher das letzte Mal, dass wir uns sehen können. Deshalb habe ich viel mitgebracht», sagte er sichtlich gerührt. Die Südkoranerin Cho Hye-do (86) trifft ihre Schwester Cho Sun Do (89). Ham Sung-chan (93, r.) umarmt Ham Dong Chan (79), seinen Bruder aus Nordkorea. In dem riesigen Hotelsaal sitzen die Menschen an durchnummerierten Tischen. Viel Zeit für Geselligkeit gibt es allerdings nicht. Bis Mittwoch können sie rund elf Stunden mit ihren Verwandten verbringen, bevor sie zurück in die Heimat müssen. Die getrennten Familien haben de facto keine Möglichkeiten zum Kontakt. Es gibt weder eine direkte Flug- noch Landstrecke zwischen den zwei Koreas, keine zivilen Telefon- oder Postverbindungen. Pjöngjang schottet seine Bürger strikt von Informationen über die Aussenwelt ab und verweigert einem Grossteil seiner Bevölkerung den Zugang zum Internet. Doch auch in Südkorea muss jeder Kontakt zu Nordkorea zuvor von der eigenen Regierung genehmigt werden. Insgesamt gab es seit der Jahrtausendwende 20 Familienzusammenführungen mit rund 23'500 Teilnehmern. Zuletzt fanden sie im Jahr 2015 statt, danach hatten sich die Beziehungen durch nordkoreanische Atom- und Raketentests wieder verschlechtert.

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Nach mehr als sechs Jahrzehnten haben sich durch den Krieg getrennte Familienmitglieder aus Nord- und Südkorea erstmals wiedergesehen. Das dreitägige Treffen begann am Montag in der nordkoreanischen Tourismusregion am Berg Kumgang.

Lee Keum Seom (92) ist eines der Mitglieder der 89 glücklichen südkoreanischen Familien, die aus 57'000 Anmeldungen ausgewählt worden waren. 65 Jahre wartete sie auf diesen Moment: ihren Sohn Sang Chol umarmen zu können.

«Gebetet, dass er gesund bleibt»

Die 92-Jährige sagte, sie habe nicht damit gerechnet, dass sie diesen Tag erleben werde. «Ich habe nicht einmal gewusst, ob er noch lebt oder nicht», fügte die kleine, zerbrechlich wirkende Frau hinzu. «Ich habe dafür gebetet, dass er gesund bleibt und alt wird, damit ich ihn noch einmal sehen kann.»

Als sie und ihre Tochter – damals ein Baby – aus Nordkorea flohen, war ihr Sohn vier Jahre alt. Heute ist er ein alter Mann von 71 Jahren. Tränen flossen, zunächst gab es kaum Worte. Mit feuchten Augen ergriff sie Sang Chols Hand und fragte: «Wie viele Kinder hast du?». Später zeigte er seiner Mutter das Foto seines mittlerweile verstorbenen Vaters, bei dem er geblieben war. Während des ganzen Treffens liessen sich die beiden nicht los, hielten sich stets an den Händen.

101-Jähriger trifft Enkelin

Der älteste Teilnehmer der diesjährigen Fahrt nach Nordkorea, Baik Sung Kyu, ist 101 Jahre alt. Für das Treffen mit seiner Schwiegertochter und seiner Enkeltochter hat er Kleidung, Unterwäsche, 30 Paar Schuhe, Zahnbürsten und Zahnpasta als Geschenke eingepackt. «Ich habe auch 20 rostfreie Löffel mitgebracht. Ich habe alles gekauft, denn das ist mein letztes Mal», sagte er.

Durch den Koreakrieg (1950 bis 1953) waren Millionen Menschen getrennt worden. Viele engste Angehörige haben sich seither nicht mehr gesehen.

Nun wird die Zeit für viele der Betroffenen allmählich knapp. Die meisten derjenigen, die noch immer auf ein Wiedersehen mit ihren Verwandten aus dem Norden hoffen, sind inzwischen über 80 Jahre alt.

Nur drei Stunden alleine

Die Teilnehmer des dreitägigen Treffens werden nur etwa elf Stunden miteinander verbringen – meist unter den wachsamen Augen ihrer nordkoreanischen «Betreuer». Für das private Zusammensein stehen nur drei Stunden zur Verfügung.

Insgesamt gab es seit der Jahrtausendwende 20 Familienzusammenführungen mit rund 23'500 Teilnehmern. Zuletzt fanden sie im Jahr 2015 statt, danach hatten sich die Beziehungen durch nordkoreanische Atom- und Raketentests wieder verschlechtert.

Kontaktaufnahme ist unmöglich

Nord- und Südkorea hatten zu Jahresbeginn einen Kurs der Annäherung gestartet. Beide Seiten vereinbarten unter anderem, wieder häufiger Familientreffen zu veranstalten.

Die getrennten Familien haben de facto keine Möglichkeiten zum Kontakt. Es gibt weder eine direkte Flug- noch Landstrecke zwischen den zwei Koreas, keine zivilen Telefon- oder Postverbindungen.

Pjöngjang schottet seine Bürger strikt von Informationen über die Aussenwelt ab und verweigert einem Grossteil seiner Bevölkerung den Zugang zum Internet. Doch auch in Südkorea muss jeder Kontakt zu Nordkorea zuvor von der eigenen Regierung genehmigt werden.

Vorangehende Gipfeltreffen

Im April hatten der südkoreanische Präsident Moon Jae In und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un ihr erstes Gipfeltreffen im Grenzort Panmunjom in der entmilitarisierten Zone abgehalten. Im Mai waren die beiden Staatsoberhäupter überraschend ein weiteres Mal in Panmunjom zusammengetroffen.

Damit bahnten sie auch den Weg für den Gipfel zwischen Kim und US-Präsident Donald Trump im Juni in Singapur. Bei dieser Gelegenheit sagte Kim eine Denuklearisierung seines Landes zu. Die Umsetzung dieser Ankündigung ist allerdings offen. Trump kündigte an, an den strengen Sanktionen werde festgehalten, um Druck auf Pjöngjang auszuüben.

(gux/sda/afp)