Antwort auf Sarrazin

25. September 2010 10:04; Akt: 25.09.2010 13:45 Print

Blockaden abbauen statt verschärfen

von Cem Özdemir* - Bei der von Thilo Sarrazin los getretenen Debatte erweckten viele Beteiligte den Eindruck, als werde in Deutschland zum ersten Mal über Integration debattiert - und sich dieser Debatte sonst immer verweigert.

storybild

Muslimische Frauen stehen an einer Haltestelle in Duisburg-Marxloh. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Debatte um Integration gibts schon lange. Die Probleme sind bekannt und Lösungsvorschläge liegen längst auf dem Tisch. Die bittere Pointe dabei ist, dass ausgerechnet Thilo Sarrazin als Finanzminister in Berlin eine Kahlschlagpolitik zu verantworten hat, welche die Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch vergrössert hat. Darüber können Bezirksbürgermeister wie Heinz Buschkowsky viel erzählen, die trotz dieser Politik von Sarrazin dafür kämpfen, dass ihr Stadtteil nicht völlig abrutscht.

Wenn Menschen sich in ihrem Lebensumfeld unsicher oder bedroht fühlen, müssen wir das auch sehr ernst nehmen. Aber die Ursachen für diese Entwicklung einfach auf den muslimischen Hintergrund eines Teils der Bevölkerung zu reduzieren und nach Sanktionen zur rufen, ist billigster Populismus, der die gesellschaftliche Debatte verschärft, ohne einen praktikablen Lösungsvorschlag zu unterbreiten.

Darum bin ich auch sehr gespannt, welchen Kurs die SPD jetzt in der Integrationspolitik einschlagen wird. Ob sie sich von Sarrazin und seinen Thesen treiben lässt, oder sich mit kühlem Kopf für eine Integrationspolitik entscheidet, die die Probleme an ihrer Wurzel anpacken will. Dafür ist eine andere Bildungspolitik der zentrale Schlüssel. Denn Integration ist ohne Bildung zum Scheitern verurteilt.

Integrationspolitischer Skandal

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken - und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

Denn der Anteil der Risikoschüler liegt immer noch bei rund 20 Prozent, sie verlassen die Schule ohne Ausbildungsreife. Ein Kind der Oberschicht hat im Vergleich zu einem Kind aus einer Arbeiterfamilie eine fast fünfmal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen - bei gleicher Intelligenz und Lernvermögen. Das ist der eigentliche integrationspolitische Skandal in einer blockierten Gesellschaft, die das Aufstiegsversprechen mit Füssen tritt. Gesellschaft und Politik müssen hier endlich zu einer Umkehr bereit sein.

Wir können uns sofort darauf einigen, dass wir etwa Hassprediger nicht dulden können und jugendliche Serienstraftäter mit harter Hand anfassen müssen. Doch diese in einem Atemzug mit der ganzen Gruppe von muslimischen Migranten zu nennen, ist blanker Populismus.

Integrationskurse

Ein Paradebeispiel für Letzteres ist auch, wie mit schöner Regelmässigkeit selbst von Politikern, die es besser wissen sollten, Sanktionen gefordert werden. Sie erwecken damit fahrlässig den Eindruck, als gäbe es diese nicht schon. Denn schon längst ermöglichen es die noch unter rot-grün verabschiedeten Gesetze, die Verlängerung des Aufenthaltsrechts abzulehnen oder das Arbeitslosengeld II spürbar zu kürzen, wenn die Teilnahme an einem verpflichtenden Integrationskurs verweigert wird. Hinzu kommt, dass die Integrationskurse eine Erfolgsgeschichte sind und die Nachfrage das Angebot übersteigt - wie die Regierung gerade erst kleinlaut zugeben musste.

Sanktionen nützen aber nichts bei Eltern, die selbst bildungsfern sind und mit den Erfordernissen der Erziehung in der sogenannten Wissensgesellschaft überfordert sind. Sie verfügen schlicht nicht über das soziale und kulturelle Kapital, um ihre Kinder entsprechend zu fördern. Hier helfen nur gute Schulen, gute Erzieher und Lehrer, die Zusammenarbeit mit den Jugendbehörden, die Rückholung von Schulschwänzern sowie die Zusammenarbeit mit Brückenbauern, die Vertrauen auf beiden Seiten geniessen und auf die Eltern einwirken können.

Hier leistet uns Thilo Sarrazin einen Bärendienst, weil er und seine Anhänger nicht begreifen wollen, dass die Lösung von Integrationsproblemen nicht klappen kann, wenn selbst jene Migranten sich abwenden, die es in Deutschland «geschafft» haben. Gerade diese Menschen und Vorbilder braucht man unbedingt als aktive Partner, unter anderem, um anderen Migranten klar zu machen, dass sie in Deutschland nicht im Exil, in der Diaspora oder Verbannung sind.

Fremde Werte

Die aktuelle Debatte macht aber auch deutlich, wie schwierig der Umgang mit Vielfalt und Fremdheit für einen Teil der Bevölkerung offenbar ist. Viele, die Sarrazins Thesen ablehnen, geben doch zu erkennen, dass er «irgendwie doch Recht hat». Es geht hier offenbar um Gefühle und subjektive Erfahrungen, beispielsweise verursacht durch ein bestimmtes Machoverhalten von manchen Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Unsere Bildungseinrichtungen, etwa in Ganztagseinrichtungen, müssen in die Lage versetzt werden, da im Ernstfall auch «gegen» die Eltern zu erziehen, wenn zu Hause Werte vermittelt werden, die mit unserem Grundgesetz nicht zu vereinbaren sind. Aber man muss auch darauf hinweisen, dass es sich nicht um die Mehrheit handelt und das «Aushalten» von Verschiedenheit auf Grundlage unserer Verfassung zum Repertoire einer modernen Gesellschaft gehören muss. Das gilt für alle.

Es bleibt abzuwarten, wie die SPD, die von ihrem ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin auf dem falschen Fuss erwischt wurde, sich in der Integrationspolitik neu aufstellen wird. Die altehrwürdige Partei sollte sich darauf besinnen, dass ihr zentrales und historisches Leitmotiv soziale Gerechtigkeit und der Aufstieg von Arbeiterkindern in die gesellschaftliche Mitte ist. Der Bundesparteitag ist Gelegenheit, Farbe zu bekennen und integrationspolitisch nach vorne gewandte Konzepte zu diskutieren - und nicht nur die Geister von Thilo Sarrazin zu vertreiben.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Giovanna am 26.09.2010 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    @Cem Özdemir

    Erdogan: "Die Türken stünden in Europa vor der Herausforderung, ihre Identität und ihre Kultur zu bewahren." Und vor welcher Herausforderung steht die einheimische Bevölkerung Deutschlands und Europas? Aus lauter Toleranz verliert sie zunehmend ihre Identität und Kultur zugunsten der Migranten.

    einklappen einklappen
  • Renato Mosconi am 25.09.2010 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Akzeptanz unserer Werte

    Es gibt Migranten die sich integrieren und welche die sich wenig bis gar nicht integrieren.Das kann ein Problem sein, das grössere Problem ist aber wenn Migranten ihre Kultur den einheimischen aufzwingen möchten oder deren einheimische Kultur einschränekn wollen.Es geht nicht unbedingt um Bildung.Oftmals sind gebildete Migranten nicht bereit sich zu integrieren.Es geht um die Akzeptanz unserer Werte anzunehmen, was bei gewissen Religionen oft ein Problem ist. Praktizierende mancher Religionen sind schlechter integrierbar als andere egal ob gebildet oder ungebildet.Für diese muss es eine Lösung

  • Anton Gerber (Baar) am 30.09.2010 09:11 Report Diesen Beitrag melden

    Können und wollen nicht

    Muslime wollen und können sich nicht gut integrieren. Jeder, der dies verleugnet, leidet an Realitätsverdrängung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Giovanna am 03.10.2010 01:10 Report Diesen Beitrag melden

    Geert Widers in Berlin und Merkel-Kritik

    "Zur Kritik der Kanzlerin an der Regierungsbildung in den Niederlanden sagt Wilders am Samstag nichts." Er hat bereits am Freitag gesagt: "Frau Merkel, Sie haben kein Recht " u. die Niederländer richteten empört eine äusserst scharfe Kritik an Merkel Was geht Merkel das überhaupt an, wie wir in den Niederlanden eine Regierung bilden? Und was bedauert sie eigentlich genau? - wie ich in "De Telegraaf" (der grössten Zeitung in NL) gelesen habe.

  • Giovanna am 30.09.2010 23:40 Report Diesen Beitrag melden

    Niederland zieht Konsequenzen u.handelt

    Bravo Niederland! Es ist an der Zeit endlich mal mit diesem Begriff "Rechtspopulisten" aufzuhören. Wilders ist offiziell in der Regierung, seine Partei hat einen gewaltigen Zusprung bei den Wahlen errungen. Hup Holland Hup! Für Hr. Özdemir gewiss keine gute Nachricht, denn wer weisst, es könnte doch sein, dass nach dem Besuch Wilders in Berlin, auch Deutschland sich ernsthafter mit dem Thema Islam befassen muss. 26% der befragten Deutschen wünschen eine "Sarrazin-Partei".

    • Nebeleliminator am 01.10.2010 21:44 Report Diesen Beitrag melden

      Wer den Islam aufhält...

      @Giovanna: Wenn etwas zuungunsten des Vormarschs des Islam ausgeht, sollte man sich nie freuen, denn im Islam gilt die "göttliche" Order, gegen diejenigen, welche den Islam aufhalten, militant vorzugehen.

    • Giovanna am 03.10.2010 01:40 Report Diesen Beitrag melden

      @Nebeleliminator

      Ich befasse mich schon seit sehr langer Zeit mit dem Thema Islam, ich bin im Bilde. Freilich wird jetzt nicht leicht sein, das politische Blatt zu wenden, doch es wäre katastrophal, wenn wir weiterhin durch Passivität u.Ignoranz als Toleranz getarnt, uns mitschuldig an unserem eigenenUntergang, an dem Untergang unser Kultur, unserer Werte u. unseres Rechtsstaates, u. Einführungs des Islamisches Rechts schuldig machen. "Wir haben unsere Fähigkeit verloren, die Gefahr zu erkennen und die Wahrheit zu verstehen, weil wir die Freiheit nicht mehr wertschätzen." aus Widers-Rede in Berlin auf Pi.

    • NER am 03.10.2010 18:56 Report Diesen Beitrag melden

      Widerstehen

      @Giovanna:"...Wir haben unsere Fähigkeit verloren, die Gefahr zu erkennen und die Wahrheit zu verstehen..." Wer die Lüge liebt, mit ihr gemeinsame Sache macht, wird von der Lüge geblendet - sie erscheint ihm als Wahrheit. Wieviele lassen sich aus Liebe zur Lüge täuschen - sie halten den Abgrund, auf den sie zugehen, für eine Täuschung.

    einklappen einklappen
  • Anton Gerber (Baar) am 30.09.2010 09:11 Report Diesen Beitrag melden

    Können und wollen nicht

    Muslime wollen und können sich nicht gut integrieren. Jeder, der dies verleugnet, leidet an Realitätsverdrängung.

  • Giovanna am 29.09.2010 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wie man Blockaden abbaut:

    Cem Gülay (in Hamburg aufgewachsen - Matura) erhebt nun warnend die Stimme: Wenn die Deutschen weiterhin Menschen wie Thilo Sarrazin Meinungsfreiheit gewähren, könnte das ein böses Ende nehmen. Denn bald schon sind die Immigranten in der Überzahl. Und dann gibt es Tote und Verletzte. Daher bauen AUCH unsere Politiker eifrig jede Blockade ab.

    • R.Brechtbühl am 30.09.2010 11:14 Report Diesen Beitrag melden

      Ganz nach dem Koran (Schwertsuren)

      @Giovanna: Der Tschihat (Kampf mit dem Schwert gegen die Ungläubigen) ist den Muslimen vom Koran her geboten, also, was erwartet man anderes, sobald sie stark genug sind?! Motto: Unterwerft ihr euch nicht, unterwerfen wir euch. Alle unsere intelligenten, hochgepuschten Träumer und bewusst oder unbewussten Verführer unseres Landes, was für eine Zukunft erhofft Ihr für Eure Jugend? andes

    • Giovanna am 30.09.2010 22:15 Report Diesen Beitrag melden

      @R.Brechtbühl

      Wie mit den Christen vor allem aber auch mit anderen Nichmuslimen umgehen können kann man im Internet sehen und lesen. Auch der Koran selbst liefert genung nützliche Informationen. Nun, es ist nicht etwa so, dass die Regierungen nicht wüssten, was sie mit ihrer "korrekten" Politik angestellt haben - aus welchen Gründen auch immer - und aus Angst (wie bei Erpressung) geben sie weiterhin nach (Ausnahme NL). Das Unvermeidliche ist zu erwarten, Barroso hat schon längst die EU davor gewarnt. Und was macht man bei uns (Stichwort: Kopftuch Bad Ragaz)? Man will offenbar selbst die Erfahrung machen.

    • Giovanna am 30.09.2010 22:51 Report Diesen Beitrag melden

      @R.Brechtbühl : "Milchpulver für Europa"

      In Gioia Tauro (Reggio Calabria)... fanden die Italiener in einem Container eine 7 Tonen iranischer Hexogen-Ladung (Sprenpulver), die versteckt zwischen Milchpulver am Bord eines unter liberianischer Flagge fahrendes Schiffes transportiert wurde. Der angebliche Endbestimmungsort sei Syrien (?!). Doch man vermutet, dass der "Empfänger" ein anderer sei u.alles bestimmt für einen unvorstellbaren Terroranschlag in Europa (im Visir: I, F, NL, GB u. vor allem D).Gioia Tauro liegt ganz sicher nicht auf der Route von Iran nach Syrien, so die Polizei u. d. ital.Geheimdienste bei der Pressekonferenz.

    einklappen einklappen
  • Giovanna am 29.09.2010 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    Korrekte Medien

    Wenn die "korrekten Medien" auf Geheiss die Wahrheit verschweigen, machen sich mitschuldig an die Folgen. Aber die Wahrheit zu verschweigen ist auch eine Art Lüge.

    • R.Brechtbühl am 30.09.2010 11:43 Report Diesen Beitrag melden

      Bedeutungsvolle Wahrheiten

      @Giovanna: Hier handelt es sich um verhängnisvollste Wahrheiten, die unter dem Deckel gehalten werden: Wahrheiten, die darüber entscheiden, ob wir uns als eigenständiges Volk die Schlinge selbst um den Hals legen oder nicht.

    • Giovanna am 30.09.2010 15:24 Report Diesen Beitrag melden

      @R.Brechtbühl: RICHTIG

      Genau das habe ich gemeint.

    einklappen einklappen