Italien in Angst

12. August 2014 16:08; Akt: 12.08.2014 16:11 Print

Bringen Flüchtlinge Ebola nach Europa?

Mehr Flüchtlinge als je zuvor setzen von Afrika nach Italien über. Dort verbreitet sich Panik, dass sie Ebola und andere Krankheiten einschleppen.

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Ein Teil der italienischen Medien und einige Politiker sprechen von einer «Invasion»: In achteinhalb Monaten haben bereits 100'000 Bootsflüchtlinge aus Afrika Italien erreicht.

Angesichts der grassierenden Ebola-Epidemie wächst die Angst, dass diese Flüchtlinge die Krankheit mit nach Europa bringen, schreibt die NZZ .

Polizist angeblich mit Tuberkulose angesteckt

Der Vizepräsident des Senats, Maurizio Gasparri von der Rechtspartei Forza Italia, fordert die Regierung von Matteo Renzi auf, die italienische Flüchtlingsoperation «Mare Nostrum» per sofort einzustellen. «Das Programm exponiert unser Land grossen Gesundheitsrisiken», sagt er, um hinzuzufügen: «In den letzten Tagen waren unsere Militär- und Polizeibeamten von verschiedenen Krankheiten betroffen (...). Es gibt keine adäquaten Kontrollen.»

Auch rechtskonservative Medien warnen vor eingeschleppten Krankheiten: «Italiens Grenzen offen für Lepra, Tuberkulose und Krätze», titelte die Tageszeitung «Libero». Ebola sei zwar weit weg in Afrika ausgebrochen, aber zum ersten Mal sei auch ein Europäer, ein spanischer Priester, an Ebola erkrankt und gestorben (siehe Infobox), schreibt «Libero» in einem weiteren Artikel. Das Virus stelle damit eine reale Gefahr für Europa und Italien dar.

Aber auch vor anderen Krankheiten der afrikanischen Flüchtlinge warnen die italienischen Medien. Die NZZ beruft sich auf den Bericht einer Lokalzeitung, wonach ein an «Mare Nostrum» beteiligter Polizist sich bei einem Flüchtling mit Tuberkulose angesteckt habe.

«Nicht jeder Afrikaner mit Fieber hat Ebola»

Die Regierung dementiert dies. Es bestehe kein Anlass zur Unruhe, beschwichtigt Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin. Auch die Polizei gab an, dass es keinen einzigen Fall von Tuberkulose bei Hunderten von getesteten Polizisten gegeben habe.

Giovanni Di Perri, Direktor des Departments für Infektionskrankheiten am Turiner Amedeo-di-Savoia-Spital sagte, es bestünde derzeit kein Risiko für Italien. Gemäss «La Repubblica» sagt er, Gesundheitseinrichtungen müssten zwar aufmerksam bleiben. Aber man müsse sich von dem Verdacht freimachen, dass jeder Afrikaner mit Fieber gleich Ebola habe.

Mehr Flüchtlinge als während des Arabischen Frühlings

Die schiere Masse an Flüchtlingen in diesem Jahr überfordert die italienischen Behörden. Mehr als 100'000 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr bereits in Italien angekommen sein. Im Jahr des Arabischen Frühlings 2011 waren es auf das Jahr gesehen «nur» 63'000.

Um den Flüchtlingsstrom zu bewältigen, will Ministerpräsident Renzi jetzt die EU zur Verantwortung ziehen. Er fordert von anderen Mitgliedstaaten mehr Solidarität und verlangt, dass die EU die Kosten für die «Mare Nostrum»-Operation übernimmt.

Ethisch vertretbar

Unterdessen fordert die Ebola-Epidemie in Westafrika immer mehr Opfer: 1013 Tote zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Ausbruch des Virus im April, mehr als 1800 Menschen haben sich angesteckt. Nun erhält Liberia als erstes afrikanisches Land ein nicht zugelassenes Medikament, das bereits an zwei Amerikanern und einem Spanier getestet wurde.

WHO-Experten sprachen sich am Dienstag für den Einsatz solcher experimenteller Heilmittel aus. «Angesichts der besonderen Umstände dieses Ausbruchs, und vorausgesetzt, dass bestimmte Bedingungen erfüllt werden», seien derartige Behandlungen ethisch vertretbar, auch wenn ihre Wirksamkeit noch nicht bewiesen und mögliche Nebenwirkungen noch nicht bekannt seien.

(cfr)