Wandel in Ägypten

02. Februar 2011 10:36; Akt: 02.02.2011 10:53 Print

Christen zwischen Angst und Hoffnung

Wer und was in Ägypten auf die Ära Mubarak folgt, weiss niemand. Die koptische Minderheit ist besorgt: Sie fürchtet ein Chaos und den Einfluss der Islamisten.

storybild

Koptische Christen am Sonntag 30. Januar 2011 während einer Messe in Kairo. (Bild: Keystone/AP/Victoria Hazou)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ägyptische Christen und Moslems sitzen grundsätzlich im selben Boot, ihre Forderungen nach mehr Beschäftigung und Bürgerrechten sind identisch. Gleichzeitig dürfte der koptischen Minderheit bewusst sein, dass sie mehr zu verlieren hat als die moslemische Mehrheit: ihre Sicherheit. Die Ungewissheit, was nach Hosni Mubarak kommen könnte, erfüllt sie mit Angst. Ein chaotisches Machtvakuum oder eine Regierung, die mit islamischen Extremisten toleranter umgeht als Mubarak, könnte ihre ohnehin prekäre Situation weiter verschlechtern.

Wie verwundbar die christliche Minderheit ist, bewies zuletzt der Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria, bei dem 23 Menschen ums Leben kamen. Das Beispiel Iraks, wo seit dem Fall Saddam Husseins die Hälfte der christlichen Minderheit vor religiös motivierter Gewalt geflohen ist, lässt nichts Gutes ahnen.

Koptischer Papst unterstützt Mubarak

In welchem Ausmass die Kopten bei den Massenprotesten mitmarschieren, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Pater Isidoros El-Anba-Samuel, Seelsorger der koptisch-orthodoxen Kirche in der Deutschschweiz, erklärte auf Anfrage von 20 Minuten Online, dass auch die Christen protestieren, allerdings «nicht auf Geheiss der Kirche». Im Gegenteil: Papst Shenouda III. von Alexandrien, das Oberhaupt der koptischen Kirche, soll Mubarak angerufen und ihm seine Unterstützung zugesichert haben.

«Wir brauchen Mubarak, und vor allem brauchen wir Sicherheit», sagte auch Samy Farag, der Direktor des St. Mark's Hospital in Alexandria dem «Wall Street Journal». Das Spital ist Teil jener Kirche, auf die in der Silvesternacht der Bombenanschlag verübt wurde. «Wir fühlen uns unter ihm sicherer, weil er eine grosse, mächtige Partei im Rücken hat. Wenn er geht, kommen Parteien an die Macht, die wir nicht kennen. Wir wissen nicht, was ihre Politik gegenüber den Christen sein wird.»

Pater Isidoros in Dietlikon bestätigte diese Haltung: «Freie Wahlen werden die Probleme Ägyptens nicht lösen, denn sobald die Regierung Mubarak weg ist, wird der Streit in der Opposition losgehen. Alle werden versuchen, sich ein möglichst grosses Stück des Kuchens zu sichern.» Auf die Muslimbruderschaft angesprochen sagte er: «Wir haben Angst. Die Religion ist nicht das Problem, sondern die Extremisten.»

(kri)