Leben im Isis-Kalifat

18. Juli 2014 22:22; Akt: 18.07.2014 22:22 Print

Bärte, Prohibition und gute Löhne

Isis-Extremisten etablieren im Irak und Syrien ihre Herrschaft: Mit strengen Gesetzen, eigener Presse und dem Verbot von Suchtstoffen. Doch: Kann Isis ihr Kalifat aufrechterhalten?

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Die Terrorgruppe IS (vormals Isis) rief im Juni ein Kalifat auf Gebieten von Syrien und dem Irak aus. IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi erklärte sich zum Kalifen des Reiches. Er nennt sich jetzt «Kalif Ibrahim».

Wie lebt es sich innerhalb al-Bagdadis Kalifat? Gibt es dort so etwas wie einen Staatsapparat – und kann die Terrororganisation IS ihre Herrschaft über längere Zeit aufrechterhalten?

Propaganda und Prohibition

Nebst dem Verteilen von Kalifatspässen, hat IS auch eine Zeitung herausgebracht: «Diabiq» erscheint gedruckt und online und ist in Arabisch und Englisch erhältlich, zitiert «Al Arabyia» die arabisch-sprachige, London-basierte Zeitung «Rai al-Youm».

Suchtmittel gibt es im Kalifat aus religiösen Gründen keine. IS begann unlängst damit, Zigaretten und Shisha-Tabak in der irakischen Millionenstadt Mosul zu vernichten. Twitter-Fotos zeigen, wie IS-Extremisten Zigaretten auf Transporter laden und verbrennen.

Gute Löhne

Im Kalifat herrscht islamisches Recht, und die Scharia-Regeln werden strikt umgesetzt: Männer müssen Bart tragen – auf eine bestimmte Länge getrimmt. Frauen müssen sich komplett verschleiern und sollen das Haus nicht verlassen. Drogen, Alkohol und Zigaretten sind verboten, Diebstahl wird mit Amputation von Körperteilen bestraft, Muslime müssen an Gruppengebeten teilnehmen und ein Abfall vom islamischen Glauben wird mit dem Tod bestraft, so die «Washington Post».

Um das Kalifat regieren zu können, hat IS Strassensperren aufgehoben, Stromleitungen repariert und Gemeindemitarbeiter bezahlt. Unter dem selbsternannten Kalifen Ibrahim beschäftigt IS etwa 1000 Mitarbeiter. Sie verdienen zwischen umgerechnet etwa 300 und 2000 Franken pro Monat. Das ist viel, im Vergleich zu den etwa 400 Franken monatlich, die der irakische Staat seinen Angestellten im Vorjahr zahlte, schreibt «al Arabyia».

Kann IS das selbsternannte Kalifat aufrechterhalten?

«Es ist unwahrscheinlich, dass IS genügend Ressourcen hat, um auf demselben Niveau länger zu funktionieren. In der von IS kontrollierte Region leben etwa 6 Millionen Menschen», sagt Charles Ries, Ex-US-Botschafter in Bagdad und Vizepräsident des Rand Corp Think Tank, dem amerikanische Nachrichtensender «CNBC».

Momentan verdienen die IS-Terroristen Geld mit dem Verkauf von Erdöl, dem Überfall von Banken, Entführungen und dem illegalen Erheben von Zöllen bei Lastwagen, die Kalifats-Grenzen überqueren. Erträge aus Banküberfällen seien allerdings wesentlich geringer gewesen, als bisher angenommen, so «CNBC».

«Bürgerkrieg im Bürgerkrieg»

David Ottaway vom Woodrow Wilson Center sagt gegenüber «Al Arabiya»: «Sie verbrauchen viel mehr Geld, als sie momentan haben.» Um sich weiter finanzieren zu können, dürften die IS-Terroristen weitere Ölfelder im Irak einnehmen, fügt Ottaway hinzu.

Der IS-Herrschaft ebenfalls wenig zuträglich: Die sunnitische Extremistengruppe überwirft sich gemäss Ottaway mit anderen sunnitischen Gruppierungen an den Grenzen ihres Kalifats. Daraus entstünde eine Art «Bürgerkrieg im Bürgerkrieg».

«Spott der muslimischen Medien»

Das Weiterbestehen des Kalifats hinge von der Akzeptanz durch die muslimische Welt ab, sagt David Mack, früherer US-Botschafter in den Arabischen Emiraten, zu «Al Arabyia». Er sagt: «IS fängt sich bereits den Spott der muslimischen Medien ein. Die Al Kaida lehnt IS ab, ebenso wie die Muslimbrüder und die Regierungen Saudi Arabiens, des Irans, der Türkei und Syrien.»

(cfr)