Aus Fehlern gelernt

27. Juni 2011 16:43; Akt: 27.06.2011 17:03 Print

Das Einmaleins des Blockade-Brechens

Die Organisatoren der diesjährigen Gaza-Hilfsflotte wollen Israel keinen Vorwand zur Gewaltanwendung liefern. Zu diesem Zweck haben sie einen umfassenden Verhaltenskodex erlassen.

Szenen wie diese an Bord der Mavi Marmara am 31. Mai 2010 wollen die Organisatoren der diesjährigen Gaza-Flotille unbedingt vermeiden. (Video: Youtube/IDF)
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Wann und ob der nächste Konvoi mit Hilfsgütern für den Gazastreifen auslaufen wird, ist derzeit unklar. Die Organisatoren berichteten am Montag an einer Pressekonferenz in Athen von ungewöhnlich scharfen Kontrollen des griechischen Staates. Vergangene Woche hatte bereits Zypern erklärt, seine Häfen stünden nicht zur Verfügung.

Dessen ungeachtet scheinen die Organisatoren gut vorbereitet. Wie die israelische Zeitung «Haaretz» berichtete, fand in diesen Tagen an einem geheimen Ort «irgendwo in Griechenland» eine Informationsveranstaltung für die Aktivisten statt. Dort wurden sie auf die zahlreichen Gefahren des Unterfangens und entsprechende Verhaltensregeln hingewiesen. Die Stossrichtung ist klar: Der Verlust menschlichen Lebens wie vor einem Jahr an Bord der «Mavi Marmara» soll diesmal unter allen Umständen vermieden werden.

Körperliche Gewalt oder Tränengas?

Jeder potenzielle Passagier musste zunächst eine ganz grundsätzliche Entscheidung treffen: Wo werde ich sein, wenn die israelischen Einsatzkräfte das Schiff stürmen? Denn jeder Ort auf dem Schiff hat unter diesen Umständen Vor- und Nachteile. «An Deck werdet ihr einige Minuten physischer Gewalt von Seiten der Soldaten ausgesetzt sein, die euch wie Stunden vorkommen werden», sagte einer der Ausbilder.

Er wisse aus Erfahrung, dass sich die Soldaten auf dem Weg in die Kapitänskabine sehr gewalttätig verhalten würden. «Ihr werdet euch nicht bewegen, trotzdem werden sie in euch den Aggressor sehen. Die Offiziere wissen genau, dass wir nicht bewaffnet sind. Aber dem einfachen Soldaten wurde eine Gehirnwäsche verabreicht und er wird Angst haben», sagte er. Doch an Deck zu bleiben, hat auch Vorteile: Das Tränengas verzieht sich schnell. Dasselbe kann von einer Kabine nicht behauptet werden, allerdings bietet sie Schutz vor der Gewalt durch die Soldaten.

Sieben Stunden aufeinandersitzen

Sobald die Einsatzkräfte das Schiff unter ihre Kontrolle gebracht haben, werden sie es in den israelischen Hafen Aschdod (rund 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens) abschleppen. Die Überfahrt könnte bis zu sieben Stunden dauern. Sieben Stunden, die Aktivisten und Soldaten gemeinsam an Deck verbringen müssen und in denen noch viel passieren kann.

Ob die Aktivisten während der Überfahrt nach Aschdod die Toilette benutzen dürfen, ist nicht sicher. Ausbilder berichten, weibliche Soldaten seien tendenziell aggressiver als ihre männlichen Kollegen. Dessen ungeachtet habe es immer einige, die sich bemühen, nett zu sein. Eine Frau, die letztes Jahr an einem Hilfskonvoi teilnahm, pflichtet ihm bei: «Es stimmt, obwohl ich nur ihre Augen sehen konnte. Sie waren maskiert, aber einige blinzelten uns zu. Ich empfand das als freundlich und als Versuch, uns zu beruhigen», sagte die Frau laut «Haaretz».

Rote Linien sind definiert

Einer der Ausbilder fügte hinzu, dass einige Soldaten die Aktivisten anschreien und verbal beleidigen könnten. «Wenn ihr ihren Vorgesetzten sagt, dass ihr die Kaperung des Schiffs als illegale Entführung betrachtet, ist das legitim. Aber schreit auf keinen Fall zurück. Das ist eine der roten Linien», sagte er. Diese roten Linien sind in einem Verhaltenskodex festgehalten, den alle Teilnehmer des diesjährigen Hilfskonvois im Rahmen einer Gewaltsverzichtserklärung unterschreiben.

Dort heisst es etwa: Keinen physischen Kontakt mit den Soldaten anregen, nicht ins Wasser springen, keine Gegenstände gegen die Soldaten werfen, keine Feuer legen, keine Feuerlöscher gegen Soldaten einsetzen, keine Gegenstände benutzen oder zeigen, die als Waffen missverstanden werden könnten, etwa eine Kamera.

(kri)