Argentinisches «Wunder»

23. Dezember 2011 10:10; Akt: 23.12.2011 10:36 Print

Bankrott überlebt – doch die Angst bleibt

von Camilla Landbø, Buenos Aires - Begleitet von wütenden Protesten ging Argentinien vor zehn Jahren bankrott. Heute scheint es dem Land wieder gut zu gehen. Als Vorbild für Griechenland taugt es aber nicht.

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Eine Fotoausstellung auf der Plaza de Mayo vor dem Regierungspalast erinnert an die Ereignisse vor zehn Jahren. (Bild: Camilla Landbø)

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Die Plaza de Mayo in Buenos Aires ist ein Ort der Ruhe und Hektik zugleich. Auf den Grünflächen sitzen Menschen, geniessen die Sonne, füttern die Tauben. Andere bewegen sich eilig auf den asphaltierten Wegen, um ins geschäftige Microcentro einzubiegen, wo sich Büros, Banken und zahlreiche Läden finden. Nichts erinnert mehr an die Geschehnisse vor zehn Jahren – wären da nicht die grossflächigen Fotos, die an den Absperrgittern um den Regierungssitz Casa Rosada aufgehängt sind. Sie zeigen gewaltsame Szenen, die sich im Jahr 2001 kurz vor Weihnachten abgespielt hatten. Bewegende Bilder.

Demonstranten, die Steine werfen und Abfalleimer in Brand setzen. Polizisten auf Pferden, die das tobende Volk vor der Casa Rosada auseinanderzudrängen versuchen. Die Männer in Uniform schlagen mit Stöcken auf Alt und Jung ein, setzen Tränengas und Wasserwerfer ein. Die Menge ruft ihren Politikern zu: «Que se vayan todos!» – haut alle ab! Vom Handwerker über die Hausfrau bis zum Geschäftsmann, alle sind unbeschreiblich wütend auf die Regierung, die ihr Land in den Ruin manövriert hat. Sie klopfen aus Protest auf Kochtöpfe – das Trommeln zieht sich wie ein Donnern durch die Städte des Landes. Präsident Fernando de la Rúa tritt zurück und flieht im Helikopter vom Dach des Regierungspalasts. Am 23. Dezember erklärt das südamerikanische Land den Staatsbankrott.

Der Weg in den Untergang

Wie konnte es so weit kommen? Ende der 1980er-Jahre glitt Argentinien in eine Phase der Hyperinflation ab. Der Preis für einen Liter Milch konnte im Supermarkt stündlich steigen. Als Massnahme band die Regierung 1991 den argentinischen Peso an den Dollar (1:1). Die Inflation wurde fürs erste beseitigt. Dann aber brachen in Mexiko, Russland und Asien Finanzkrisen aus und der Dollar stieg. Damit sank die Nachfrage nach argentinischen Exportgütern. Als sich zudem Argentiniens wichtigster Handelspartner Brasilien Ende der 1990er-Jahre gezwungen sah, seine Währung abzuwerten, rutschte Argentinien in eine Rezession. Das Land verschuldete sich immer mehr, die Arbeitslosigkeit nahm drastisch zu.

Im Laufe des Jahres 2001 schwand das Vertrauen der Argentinier in die Banken weiter. Sie versteckten ihr Erspartes zu Hause oder legten es im Ausland in Dollar an. Um die Kapitalflucht zu verringern, beschloss Wirtschaftsminister Domingo Cavallo Anfang Dezember, die Argentinier dürften nur noch 250 Pesos pro Woche abheben. Der Kleinhandel erlag mangels Geldnoten. Kunden stürmten Banken, schlugen vor Wut an deren Türen und Fenster. In verschiedenen Städten kam es zu Plünderungen.

Vom Bankrott zum «Argentinien-Modell»

Argentinien nach dem Bankrott: Die Regierung wertet Anfang 2002 den Peso ab. Aus Angst und Perspektivlosigkeit verlassen in den Wochen und Monaten nach der Staatspleite Tausende Argentinier ihre Heimat in Richtung USA oder Europa. Andere bleiben und suchen verzweifelt im Müll nach etwas Essbarem. Die Arbeitslosigkeit steigt auf über ein Fünftel, der Anteil der Armen auf 60 Prozent der Bevölkerung.

Heute, zehn Jahren nach der Krise, scheint es den Argentiniern wieder ziemlich gut zu gehen. Nach offiziellen Zahlen ist die Arbeitslosigkeit unter zehn Prozent gesunken. Das Land verbucht einen jährlichen Wirtschaftszuwachs von rund acht Prozent. Vielerorts spricht man unterdessen vom erfolgreichen «Argentinien-Modell»: Durch Abwertung und Schuldenerlass floriert ein Bankrott-Staat in kürzester Zeit wieder.

Ein trügerischer Boom

«Klar, politisch und wirtschaftlich hat sich die Lage Argentiniens gebessert», sagt der Ökonom und Politanalyst Sergio Berenzstein aus Buenos Aires. «Aber dem Land könnte es heute um einiges besser gehen.» Viele Argentinier würden das Wachstum der letzten Jahre mit der Regierung, erst von Néstor Kirchner(2003 bis 2007), dann von seiner Frau und derzeitigen Präsidentin Cristina Kirchner (seit 2007), in Verbindung bringen.

«Tatsache ist», so Berenzstein, «dass es nicht das Verdienst der Kirchners ist.» Sondern es habe mit den seit 2002 ansteigenden internationalen Preisen für Agrarprodukte und Mineralien zu tun. Exportgüter wie Soja und Mineralien hätten die Staatskasse Argentiniens gefüllt. «Die Regierung aber hat zu wenig in Infrastruktur oder Industrie investiert.»

Kirchner-Anhänger widersprechen solchen Aussagen. Sie verweisen etwa auf die wieder angekurbelte Automobilindustrie und die nicht unbedeutenden Regierungsausgaben für Bildung und Soziales. In der Tat fliessen viele Staatsgelder in Projekte, die ärmeren Bevölkerungsschichten zugutekommen. So wurden Programme ins Leben gerufen wie der Wohnungsbau in den Armenvierteln oder das Kindergeld für bedürftige Familien – mit der Auflage, dass die Eltern ihre Kinder zur Schule schicken.

Inflation zieht wieder an

Nicht nur jetzt zur Weihnachtszeit sieht man in den trendigen Stadtvierteln der Metropole viele Menschen mit Einkaufstüten. Der Mittelschicht-Argentinier verdient wieder gut und gibt sein Geld gern aus. Neuerdings spürt man jedoch wieder Unsicherheit und Furcht. Man weiss von der Euro-Krise und wartet deren Folgen ab. Auch macht den Argentiniern die wieder anziehende Inflation zu schaffen. Die Preise in Supermärkten, Cafés oder Restaurants steigen zum Teil monatlich. Damit aus Angst nicht zu viele Dollars ins Ausland transferiert oder unter der Matratze versteckt werden, schränkte Staatschefin Cristina Kirchner Anfang November deren Kauf ein.

Wo Argentinien vor einem Jahrzehnt stand, befindet sich Griechenland heute. Wäre die Argentinien-Lösung etwas für Hellas? «Nein, auf keinen Fall», sagt Ökonom Berenzstein. Heute noch sei Argentinien wegen des Schuldenerlasses und seines radikalen Einstellens der Schuldenrückzahlung von den internationalen Finanzmärkten ausgeschlossen. Ausserdem könnten die beiden Länder nicht verglichen werden: «Argentinien besitzt genügend natürliche Ressourcen, um seine Staatskasse wieder zu füllen, Griechenland nicht.»

Auch wer es eilig hat, bleibt zur Betrachtung kurz vor den ausgestellten Fotografien auf der Plaza de Mayo stehen. Der Schock von damals steckt vielen heute noch in den Knochen. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen im Dezember 2001 forderten über 30 Tote, darunter viele junge Menschen. Am Mittwochabend marschierten zu ihrem Gedenken zahlreiche Argentinier vor das Regierungsgebäude in Buenos Aires.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michael Palomino (*1964) am 23.12.2011 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Argentiniens Metalle - griech. Strände

    Argentinien ist an Bodenschätzen so reich wie Peru und geht eigentlich nie bankrott. Die Regierung beherrscht aber die Inflation nicht und im Jahre 2010 betrug sie pro Jahr 25% - ein Horror. Griechenlands Reichtum sind die Strände (Argentinien hat kaum Strände!). Also wird Griechenland sich mit einer billigen Drachme rasch erholen. Nur die griechische Regierung will die Drachme nicht - und alles Weitere kann man sich denken - ebenfalls ein Horror.

  • Markus Eschmann am 23.12.2011 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Bankrot- aber Mittellos

    Leider sieht die Realität nicht so aus: ab März 12 wird die Unterstützung wieder gestrichen.... Die Leute leben viele mit 600 pesos pro Mt... Markus aus Buenos Aires

  • Ron Kukowitsch am 23.12.2011 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Bankrott-wo ist die Besserung

    .......eine Besserung? Im Gegegnteil...........; ohne die beschönigten Zahlen der akt. Regierung.......; jährliche Inflation 20%-30%; Arbeitslosigkeit 25%+; 50% der Bevölkerung an der Armutsgrenze......; Statt Investition, Staatsvermögen im Ausland (50Milliarden; BIZ Basel); tägliche Demonstrationen; ein Dollar-Käufer kann als "Terrorist" deklariert werden; das nötige Papier für die tägliche (freie) Presse untersteht dem Goodwill der Regierung unter C.Kirchner......

Die neusten Leser-Kommentare

  • Oskar Müller, Luzern am 25.12.2011 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Kritik

    Kritisieren und Besserwissen ist sehr einfach, bessermachen kann es fast niemand. Zudem ein jeder der was zu verlieren, hat sich dagegen sperrt.

  • Boit am 23.12.2011 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    Merk -würdige Leute

    Ich staune immer wieder wie viele Leute es doch einfach besser wissen und und auch können als die Regierung. Wie viele Erklärungen und Rezepte hier zum Besten gegeben werden. Keiner zu klein - Finanzminister zu sein!

    • Gigi am 23.12.2011 16:46 Report Diesen Beitrag melden

      @ Boit

      Bin völlig einverstanden!

    einklappen einklappen
  • Michael Palomino (*1964) am 23.12.2011 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Argentiniens Metalle - griech. Strände

    Argentinien ist an Bodenschätzen so reich wie Peru und geht eigentlich nie bankrott. Die Regierung beherrscht aber die Inflation nicht und im Jahre 2010 betrug sie pro Jahr 25% - ein Horror. Griechenlands Reichtum sind die Strände (Argentinien hat kaum Strände!). Also wird Griechenland sich mit einer billigen Drachme rasch erholen. Nur die griechische Regierung will die Drachme nicht - und alles Weitere kann man sich denken - ebenfalls ein Horror.

  • Michael S. Vökt am 23.12.2011 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mammon

    Der Mammon (Geld) kommt schon in der Bibel nicht gut weg. - Hat anscheinend was....

    • Bartholomäus am 24.12.2011 22:36 Report Diesen Beitrag melden

      Sorgenlos

      Lebe wie ein Hund und besitze nichts. Dann wirst du auch frei sein

    einklappen einklappen
  • Markus Eschmann am 23.12.2011 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Bankrot- aber Mittellos

    Leider sieht die Realität nicht so aus: ab März 12 wird die Unterstützung wieder gestrichen.... Die Leute leben viele mit 600 pesos pro Mt... Markus aus Buenos Aires