Kehrseite des Booms

15. November 2011 15:58; Akt: 15.11.2011 16:33 Print

Chinas Millionäre wandern ab

Die Volkswirtschaft der Volksrepublik brummt, die Zahl der Vermögenden explodiert. Immer mehr Millionäre zieht es nach Nordamerika. Es locken gute Schulen, frische Luft – und Stabilität.

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In fünf bis sieben Jahren dürfte China zum weltweit grössten Markt für Luxusgüter aufsteigen. (Bild: Keystone)

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Das rasante Wirtschaftswachstum in China generiert immer mehr Reiche. 2010 zählte das Land 1,1 Millionen Millionäre, fast 400 000 mehr als im Jahr zuvor. Doch fast die Hälfte dieser Millionäre planen ihre Zukunft offenbar ausserhalb des Landes, in dem sie reich geworden sind. In einer Umfrage der Bank of China und des Businessmagazins Hurun gaben 46 Prozent an, über Auswanderung nachgedacht zu haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis waren im Frühling die Chinesische Handelsbank und die Unternehmensberatung Bain gekommen. Demnach ist über ein Viertel der 20 000 Chinesen mit einem Vermögen von über 15 Millionen Dollar bereits ausgewandert, während die Hälfte den Schritt erwägt.

Eine von denen, die sich abgesetzt haben, ist Sherry Wang. «Wenn jemand eine solide finanzielle Grundlage geschaffen hat, will er natürlich irgendwohin ziehen, wo die Lebensqualität besser ist», sagte die vermögende Unternehmerin dem britischen «Guardian». Sie war vor zwei Jahren in die USA ausgewandert, wo sie zwar das chinesische Essen vermisst und bisweilen mit der Alltagskommunikation hadert. Doch das amerikanische Schulsystem mit seinem Fokus auf individuelle Entwicklung gefalle ihrem Sohn besser als das chinesische, wo es nur um Noten gehe. Andere verwiesen neben der Ausbildung ihrer Kinder auf die im Vergleich intakte Umwelt.

Ungewissheit vor Stabsübergabe

Nordamerika bietet ihnen sogenannte Investitionsvisa an. Reiche Ausländer, die sich in Kanada niederlassen wollen, müssen über ein legal erworbenes Vermögen von umgerechnet mindestens 1,4 Millionen Franken verfügen und mindestens 700 000 Franken in die kanadische Wirtschaft investieren. In den USA beträgt diese Summe eine Million oder 500 000 Dollar in einer strukturschwachen Region, verbunden mit der Schaffung von mindestens zehn Arbeitsplätzen.

Hinter vorgehaltener Hand äussern die reichen Auslandchinesen aber noch andere Gründe als die guten Schulen und die gute Luft: Die Angst vor politischer Instabilität. Im Herbst 2012 wird die kommunistische Partei Chinas an ihrem Parteitag die politische Führung des Landes erneuern. Nach zwei fünfjährigen Amtszeiten darf der derzeitige Staatspräsident Hu Jintao nicht mehr antreten. Einige machen sich Sorgen darüber, ob die Stabsübergabe an eine neue Generation reibungslos über die Bühne gehen wird. Wenn nicht, ist es besser, seine Millionen im Trockenen zu haben.

«Nicht anders zu erwarten»

Zu den politischen Unwägbarkeiten gesellt sich die Furcht vor sozialen Unruhen. Die ungenierte Zurschaustellung von Reichtum ist vielen weniger privilegierten Chinesen ein Dorn im Auge. Xia Xueluan, Professor für Soziologie an der Universität von Peking, sagte gegenüber dem «People's Daily», die Reichen hätten viel von der harten Arbeit der Chinesen profitiert. Ihr Vermögen in guten Zeiten aus dem Land zu schaffen, sei moralisch fragwürdig. Andere wie der Autor Fan Zijun finden hingegen, von den Reichen sei kein anderes Verhalten zu erwarten. Die Kluft zwischen arm und reich sei ja gerade Ausdruck ihres fehlenden Verantwortungsbewusstseins.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aces am 15.11.2011 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Stabilität & frischer Fisch?

    Das die Luft in Amerika frisch ist, ist mir neu ich hatte in Erinnerung das da hauptsächlich Autos mit grossen V8 Motoren rumbrausen vom CO2 ausstoss ist da keine Rede, was eigentlich auch besser so ist. Ich denke Nordamerika war zudem auch schon stabiler als heute.

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  • Herbert Lenz am 15.11.2011 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz vs. Kanada

    "Reiche Ausländer, die sich in Kanada niederlassen wollen, müssen über ein legal erworbenes Vermögen von umgerechnet mindestens 1,4 Millionen Franken verfügen und mindestens 700 000 Franken in die kanadische Wirtschaft investieren." Ha, und wir Softies schenken jedem Migranten gleich eine IV-Rente!

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  • Reto Stadelman am 15.11.2011 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Fan Zijun hart aber leider wahr

    Obwohl ich Fan Zijun's Einstellung ziemlich extrem finde, gebe ich ihm doch teilweise recht. Wer in China an so viel Geld kommt, hat sicherlich nicht viel Herz für die Armen und Schwachen übrig. Reichtum in China ist daher durchaus auch Audruck fehlenden Verantwortungbewustseins. Den anderst als im Europa der industrialisierung, hat China die guten Vorbilder wie es auch funktionieren könnte. Zudem: Ein Land in dem Kommunismus immer noch gross geschrieben wird, die Kluft zwischen Arm und Reich aber so markant wächst, nun ja, mehr braucht man dazu wohl nicht mehr zu sagen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • damedanodarf am 23.11.2011 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    ohne Volks infrastruktur nix Milliadäre

    wie überall auf der Welt: wie kan man ein (beispiel) mercedes verkaufen? wen es keine strassen gäbe! also die infrastruktur baut das Volk und das Grosse Geld verdiennt der einzelne.

  • Jost Bucheli, Zürich am 18.11.2011 19:31 Report Diesen Beitrag melden

    Der Auslandchinese hat immer Heimweh

    Es ist umgekehrt, viele Chinesen zieht es von Amerika zurück nach China. Als ich 1965 das erste Mal in China war, traf ich einen Professor aus Amsterdam und einen Arzt, der im Zürcher Universitätsspital gearbeitet hatte. Schon Mao hatte Chinesen aus aller Welt gelockt nach China zu kommen um ihr Wissen weiterzugeben. Technisch werden die tüchtigen Chinesen die USA und Europa schon bald überholen.

  • Andreas am 16.11.2011 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit ist immer noch Trumpf

    Ich glaube jeder Chinese (ausser die parteitreuen Profiteure) möchten in Freiheit leben und das machen worauf sie lust haben. In Amerika kann man das noch. Aber auswandern ist teuer und mit viel Geld bekommt man auch ohne Job ein Visum. Könnten alle Chinesen wählen, ob sie auswandern möchten, würde das Land bald entvölkert sein. EU und die Schweiz sollten das hohe Gut der Freiheit bewahren wie ein Goldschatz. In Brüssel hat man das leider noch nicht ganz kapiert.

  • Thomi am 16.11.2011 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Krankes Volk

    Chinas Umweltverschmutzer, welche sich auf Kosten der eigenen Natur bereichert haben, dürsten in den USA nach sauberer Luft.

  • Jean am 16.11.2011 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Kann ich gut nachvollziehen

    Ich will sogar als Schweizer unbedingt in die USA. Als Chinese ist der Fall sowieso klar, was auch der Grund ist weshalb es, vor allem an der Ostküste, nur so von Asiaten wimmelt. Dass man als Nicht-Europäer nicht in die Schweiz will kann ich verstehen. Es ist einfach ein vollkommen anderer Lebensstil hier und ich habe das Gefühl, dass wir uns immer mehr zu einer Neidgesellschaft entwickeln. Die Schweiz ist für reiche Europäer interessant oder für Schengen Einwanderer, aber weniger für Leute von Ausserhalb.

    • B. Moser am 16.11.2011 11:05 Report Diesen Beitrag melden

      Lebenskosten

      Dazu kommt noch, dass man mit 1 Million Dollar hier nicht lange leben kann, die Zeit wo dieses Vermögen reicht um ein neues Heim aufzubauen, neuen Job zu finden etc. ist in der USA sicher länger, bei den Lebenskosten dort im Vergleich zu hier.

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