DDR anno 1972

22. Mai 2013 14:56; Akt: 22.05.2013 15:30 Print

Aus dem ersten Leben der Angela M.

Gestatten: Angela Kasner, 17 Jahre alt, Elftklässlerin einer Oberschule in Brandenburg: Das Mädel vom DDR-Zivilschutz ist heute die mächtigste Frau der Welt. In England weckt das Foto Fantasien.

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(Bild: Sonja Felssberg)

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Wir schreiben das Jahr 1972 in der DDR. Die Erweiterte Oberschule Hermann Matern, die nach einem KPD-Genossen benannt ist, probt den Ernstfall. Allerdings bloss den zivilen: Unter den Augen eines Ex-NVA-Offiziers mussten die Schüler an einem Lager für Zivilverteidigung teilnehmen.

Neben dem Leiter ist eine junge Frau mit «Schiffli» auf dem Kopf zu sehen: Die 17-Jährige, die an dieser Pflichtveranstaltung teilnimmt, heisst Angela Kasner – heute besser bekannt unter dem Nachnamen Merkel. «Unsere Zivilverteidigungs-Ausbildung fand in unserer Schule statt», erinnert sich Merkels Mitschülerin Sonja Felssberg, die das Foto knipste, in der «Bild». «Wir schliefen zu zehnt auf einem Zimmer in Doppelstockbetten.»

«Das erste Leben der Angela M.»

Gar nicht im Bilde ist dagegen die «Daily Mail»: Sie tituliert die heute 58-Jährige als «rote Fuss-Soldatin», die neben einem ostdeutschen Offizier marschiere. Der Schnappschuss von damals sei der Kanzlerin heute peinlich, spekuliert das Blatt: Merkel sei wegen der Veröffentlichung «not amused», wird das Umfeld der CDU-Frau zitiert. Das Foto zeige, dass sie am Geschehen «glücklich teilnimmt».

Die Erinnerung kommt zur Unzeit, informiert die «Daily Mail» ihre Leser. Sie kommt hervor, als sich Merkel «gezwungen sieht, ein Buch herunterzuspielen, das ihr eine kommunistische Vergangenheit unterstellt». Das Blatt spielt auf eine kürzlich erschienene Biographie «Das erste Leben der Angela M.» an, das die Axel-Springer-Journalisten Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann geschrieben haben.

Ewig lockt die böse Fratze des Kommunismus

In Anlehnung an eine ZDF-Sendung schrieb der «Spiegel» über das vermeintliche Enthüllungsbuch: «Bei der Spurensuche im DDR-Leben der Kanzlerin sind die Fakten eher dünn.» Insbesondere die Bezeichnung Merkels als Funktionärin oder Marketing-Expertin in Sachen Sozialismus sei falsch. «Der in DDR-Dingen uninformierte Leser muss glauben, die heutige CDU-Chefin sei hauptamtliche Propagandistin gewesen und habe von früh bis spät das ‹Lob des Kommunismus› gesungen. Dabei hatte sie lediglich ein ‹Ehrenamt› inne.»

«Aktenzeichen Angela M. ungelöst», lautet der Titel der «Spiegel»-Geschichte. «Deutsche Kanzlerin wegen Kommunisten-Beziehungen unter Feuer», lodert die «Daily Mail». Leser fahren am besten, wenn Sie sich nach einem Blick auf das Foto selbst ein Bild machen.

(phi)