«Bugger off!»

28. Juni 2016 14:48; Akt: 28.06.2016 16:23 Print

Boris, der brutale Brexit-Verlierer?

von Ann Guenter - Boris Johnson liebt es, beliebt zu sein. Jetzt könnte er sich feiern lassen. Doch der Brexit wird für ihn immer mehr zum Pyrrhussieg.

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Die Briten nannten ihn liebevoll Boris und lächelten dabei nachsichtig. Dem ehemaligen Bürgermeister von London, der den Wählern einst versprach, «Wählt die Tories, dann wird Ihre Frau grössere Brüste bekommen und Ihre Chancen werden sich vergrössern, einen BMW M3 zu besitzen», konnten sie nicht böse sein. Man sah es dem wortgewandten Wuschelkopf auch nach, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nahm (einige Beispiele: 1999 wurde er als Journalist bei der «Times» gefeuert, weil er ein Zitat gefälscht hatte. Als Bürgermeister versprach er weniger Obdachlose und eine Senkung der ÖV-Preise, doch in seiner Amtszeit verdoppelte sich die Zahl der Obdachlosen und die Billettpreise stiegen).

Jetzt scheint der Brexit-Fürsprecher den Bogen überspannt zu haben. Und er weiss das auch. Selten sah man den 52-Jährigen am Freitag so kleinlaut vor die Presse treten. Und das, obwohl er nach Annahme seiner Kampagne eigentlich als strahlender Sieger hätte jubeln können. Er konnte nicht verbergen, dass er über den beschlossenen Austritt aus der EU selbst erschrocken war.

«Ausmanövriert und Schachmatt gesetzt», ...

Ein von der britischen Presse mittlerweile viel zitierter Leserkommentar unter einem Artikel des «Guardian» bringt es auf den Punkt:

«Über der Wahl der Conservative Party, die David Cameron mit seinem Rücktritt auslöste, schwebt nun die eine Frage: Wird der neu gewählte Parteiführer den Artikel 50 (jener Artikel im EU-Vertrag, der den Ablauf der Scheidung regelt, Anm. d. Red.) auslösen? Wer will sich diese Verantwortung, die mit so vielen Auswirkungen und Folgen einhergeht, auf die eigene Schulter laden? Boris Johnson war sich dessen bewusst, als er geknickt vor die Presse trat: Er wurde ausmanövriert und Schachmatt gesetzt.»

... denn Johnson kann nur verlieren

Tatsächlich kann Johnson jetzt nur noch verlieren, wie der scharfsinnige Leser weiter ausführt: «Tritt er im Rennen um die Parteiführung an, ohne später den Artikel 50 zu aktivieren, ist er am Ende. Tritt er nicht an und überlässt das Feld anderen, ist er am Ende. Tritt er an, gewinnt und löst Grossbritannien aus der EU, ist alles verloren: Schottland bricht weg, in Irland kommt es zu einem Aufstand und es kommt zu einer Rezession. Dann ist er ebenfalls am Ende. Boris Johnson weiss das alles. Wenn er sich jetzt wie eine dumme Blondine benimmt, ist das lediglich geschauspielert. Die Brexit-Anführer haben sich ein Resultat eingehandelt, das sie nicht nutzen können. Für sie ist die Führung der Partei zu einem Giftkelch geworden.»

Dennoch: Beobachter rechnen damit, dass Boris Johnson seine Kandidatur für den Parteivorsitz in den nächsten Tagen anmelden wird. Angesichts seiner stark eingeschränkten Manövrierfähigkeit und der zunehmenden Ablehnung, die ihm in den letzten Tagen entgegenschlug, könnte er sich diesen Schritt allerdings noch einmal überlegen.

Sicher ist: Johnson hat sich, wie sein Schulkollege David Cameron mit der Einberufung des Brexit-Votums, verkalkuliert. Wie ein namentlich nicht genannter Conservative-Politiker gegenüber dem «Guardian» sagte: «Boris glaubte, dass ‹Remain› gewählt würde und er dann für ein Prinzip gekämpft hätte, um später als Märtyrer die Nachfolge von David Cameron anzutreten.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Diva am 28.06.2016 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ohmman...

    Es reeeeicht langsam... Diese ständige Hetze geht allen sowas von auf den Keks....man kann die Medien gar nicht mehr ernst nehmen.

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  • Müsig am 28.06.2016 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Worte

    Akzeptiert endlich das Resultat!

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  • Robert am 28.06.2016 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stolz

    Da bin ich ja wieder Stolz auf unsere Presse. Negativ und wieder Negativ.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mirischglich am 02.07.2016 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Elegant

    Da haben die Engländer sich aber elegant wie immer selber zerlegt. Da wird der einzige Goldesel die Banken, den sie wirklich haben und wo sie gut sind, in Frage gestellt. Ohne EU Zutritt wandert ein schöner Teil dieses Geschäftes ab. So billig werden sie diesen Zutritt nie mehr erhalten. Dann werden sich auch die Schotten aus der Gefangenschafft verabschieden.

  • Marius am 01.07.2016 10:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Brutus Johnson, das bleibt in aller Ewigkeit....

    so stehen? Eines Tages kann aus Brutus, vielleicht ein Held werden. Die Geschichte wird es zeigen.

    • Cartman1993 am 02.07.2016 03:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marius

      Judas wurde auch berühmt und trotzdem würde es mich nicht sonderlich freuen, wenn ich von ihm abstammen würde;)

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  • Cartman1993 am 30.06.2016 23:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hahaxD wieder mal typisch 20minforum

    Nur weil man einen Entscheid nicht gut oder sogar bescheuert findet, heisst das doch noch lange nicht, dass man ihn nicht akzeptiert. Ich finde es auch nicht gut, dass Syrer in die Schweiz kommen, aber ich akzeptiere es. Ich kann darüber diskutieren und es kritisieren, aber das ändert doch nichts an der Akzeptanz der aktuellen Situation/des Ergebniss.

  • Don Logan am 30.06.2016 22:43 Report Diesen Beitrag melden

    besser so!

    Zum Glück verzichtet Boris Johnson auf eine Kandidatur. Er hat nicht das Format eines Premierministers. GB braucht eine starke Persönlichkeit und nicht einen Populisten der nur einseitig politisiert.

    • beatus am 03.07.2016 10:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Don Logan

      Johnson ist stark, klug und charismatisch. Er wurde verraten.

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  • M.G. am 30.06.2016 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso hat niemand den Mut

    vors Volk zu treten und im Stile von Churchills Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede klar zu sagen das politische Unabhängigkeit nur durch einen gewissen Konsumverzicht und eine bestimmte materielle Einschränkung zu haben ist. Denn jede wirtschaftliche Abhängigkeit ist immer auch eine politische Abhängigkeit. Wie wäre es mit einer Politik die ehrenamtliches Engagement steuerlich belohnt, den Erwerb von Luxusgütern aber mit zusätzlichen Steuern belegt. Somit könnte langfristig soziales Engagement das Sozialprestige des Einzelnen erhöhen und nicht, wie bisher, der Erwerb von immer mehr Konsumgütern.

    • Churchills Rede und der Brexit? am 30.06.2016 23:53 Report Diesen Beitrag melden

      @ M.G. Ein ungleiches Paar.

      Die Blut- Schweiss- und -Tränen-Rede hielt Churchill während des 2. Weltkrieges, um die letzten Kräfte gegen Deutschland zu mobilisieren. Sich, im Zusammenhang mit dem Brexit, auf diese Rede berufen zu wollen, scheint mir doch gewagt. Übrigens, im September 1946 hielt Churchill eine Rede in Zürich. Das berühmte Zitat 'Let Europe arise!' meinte vor allem ein wirtschaftlich vereintes, 'durchlässiges' Europa. Nicht mehr. Denn für Churchill waren die USA/der Commonwealth weit wichtiger als Europa.

    • Don Logan am 01.07.2016 02:34 Report Diesen Beitrag melden

      @M.G.

      Das ist nicht mehr so einfach wie zu Zeiten von Churchill. Die Geburtenzahl ist weltweit um das mehrfache gestiegen. Völker können sich nicht mehr ernähren. Religionskonflikte werden immer grösser. Gerade die EU hatte sich mit zu vielen Länder verschiedener Glaubenseinheiten verstrickt. Wie will man Frieden schliessen mit Fanatiker, die andere Religionen nicht akzeptieren? Natürlich sollte jeder an sich selber schaffen und auf Luxusgüter verzichten. Das ist aber einfacher gesagt als getan, wenn von den sogenannten Erstweltländer den Drittweltstaaten der Luxus nur so vorgelebt wird.

    • Dr. Unwichtig am 01.07.2016 07:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @M.G.

      Warum? Weil jeder Brexit-Befürworter und Hardcore-EU-Kritiker den Leuten genau das Gegenteil erzählt! Ohne EU gibt es mehr Jobs, mehr Geld, mehr Demokratie, mehr alles. Blut, Schweiss und Tränen passen da nicht rein...

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