Tibet

04. Dezember 2008 13:55; Akt: 04.12.2008 14:01 Print

Dalai Lama: China fehlt es an «moralischer Autorität»

Der Dalai Lama hat China aufgerufen, seine Menschenrechtspolitik zu überdenken. Dies sei im Interesse auch der chinesischen Regierung, sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter beim Besuch des Europaparlament in Brüssel.

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«Die Volksrepublik China hat den Ehrgeiz, eine Supermacht zu werden - und sie verdient es», sagte der Dalai Lama. «Aber ein wichtiger Faktor dafür fehlt ihr: moralische Autorität».

«Der Ruf Chinas leidet unter einer schlechten Menschenrechtslage, fehlender Meinungsfreiheit und massiver Zensur», erklärte der 73-Jährige. «China sollte in diesem Bereich sensibler werden, wenn es vom Rest der Welt mehr Respekt erwartet.» Im Übrigen zeige der anhaltende Kampf der Tibeter für Autonomie, dass die chinesische Politik der Repression nicht funktioniere: «Die Chinesen glauben, dass sie dieses Problem durch die Unterdrückung lösen können, und das ist falsch», sagte der Dalai Lama.

Dalai Lama will kein freies Tibet

Der Dalai Lama hat vor dem EU-Parlament in Brüssel seinen Verzicht auf ein von China unabhängiges Tibet bekräftigt: «Wir wollen bei China bleiben, aber mit einer echten Autonomie und unter Wahrung unserer Identität.» Wenn Vertreter Chinas behaupteten, er wolle eine Abspaltung Tibets, sei dies vollkommen falsch. «Das weiss auch jeder», sagte der Dalai Lama.

Die Tibeter wollten auch materielle Entwicklung, ein modernes Tibet. Schon daher sei es in ihrem eigenen Interesse, bei China, diesem «grossen Volk», zu bleiben. «Das sage ich auch den jungen Tibetern.» Harmonie und Frieden könnten aber nur durch Vertrauen geschaffen werden, nicht durch Angst und Bedrohung mit Waffen.

Stehende Ovationen

Der Dalai Lama warb zugleich um Unterstützung für sein Volk. Wer den Tibetern helfe, helfe aber auch den Chinesen. Denn China schlage eine zunehmend «totalitäre Richtung» ein, es unterdrücke Presse- und Redefreiheit. Die EU müsse im Umgang mit Peking auf dem Schutz der Menschenrechte bestehen, forderte er.

Die EU-Abgeordneten feierten den Friedensnobelpreisträger mit stehenden Ovationen. Viele der EU-Volksvertreter trugen weisse tibetische Schals - als Zeichen ihrer Solidarität mit den Tibetern.

China warnt Frankreich

Der Dalai Lama besucht derzeit mehrere europäische Staaten. China kritisiert den Empfang des geistlichen Oberhaupts der Tibeter scharf. Am Donnerstag warnte das Land den französischen Staatschef und amtierenden EU-Ratsvorsitzenden Nicolas Sarkozy erneut, den Dalai Lama wie geplant am Samstag zu treffen.

Seine Regierung lege grossen Wert auf eine «strategische Partnerschaft» und den Handel mit Frankreich, sagte Aussenminister Liu Jianchao in Peking. Handelsbeziehungen setzten aber «gute bilaterale Beziehungen» voraus. Er hoffe, dass Sarkozy eine «korrekte Haltung» einnehmen und die «richtige Wahl» treffen werde.

(sda)